S&P 500 – Kunsthandwerker bei der Arbeit

Der S&P 500 steigt auf ein frisches Allzeithoch auf Tagesschlusskurs-Basis, der Nasdaq sowieso, auch der DAX zeigt sich bullisch. Und n-tv fragt, „warum die Märkte einfach weiter steigen“.

Ja, warum eigentlich? Antworten darauf gibt es reichlich. Die einen meinen, der Tiefpunkt des globalen Wachstums werde gerade durchschritten, andere verweisen auf das überraschend robuste BIP der VR China, wieder andere sehen die US-Wirtschaft als grundsolide an, die erhoffte Lösung im Handelsstreit USA-China wird als Grund genannt. Auch die berühmt-berüchtigte „wall of worry“ muss herhalten. Oder weil Hedge-Fonds usw. ihr über die Jahre angehäuftes Material gerne zu möglichst hohen Kursen loswerden wollen, oder, oder, oder.

Die Bewegung im S&P 500 wird unterstützt dadurch, dass vier S&P-Sektoren auf neue Allzeithochs gestiegen sind. Einer davon, Technologie, führt die bullische Bewegung schon seit einiger Zeit an, wobei wenige bekannte Größen wie Amazon, Apple, Google, Facebook und Netflix vorne mitspielen. Will heißen, diese Bewegung ist fragil, ihre Breite ist relativ gering und je länger sie anhält, je größer ist die Gefahr eines Rückschlags. Zudem traten zuletzt Texas Instruments und Intel mit Warnungen auf den Plan, die Umsätze könnten in den nächsten Quartalen schwächer ausfallen als erwartet. Halbleiter sind die materielle Basis für die Geschäfte zahlreicher Firmen im Technologie-Bereich. Aufpassen!

S&P 500

Beim Anstieg des S&P 500 am zurückliegenden Freitag ist zu beachten, dass mit 2939,88 zwar ein neues Hoch auf Tagesschlusskurs-Basis gelang, die intraday-Hochs aus Ende September (2940,91) und Anfang Oktober (2939,86) wurden aber nicht überwunden. Zudem gelang der Anstieg erst im späten Handel. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier Kunsthandwerker, bzw. Kurshandwerker an der Arbeit waren – man wollte partout ein bullisches Bild schaffen.

Der S&P 500 bewegt sich in der Spitze einer viele Wochen umfassenden steigenden Keilformation, die mittlerweile so eng ist, dass sie mit der 24 Punkte umfassenden Kursbewegung vom zurückliegenden Freitag durchmessen werden konnte. Es braucht nicht viel, um die Formation nach oben aufzulösen. Es braucht aber auch nicht viel, um nach unten auszubrechen und damit das bärische Omen eines solchen Bärkeils zu bestätigen. Die nächste statische Unterstützung liegt bei 2907, 1,1% unter dem Rekordhoch.

Aus technischer Sicht gibt es ein paar zusätzliche Warnzeichen. Die Volumenverteilung ist vor einigen Tagen in Distribution gekippt, was bedeutet, dass das auf sinkende Aktien entfallende Volumen größer ist als das auf steigende Aktien. S&P 500 und VIX laufen normalerweise gegeneinander – steigt der eine, sinkt der andere. Seit einigen Tagen ist das nicht mehr der Fall, die kurzfristige Korrelation ist in den positiven Bereich gestiegen. Das warnt vor Instabilität. Die Advance-Decline-Linie zeigt, dass sich das Verhältnis der Zahl steigender Aktien zur Zahl fallender Aktien im neutralen Bereich bewegt, die Marktbreite unterstützt das hohe Kursniveau nicht. Hinzu kommt, dass der MACD des S&P 500 neutral steht; seine Stochastik zeigt ein kurzfristiges Verkaufssignal und ist auf Wochensicht extrem überkauft.

Ich sehe eine höhere Wahrscheinlichkeit für zunächst nachgebende Kurse. Unter dem ersten Support-Pegel bei 2907 wäre ein weiteres wichtiges Ziel das Hoch von Ende Januar 2018 bei 2874, darunter käme die EMA50 ins Visier, die aktuell bei 2837 notiert. Die Bärkeil-Formation indiziert minimal ein gut 100 Punkte umfassendes Korrekturpotenzial, das korrespondiert mit einem bedeutenden Pegel bei 2810. Das sind im Grunde alles Bewegungen, die als normale Korrektur nach dem zum Jahreswechsel begonnenen Rekordlauf einzustufen sind. Erst unterhalb von 2800 wird es ungemütlicher.

Natürlich, wenn in den nächsten Tagen eine Einigung im Handelsstreit USA-China verkündet wird – dann dürften die Kurse zunächst durch die Decke gehen. Fragt sich nur wie lange, gut möglich, dass ein Fehlausbruch draus wird.

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