Deglobalisierung – warum, wohin?

Die Entwicklung des Welthandels zeigt seit einiger Zeit Schwäche. 2015 stagnierte er mehr oder weniger, 2008 war er noch um 14% gegenüber dem Vorjahr gewachsen. Mitte der 1970er Jahre kam er auf eine Jahresrate von 22%, zuvor war das System von Bretton Woods aufgehoben worden, die Freizügigkeit des internationalen Kapitalverkehrs begann. Es ist unstrittig, dass das den Startschuss für die heutige, vom Finanz-System dominierte Globalisierung gab. Die Ursachen für die aktuelle Schwäche des Welthandels werden hingegen kontrovers diskutiert.

Das Verhältnis zwischen Welthandel und globalem BIP gibt einen Eindruck von Ausmaß der internationalen Arbeitsteilung, es kommt 2015 auf knapp 23%. !970 lag es noch bei 11%, der Maximalwert wurde 2008 mit 26% erreicht. Seine jährliche Veränderungsrate hat in 2000 und in 2008 jeweils eine Spitze von +4% markiert, seit 2011 sinkt sie, in 2015 war sie zum ersten Mal seit 1992 wieder negativ. Das globale BIP kontrahierte in den zurück liegenden 35 Jahren nur zweimal – 2009 und 2015. Es entwickelt sich seit 2008 unter dem 2002 eingeschlagenen Trend (siehe Chart – zur Reduktion der Volatilität wird mit gleitenden Mittelwerten über siehen Jahre gearbeitet).

Das globale Wachstum hängt 4,5% hinter dem Vorkrisentrend zurück, heißt es in den „Global Economic Prospects“ der Weltbank von Januar 2015. Als Vorkrisentrend gilt hier der Durchschnitt der realen Wachstumsraten zwischen 1980 und 2008. In den USA und in der Eurozone liegen die Wachstumsraten in diesem Vergleich rund 8%, bzw. 13% zurück. Das spiegelt sich neben anderen Faktoren in der Schwäche von deren Import-Volumina wider. Hier liegen die Daten mehr als 20% unter dem Trend. Da die entwickelten Volkswirtschaften für etwa 65% der weltweiten Importe stehen, belastet dies unausweichlich die Erholung des Welthandels.

Barry Eichengreen sieht die Ursache des schleppenderen Welthandels im langsameren globalen BIP-Wachtum (und nicht umgekehrt). An weiteren Einflussfaktoren nennt er Investitionsausgaben, China und die Logistik.

Die Investitionsausgaben sind seit 2008 stark unter Druck geraten. Investitionen sind Handels-intensiv, denn die Nachfrage nach technisch anspruchsvollen Kapitalgütern konzentriert sich auf Angebote aus einigen wenigen Ländern, wie etwa Deutschland. China wuchs bis 2011 noch zweistellig, die Ex- und Importe stiegen noch stärker an. Der wirtschaftliche Abschwung des Landes lässt das Wachstum auf unter sieben Prozent BIP-Wachstum fallen, was zum Teil auf die Schwäche im internationalen Handel zurück zu führen ist. Auch die globalen Supply-Chains spielen eine Rolle. Sinkende Transportkosten durch immer effizientere Logistik haben den internationalen Handel mit Teilen und Halbfertigprodukten begünstigt. Da es aber unwahrscheinlich ist, dass die Effizienz im Transportwesen weiterhin stärker steigt als die Effizienz in der Produktion, scheint eine Grenze in der Entwicklung der internationalen Arbeitsteilung erreicht, so Eichengreen.

Für Eichengreen ist die Entwicklung des Welthandels Symptom für das, was Larry Summers vor einigen Jahren mit dem Schlagwort „Säkulare Stagnation“ umrissen hat. In diesem Zusammenhang verweist er auf die gedrückten Investitionen (siehe z.B. hier!), die wiederum finanzielle Probleme und politische Unsicherheiten widerspiegeln. Seiner Ansicht nach ist ein politischer Konsens hinsichtlich Wachstums-fördernder Wirtschaftspolitik nötig. Dabei müsse sich aber erst noch zeigen, ob Trump-Administration und neu gewählter Kongress in der Lage sind, eine solche Wirtschaftspolitik produktiver Infrastruktur-Projekte auf den Weg bringen kann.

