Vor 40 Jahren endete „Bretton Woods“

Vor gut 40 Jahren, im Jahre 1971, brach mit der Auflösung der Verträge von Bretton Woods eine neue Ära der internationalen Handelsbeziehungen an und legte den Grundstein für eine Entwicklung, die nahtlos mündet in das Platzen der Schuldenblase im Herbst 2008.

Das hat zu einem Transfer privater zu öffentlichen Schulden geführt (siehe Staaten – Schulden ohne Ende). Die Gesamtverschuldung (öffentliche plus private Schulden) ist dabei kaum gesunken. Schlimmer noch: Die Politik hat sich in den Wirren des Herbstes 2008 erpressbar gemacht hat.

Sie hat auch geholfen, das „Geschäftsmodell“ zu etablieren, wonach Banken sich zu nahezu Null % Zinsen Mittel bei der Notenbank besorgen, damit hochverzinsliche Anleihen von fast-pleite-Staaten kaufen. Wenn die Rating-Agenturen schließlich Alarm schlagen, erwarten sie, dass ihre „Investments“ durch Notenbanken und/oder Regierungen abgesichert werden. Das wird dann z.B. Rettung der Eurozone genannt…

Im Juli 2011 stritt sich die US-Politik über die Erhöhung der Schuldenobergrenze des Kongresses über 14,3 Bill. Dollar hinaus…

Die skizzierten, seit den 1970er Jahren eingeschlagenen Trends behalten ihre Gültigkeit. Aus Anlass des Jahrestags dieser wichtigen Weichenstellung stelle ich nachfolgend einige Passagen aus dem 2004 erschienen Buch „Weltsichten – Weitsichten“ von R. Rethfeld und K. Singer zusammen.

1944 war in Bretton Woods eine weltwirtschaftliche Ordnung konzipiert worden, die den beteiligten Nationalstaaten unter der hegemonialen Führung der USA ein hohes Maß an gegenseitig gestützter Handlungsfähigkeit bei der Steuerung ihrer Wirtschaft verschafft hatte. Die von den USA garantierte kooperative Freihandels- und Währungsordnung lieferte den äußeren Rahmen für eine antizyklische Keynesianische Wirtschaftspolitik in den Einzelstaaten. Diese wiederum war eine wichtige Bedingung für den Nachkriegskompromiss zwischen Kapital und Arbeit, der politisch Vollbeschäftigung garantierte. Um die politische Stabilität der Einzelstaaten in einer Zeit des Wettstreits von Kapitalismus und „Kommunismus“ sicherzustellen, zielte dieser Kompromiss darauf ab, der Bevölkerung ein Mindestniveau an sozialer Gleichheit und materieller Versorgung zuzugestehen.

Nach 1944 waren international akzeptierte Schranken installiert worden, in denen sich der Welthandel bewegen musste. Sie stellten für drei Jahrzehnte die dichtesten Kapitalverkehrsbeschränkungen in der bisherigen Geschichte des internationalen Kapitalismus dar. An deren Stelle trat mit dem Ende des Systems von Bretton Woods die direkte und ungebremste internationale Abhängigkeit und Verflechtung.

Damit verschwand die Möglichkeit der Nachkriegsperiode, in einer internationalisierten Wirtschaft nationale Wirtschaftspolitik zu betreiben. Vieles von dem, was innerhalb eines Landes geschieht, ist heute unmittelbar von Ereignissen abhängig, die außerhalb seiner Grenzen stattfinden und mit innenpolitischen Mitteln nicht zu beeinflussen sind.

Der Wegfall der Institutionen von Bretton Woods hat die Mobilität des Produktionsfaktors Kapital drastisch gesteigert. Es kann jetzt noch einfacher dorthin transportiert werden, wo es optimale Verwertungsbedingungen vorfindet. Damit reduzieren sich die Möglichkeiten der Organisationen des weniger mobilen Produktionsfaktors Arbeit, aber auch diejenigen anderer nationaler Institutionen, mit dem Kapital Bedingungen auszuhandeln oder ihm Beschränkungen aufzuerlegen. Bei Nichtgefallen wandert es eben ins Ausland ab. Mit den zwischen den Produktionsfaktoren einseitig veränderten Macht- und Gestaltungsmöglichkeiten verschiebt sich das gesamte soziale und politische Gefüge innerhalb der Einzelstaaten.

