EU – höchstes Bankenrisiko

Eine kürzlich erschienene Studie des Milken-Instituts befasst sich mit dem weltweiten Bankensystem. Unter dem Titel „Systemically Important Banks in the Post-Crisis Era” stellt sie eine Fülle von Informationen über die Finanzmärkte und die weltweit systemrelevanten Banken (“G-SIB”) zusammen. Darüber hinaus befasst sie sich mit dem Stand der Bankenregulierung.

Ich ziehe nachfolgend aus der Studie einige Tabellen heraus, um die hauptsächlichen Gefahrenherde darzustellen. Mit dem Stand der Regulierung befasse ich mich nicht. Die Studie deutet an, dass hier noch viel zu tun bleibt, um zu einer international harmonisierten Verfahrensweise zu kommen. Selbst wenn eines (viel zu) fernen Tages so etwas erreicht werden sollte, wird das (aus gutem Grund…) völlig ungenügend bleiben.

Zu diesem Aspekt sei auf eine Aussage von Niklaus Blattner verwiesen, von 2003 bis 2007 Vizepräsident der Schweizerischen Nationalbank: Immer komplexere Finanzmarkt- und Bankenregulierungen können neue Krisen nicht verhindern. Man sollte nicht nach immer feineren Systemmethoden suchen, sondern auf die Risikogewichtung verzichten und die Banken verpflichten, statt wie bisher bloß wenige Prozent zum Beispiel 20 Prozent der Bilanzsumme an Eigenkapital zu halten.

Der Finanzmarkt der EU verfügt mit über 31% über den weltweit größten Einzelanteil, gefolgt von den USA mit fast 25% und Japan mit fast 15%. Betrachtet man die Banken nach Anteil ihrer Assets am weltweiten Assetvolumen der Banken, so ragt die EU wiederum mit fast 37% heraus, die USA kommt auf demgegenüber „magere“ gut 15%, auf dem dritten Platz rangiert hier China mit 13,9%. Japan belegt mit 9,8% den vierten Platz. Wenn man unterstellt, dass das finanzielle Risiko mit der Größe des Banksektors steigt, ist die EU die finanziell riskanteste Region auf der Welt.

Das gilt erst recht wenn man das BIP einbezieht. Das Verhältnis der Bank-Assets zum BIP kommt für die EU auf 2,2, die USA erreichen gerade einmal 0,96. Das EU-Bankensystem ist demnach völlig überdimensioniert. „Völlig überdimensioniert“ heißt „besonders gefährlich“. Das gilt relativ und absolut: Der EU-Anteil am Welt-BIP liegt mit 22,9% knapp über dem der USA (21,9%).

Frankreich ist innerhalb der Eurozone besonders krass: Das Bankensystem des Landes kommt von seiner Größe her auf Platz fünf nach Großbritannien. Es ist 3,02 mal größer als sein BIP. Das Bankensystem Großbritanniens, Mitglied der EU, nicht aber der Eurozone, ist 3,81 mal größer als das BIP.

Deutschlands Bankensystem ist vom Anteil an den gesamten weltweiten Bankensassets halb so groß wie der Frankreichs, das deutsche BIP liegt jedoch 1,3 mal so hoch. Damit kommt das Verhältnis Bank-Assets zu BIP auf 1,15. In Italien liegt das Verhältnis bei 1,71.

Die folgende Tabelle (vom Verfasser) zeigt die nach relativer Größe des Bankensystems (und damit nach Risikopotenzial) geordneten G-20-Länder. Der Mittelwert des Verhältnisses “Bank Assets zu BIP” kommt auf 1,33.

Schaut man sich die größten Banken der Welt an, so wird die Rangliste von einer chinesischen Bank angeführt, es folgen HSBC (UK), Deutsche Bank und BNP Paribas (F).

Die Ausrichtung auf den Derivate-Markt dürfte ein wichtiges Risiko-Indiz sein. Beim Verhältnis der Derivate-Assets zu den gesamten Assets der nach IAS bilanzierenden Banken sticht die Deutsche Bank mit 38% heraus. Barclays (UK – Rang 8 ) kommt auf 31%, die RBS (UK – Rang 12) auf 33,7%. Die UBS (Ch – Rang 22) vermeldet 33,2%. Die US-Banken bilanzieren nach US GAAP. Hier sehen die Verhältnisse so aus: JPMorgan Chase (Rang 7 ) kommt auf 42%, die Banc of America (Rang 10) auf 39%, die Citigroup (Rang 14) auf 37%.

Die aus Sicht der Derivateausrichtung fünf weltweit riskantesten Banken wären demnach die erwähnten drei US-Banken, die Deutsche Bank und Barclays.

Untersucht man die Daten zu Assets, Verbindlichkeiten und Kapital-Relationen (tangible common equity/tangible assest), so sticht unter den 21 größten Banken die Deutsche Bank heraus. Die weltweit drittgrößte Bank verfügt über die mit Abstand schwächste Kapitalausstattung bei gleichzeitig stärkster Ausrichtung auf die Finanzmärkte (“derivates and trading” 41,2%). Die Credit Agricole (F) sieht ähnlich riskant aus, die fünftgrößte Bank der Welt hat eine Kapital-Relation von 1,5%, 33,4% der Verbindlichkeiten entfallen auf „derivates and trading“. Danach wären Barclays (UK – Rang 8 ) und RBS (UK – Rang 12) zu nennen.

Schließlich ergibt sich aus dem Verhältnis der gesamten Assets einer Bank zum BIP des jeweiligen Heimatlandes, dass die HSBC (UK – Rang 2 ) mit gut 110% das höchste Einzelgewicht unter den größten zehn Banken hat, gefolgt von BNP Paribas (96,5%), Barclays (96,4%), Credit Agricole (93,2%) und Deutscher Bank (71,8%). Schaut man sich die ersten 30 Banken an, so sticht allerdings die UBS (Ch – Rang 22) mit 217% heraus, gefolgt von ING (NL – Rang 19), Nordea (S – Rang 26) und CS (CH – Rang 24).

Nicht verwunderlich, dass die Schweiz aus diesem Blickwinkel mit zwei Banken, deren Assets jeweils weit über 100% des BIP liegen, das höchste Bankenrisiko hat. In diesem Sinne ist allerdings auch Frankreich mit zwei großen Banken nahe der 100%-Grenze als besonders gefährdet anzusehen, gefolgt von Großbritannien, den Niederlanden, Schweden und Deutschland. Die USA erscheinen aus diesem Blickwinkel wenig gefährdet, JPMorgan Chase (Rang 7 ) kommt gerade mal auf 15%.

Im Endergebnis dürfte die EU die Region auf der Welt mit dem weitaus größten finanziellen Risiko sein. Innerhalb dieser Region dürfte Frankreich und England besonders anfällig sein. Deutschland sticht als Heimatland der weltweit drittgrößten Bank heraus, die noch dazu die absolut höchste Ausrichtung auf das Derivategeschäft, die höchste absolute und relative Ausrichtung auf die Finanzmärkte und die schwächste Kapitalausstattung hat. Die US-Banken zeichnen sich zwar kumuliert durch eine hohe Derivateausrichtung aus, ihr Anteil am BIP ist aber vergleichsweise gering, was das Risiko zumindest begrenzt.

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