In „Production fragmentation and the global trade slowdown“ untersuchen die Autoren die ‘global import intensity’ (GII) der Produktion. Darunter verstehen sie das Verhältnis des Wertes der nötigen Importe zum Wert des fertigen Produkts. Dieses Maß internationaler Produktionsfragmentierung steigt mit der Zahl der Produktionsstufen und der Wahrscheinlichkeit, dass zwischen den einzelnen Stufen grenzüberschreitender Handel stattfindet. Die Entwicklung der Import-Intensität einzelner Länder seit 2000 wird im folgenden Chart gezeigt (der globale Verlauf deckt sich mit dem des oben gezeigten Verhältnisses zwischen Welthandel und globalem BIP).

Das Ergebnis überrascht vielleicht, denn demnach hatte die zunehmende chinesische Nachfrage keinen bedeutenden Einfluss auf die Entwicklung der globalen Handelsintensität. Das chinesische GII war zwar zu Beginn des neuen Jahrtausends zunächst mit in der Spitze 29% etwas höher als der globale Durchschnitt. Ab 2007 fiel es aber darunter und liegt heute noch bei 20%. Das spiegelt die Nachfrageverschiebung in Richtung Dienstleistungen und in Richtung von Produkten für den einheimischen Markt wider, die in steigendem Maße in Inland gefertigt werden. Sollten die chinesischen Wachstumsraten weiterhin über dem globalen Durchschnitt liegen und gleichzeitig der Trend in China zu einem höheren Anteil der einheimischen Fertigung anhalten, wird das die Import-Intensität des globalen BIP weiter drücken. Aus dieser Perspektive heraus halten die Autoren des Aufsatzes die aktuelle Abschwächung des Welthandels für normal und wenig besorgniserregend. Eine leichte Abnahme der Import-Intensität ist seit 2011 auch für andere Länder festzustellen. Deutschland ist Spitzenreiter mit immer noch gut 35%. Die USA bilden das andere Extrem mit aktuell rund 17%.

Einen Eindruck über das Ausmaß der Kapitalflüsse in den zurückliegenden drei Dekaden gibt folgende Graphik, die dem Aufsatz „Gross Capital Flows: Dynamics and Crises“ entnommen ist. Die Größe der drei Ellipsen steht für den Umfang des Kapitalverkehrs jeweils in den 1980er, 1990er und 2000er Jahren. Gut zu sehen, wie stark sich die Kapitalflüsse in dieser Zeit intensiviert haben.

Eichengreen weist darauf hin, dass die in beide Richtung gehenden internationalen Brutto-Kapitalflüsse seit 2009 nicht nur nicht, wie der Welthandel, langsamer zunehmen, sondern absolut gesehen signifikant unter den Werten von 2009 liegen. Das liegt v.a. daran, dass die grenzüberschreitenden Bank-Kredite zurückgegangen sind, was Eichengreen auf die Bankenregulierung seit 2009 zurückführt. Die Direktinvestitionen im Ausland zum Bau von Fabriken oder zum Kauf von ausländischen Unternehmen liegen hingegen auf Vorkrisen-Niveau. Das gilt auch für die grenzüberschreitenden Kredite in Zusammenhang mit Aktien und Bonds. Wenn die Trump-Administration die Regulierungsvorschriften wie angekündigt zurück nimmt, dürften auch die grenzüberschreitenden Bank-Kredite wieder zunehmen, die internationalen Kapitalflüsse werden sich intensivieren. Wir sollten vorsichtig sein mit dem, was wir uns wünschen, warnt Eichengreen. (Wenn internationale Dollar-Bank-Kredite wieder zunehmen, dürfte dies übrigens den Dollar eher wieder schwächen (siehe auch hier!))

Die von der Finanzindustrie dominierte Globalisierung bestimmt den Welthandel seit über 40 Jahren. Zu Beginn dieser Phase dürfte der Welthandel und die damit in Verbindung stehende internationale Arbeitsteilung eine Win-win-Situation für alle Beteiligten gewesen sein, für die entwickelten Volkswirtschaften genauso wie für die Emerging Markets. Der Zenith dieser Entwicklung dürfte in den späten 1990er Jahren mit der Krise der Tigerstaaten und der Schuldenkrise in Lateinamerika erreicht worden sein.