Das Ende des Bretton-Woods-Systems war zugleich der Schlusspunkt des Systems fester Wechselkurse. In der Folge kam es zu in ihrem Außenwert heftig schwankenden Währungen. Das öffnete der Finanzspekulation zusammen mit Deregulierung und Liberalisierung der Finanzmärkte die Tür zu ihrer Globalisierung.

Der Zusammenbruch des 1944 geschaffenen, auf der Gold-Konvertierbarkeit des Dollar beruhenden Bretton-Woods-Systems machte den Weg frei für die globale Finanzindustrie, für Banken, Versicherungen, Fondgesellschaften sowie die Finanzabteilungen der transnationalen Konzerne. Im Rahmen der Globalisierung hat die Verflechtung der Wirtschaftsräume stark zugenommen. Die Finanzmärkte verzahnten sich ebenso wie die Gütermärkte.

Die Folgen der Ereignisse des Jahres 1971 waren neben der Entmachtung der Nationalstaaten und des Faktors Arbeit explodierende Unternehmensgewinne im Finanzsektor, ansteigende Verschuldung und überschießende Spekulation.

Finanz-Unternehmensgewinne explodieren

Als Reaktion auf die Profit-Krise der 1970er Jahre erlangte das Finanzwesen bei Akkumulation und Restrukturierung von Kapital eine immer größere Bedeutung. Der schärfer gewordene Wettbewerb führte zu einer starken Kapitalkonzentration. Aufkäufe und Fusionen von Unternehmen ließen den Finanzmärkten mehrere Hundert Milliarden Dollar zufließen. Speziell in den USA entstanden gigantische Banken, deren Geschäfte kaum zu kontrollieren sind. Die Deregulierung der Finanzmärkte gab den Kapitalbesitzern die Möglichkeit, ihr Geld weltweit zu bewegen, um kurzfristige Profite zu maximieren. Manien und Paniken begleiten die Spekulation.

Die Gewinnmasse der nicht im Finanzsektor tätigen Unternehmen ist zwischen 1948 und 2002 in den USA um den Faktor 17 von 27 auf 460 Mrd. Dollar angewachsen. Im Vergleich dazu haben sich aber die Gewinne der US-Finanz-Unternehmen von 2,6 auf 210 Mrd. Dollar verachtzigfacht. Daran zeigt sich, dass die Bedeutung der Finanzindustrie in den USA in den vergangenen 50 Jahren absolut wie relativ deutlich zugenommen hat. Der Aufwärtstrend scheint ungebrochen.

In den meisten der in einer im November 2002 erschienenen Untersuchung (Gerald Epstein und Dorothy Power von der Universität von Massachusetts) betrachteten Länder hat sich der durchschnittliche Anteil des „rentier income“ am Bruttoinlandprodukt in der Dekade von 1990 – verglichen mit den 1960er, bzw. 1970er Jahren – dramatisch ausgeweitet. In einigen Fällen, so in Dänemark, Frankreich und Großbritannien war eine Verdoppelung oder mehr festzustellen. In Belgien, Deutschland (plus 91 %), Luxemburg, Norwegen, Österreich und in den USA (92,4 %) betrug die Zunahme mehr als 50 %. Nur in vier Fällen, nämlich in Island, Korea, Spanien und Schweden fiel der Anteil. In Korea, das 1990 mit einer schweren Finanzkrise zu kämpfen hatte, fiel der Anteil sogar um über 200 %.

In den USA begann sich der Anstieg der Quote des „rentier income“ um 1979/1980 zu beschleunigen, als unter dem damaligen FED-Gouverneur Volcker die Politik hoher Realzinsen und unter Präsident Reagan eine hohe Staatsverschuldung betrieben wurde. Deregulierung im Finanzsektor und Wiederauferstehung des ökonomischen Neoliberalismus begünstigten die Entwicklung ebenfalls.

