Gefährliche Ungleichgewichte

Vor einigen Tagen hat Laurence Summers das Thema der Ungleichheit aufgegriffen. Er schreibt, der Anteil der Einkommen der reichsten ein Prozent ist scharf angestiegen, ein wachsender Anteil des BIP geht an Unternehmensgewinne, Reallöhne stagnieren, Familieneinkommen sind deutlich schwächer gestiegen als die Produktivität. Der kumulative Effekt all dieser Entwicklungen ist, dass die US-Wirtschaft bereits auf dem Abwärtspfad unterwegs ist.

Sehr wahrscheinlich bleiben uns diese Themen noch lange über den Punkt hinaus erhalten, an dem sich die zyklischen Bedingungen normalisiert haben. Allein im zurückliegenden Jahr, so Summers, hat die starke Performance der Aktienkurse eine Wohlstandssteigerung von etwa 6 Bill. Dollar gebracht, wovon der Löwenanteil an die Gruppe der sehr Reichen gegangen ist. Wahrscheinlich nimmt der Staat nicht einmal 10% an Steuern hierauf ein.

Summers hatte im Spätjahr vergangenen Jahres die These von der „säkularen Stagnation“ wiederbelebt und seinerzeit Blasen an den Finanzmärkten als ein probates Mittel vorgestellt, diese zu bekämpfen. Jetzt hat er das Steuersystem im Fokus. Das sei gegenwärtig so schlecht aufgestellt, dass es sehr wahrscheinlich zu einer Reduktion des Wirtschaftswachstums beiträgt. Eine Steuerrefrom müsse Einkommensungleichheiten reduzieren, indem die Einkommen der Mittelklasse und der Armen angehoben werden.

Wir hatten dieses Thema u.a. hier und hier aufgegriffen.

Wie sehr die Schere bei den US-Einkommen mittlerweile auseinanderklafft, zeigt der folgende Chart:

Der Verlauf der unteren 90% („Bottom 90% average income-inclucing capital gains“) ist hier dargestellt:

Klar zu erkennen ist bei den unteren Einkommen die Seitwärtsbewegung seit Anfang der 1970er Jahre und bei den höchsten Einkommen der Beginn des Auseinanderklaffens in den späten 1970er Jahren.

Von John Mauldin stammt der folgende Chart:

Er zeigt sehr deutlich wie sich in den frühen 1970er Jahren Produktivität und Reallöhne der Beschäftigten in der Fertigungsindustrie zu entkoppeln begannen. Die Produktivität hat sich seitdem in etwa verdoppelt, die Löhne kriechen seitwärts dahin. (In Deutschland zeigt sich zumindest für die zurückliegenden 18 Jahre ein ähnliches Bild – siehe hier!).

In den ersten beiden industriellen Revolutionen seien die Produktivitätsgewinne noch einigermaßen gleich über die Wirtschaft verteilt worden, die steigende Flut habe 200 Jahre lang alle Boote gehoben – so der Kommentar von Mauldin.

Der folgende Chart zeigt in seinem unteren Teil, dass sich der Anteil der Löhne und Gehälter am US-BIP von 50% im Jahre 1969 per Q3/2013 auf gut 42% reduziert hat. In derselben Zeit ist der Anteil der Unternehmensgewinne von 6% auf 11% angewachsen. Dabei hat der Finanzsektor am stärksten profitiert. Seine Gewinne stiegen in diesem Zeitraum um 261%, die der nicht-Finanz-Unternehmen legten lediglich um 34% zu.

Dass sich die 1970er Jahre als Startpunkt der zunehmenden Ungleichverteilungen erwiesen haben, ist kein Zufall. Mit dem Ende des Bretton Woods Systems begann die Ära der internationalen Freizügigkeit des Finanzkapitals und der heutigen Globalisierung.

Die Schlussfolgerung liegt auf der Hand. Mit der zunehmenden Dominanz des Finanzsektors hat die Einkommensverteilung der US-Gesellschaft (und nicht nur dort) Züge angenommen, die auf Dauer nicht haltbar sein werden. Nicht nur, dass die Kluft zwischen den Einkommensklassen immer weiter auseinandergeht, auch die gleichmäßige Verteilung der Produktivitätsfortschritte bleibt auf der Strecke – und das selbst zwischen den verschiedenen Unternehmenssektoren: Die Gewinnanteile der nicht-Finanz-Wirtschaft hinken gewaltig hinter denen der Finanzindustrie hinterher. Dass sich diese Entwicklung seit dem offenen Ausbruch der Finanzkrise noch dramatisch beschleunigt hat, zeigt, wohin die sogenannten „Rettungsgelder“ geflossen sind.

Was ist neben Änderungen bei der Besteuerung zu tun? Mauldin schlägt vor, massiv in Bildung zu investieren, um die „normale“ Bevölkerung zu befähigen, besser bezahlte Jobs zu bekommen oder selbst Unternehmen zu gründen.

Mauldins Vorschläge sind Schritte in die richtige Richtung, sie zielen aber zu kurz. Wenn die Wurzel dieser Entwicklung in der Bevorteilung der Finanzindustrie liegt, muss diese abgebaut, ihre Rolle wieder auf eine der Realwirtschaft dienende Funktion zurückgeschnitten werden.

Zum Thema ein Cartoon aus der „Washington Post“ (h/t T.J.) (die Übersetzung stammt von mir)

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