Seitdem geht es vorrangig um die Verteilung der mittlerweile schrumpfenden oder zumindest nicht mehr steigenden Erträge aus den Vorteilen der globalen Arbeitsteilung. Den größten Anteil am kleiner werdenden Kuchen beanspruchen die internationalen Finanzinstitute. Die Schere der Einkommens- und Vermögensverteilung geht beschleunigt auf – sowohl innerhalb der meisten Länder auf der Welt, als auch zwischen den entwickelten Ländern und den Emerging Markets. Daher entwickelt die Bevölkerung in immer mehr Ländern zunehmend Vorbehalte gegenüber dieser Art der internationalen Handelspolitik. Die Wahl eines Trump ist ein klares, wenn auch dummes Zeichen in dieser Richtung.

Da die Globalisierung kein Garant für weitere globale Wohlstandszuwächse mehr ist, kommt es zu einer Gegenbewegung, in derem Rahmen internationale Verteilungskämpfe dominieren. Diese verschärfen das globale politische Klima und tragen so auch dazu bei, die internationale Entflechtung weiter voran zu treiben. Diese Entwicklung dürfte zu immer schneller wechselnden, immer unsichereren internationalen Allianzen führen, was auch die Gefahr kriegerischer Auseinandersetzungen erhöht. In diesem Sinne ist schon die QE-Politik der Zentralbanken Ausdruck solcher internationaler Verteilungskämpfe, indem versucht wird, durch Schwächung der eigenen Währung Wettbewerbsvorteile im globalen Handel herauszuschlagen. Auf Globalisierung folgt Deglobalisierung.

Wenn der Trend zur Deglobalisierung dazu führt, Ressourcen im eigenen Land aufzubauen, kann das zu einem Wachstumsimpuls führen. Gleichzeitig steigen jedoch wahrscheinlich die Stückkosten an. Das ist womöglich aber nur ein vorrübergehender Effekt, da gleichzeitig Aufwendungen für Transport, Planung und Logistik entfallen. Und angesichts des erreichten hohen Automatisierungsgrades spielen Lohnkostenunterschiede keine so große Rolle mehr wie noch vor 20 Jahren. Ob aus dem anfänglichen Impuls eine nachhaltige Bewegung wird, hängt davon ab, wie hoch eventuelle politische Handelsbarrieren gebaut werden. Je höher sie würden, je stärker würde der internationale Wettbewerb beschränkt, was die Produktivitätsentwicklung und damit das Wachstumspotenzial längerfristig negativ beeinflussen dürfte.

Das von Globalisierungs-Befürwortern heraufbeschworene Weltuntergangsszenario der Deglobalisierung ist keinesfalls zwangsläufig. Es geht darum, die internationale Arbeitsteilung dort zu erhalten, wo sie klare real-wirtschaftliche Vorteile für alle Beteiligten bietet – „real-wirtschaftlich“ in Abgrenzung zu Vorteilen aus Sicht einer Kapitalverwertung. Wenn der sogenannte Freihandel zu faireren internationalen Beziehungen führt, wäre das nur sinnvoll. Unter dem Deckmantel des Freihandels kam es über die Jahre zu immer stärkeren politischen Abhängigkeiten der ärmeren Länder von den großen Wirtschaftsnationen – die Quittung erhalten wir u.a. über die Destabilisierung des Nahen Ostens und die Flüchtlingsströme. Die einsetzende Deglobalisierung bietet Chancen – ob sie genutzt werden, steht auf einem (ganz) anderen Blatt. Notwendig dazu ist, die Dominanz der Finanzindustrie zurückzudrängen.

In der Entwicklung des Welthandels zeigt sich eine klare Abschwächung. Im zweiten Quartal des laufenden Jahres kam es sogar zu einer Schrumpfung. Die internationale Arbeitsteilung ist kein Garant für die Entwicklung des globalen Wohlstands mehr. Verteilungskämpfe treten in den Vordergrund. Sie werden sich mit dem Ausbau des Trends zur Deglobalisierung weiter verschärfen.

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