Zunehmende Verschuldung

Waren es im Jahre 1800 noch knapp 83 Mio. Dollar, verfünfundzwanzigfachte sich der öffentliche Schuldenberg der USA 100 Jahre später auf 2,14 Mrd. Dollar. 1920, nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, waren die Schulden bereits auf fast 26 Mrd. Dollar angewachsen. 1950, der Zweite Weltkrieg war vorbei, lag der Schuldenstand mehr als 120 mal so hoch wie zur Jahrhundertwende, nämlich bei knapp 260 Mrd. Dollar. Bis 1970 verlief die Steigerung auf 390 Mrd. Dollar recht moderat. Schon 1975 allerdings, die Goldkonvertierbarkeit des Dollar war einige Jahre zuvor mit der Aufhebung der Verträge von Bretton Woods endgültig Geschichte geworden, standen fast 577 Mrd. Dollar in den Büchern. Von da an kam richtig Schwung auf. Die Stationen führten von 1985 mit fast 2.000 Mrd. Dollar auf nahezu 5.000 Mrd. Dollar in 1995.

Zwischen 1947 und 1970 lag die Pro-Kopf-Verschuldung der öffentlichen Hand in den USA recht konstant bei etwas über 2.000 Dollar. 1987 wurde die Schwelle von 10.000 Dollar überschritten, 2004 waren es bereits mehr als 22.500 Dollar.

Natürlich sind die USA keine unrühmliche Ausnahme beim Schuldenmachen. Der Schuldenstand des deutschen öffentlichen Gesamthaushalts stieg von 43,16 Mrd. Euro oder 18,4 Prozent des BIP im Jahre 1965 auf 1.282,8 Mrd. Euro Ende 2002. 2001 entfielen auf jeden Einwohner Deutschlands rund 15.000 Euro an öffentlichen Schulden. Zum selben Zeitpunkt lag der Wert für Japan bei 39.700 Euro, in den USA wurden 23.700 Euro ausgewiesen.

Spekulation

Natürlich gab es auch die Finanzspekulation schon immer, neu ist aber nun ihr Umfang und ihr weltweiter Aktionsradius. Sie erlebte seit Fall des Bretton Woods Systems, befreit von Grenzkontrollen, einen Aufstieg, den die Menschheit so bisher noch bei keinem Wirtschaftszweig gesehen hat. Der Handel mit Devisen und Wertpapieren entwickelte sich zum mit Abstand umsatzstärksten Gewerbe der Welt, schreibt etwa ATTAC. So ist z.B. das Volumen der Anleihemärkte seit 1970 bis 2000 um etwa 2.500 % auf mehr als 23 Bill. (23.000.000.000.000) US-Dollar gestiegen.

Die nach der Deregulierung enorm angestiegene Aktivität auf den globalen Finanzmärkten zeigt sich z. B. auch in den Umsatzdaten auf den Devisenmärkten: Ende der 1990er Jahre erreichten die täglichen Umsätze hier Spitzenwerte von 1,5 Bill. Dollar. Ende der 1980er Jahre wurden lediglich Spitzenwerte von 600 Mrd. Dollar erreicht, im Jahre 1970 waren es gerade einmal 70 Mrd. Dollar täglich. Anfang des neuen Jahrtausends waren von den im Mittel rund 1,2 Bill. Dollar Tagesumsatz 1,16 bis 1,17 Bill. Dollar reine Geldanlagen. 80 Prozent davon wurden alle acht Tage in andere Währungen umgetauscht.

Der Bestand an Aktien hat sich seit 1980 bis 2002 fast verzehnfacht, der Handel mit ihnen ist im selben Zeitraum um das Hundertfache gestiegen.

Die Welt der Derivate hat sich längst von ihrer Grundfunktion, der Absicherung von real stattfindenden Handelsgeschäften, losgelöst. Vor 35 Jahren praktisch kaum vorhanden, betrug die Summe der Ende 1998 bestehenden Finanzderivate 65 Bill. Dollar, ihr Jahresumsatz lag bei gut 380 Bill. Dollar. Macht bei 250 Arbeitstagen 1,6 Bill. Dollar pro Tag. Die BIZ geht 2003 von lediglich etwa 1 % des gesamten Derivatevolumens aus, das sich auf stoffliche Gegenstände wie Getreide, Gold oder Rohöl bezieht.

Selbst wenn jedes Geschäft im Welthandel mit Waren, Dienstleistungen und Direktinvestitionen durch Derivate abgesichert würde, liegt der realwirtschaftlich bedingte Anteil immer noch bei weit unter 5 %. Die überwiegende Masse betrifft Finanzprodukte. Der weitaus größte Teil der Derivate von 95 % und mehr wird demzufolge für spekulative Geschäfte eingesetzt.

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