Die Mord-Attacken von Paris…

…sind furchtbar, unmenschlich, menschenverachtend. Mein Mitgefühl gehört den Angehörigen der Getöteten, gleich wer sie sind, wo oder wie sie leben. Mein Mitgefühl gehört auch den Einwohnern von Paris, deren Leben nun schon zum zweiten Mal in diesem Jahr aus der Bahn geworfen wird.

So wenig nachvollziehbar die Motive der Täter sein mögen… Es führt auch nicht weiter, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Ich muss dabei unwillkürlich an John Lennon denken, der durch einen geistig verwirrten Fan getötet wurde. Lennon wäre vor kurzem 75 geworden.

Es lohnt sich aber, darüber nachzudenken, auf welchem Boden solche Ideologien wachsen und warum sie sich in Wirrköpfen so entwickeln können, dass solche Taten wie die Anschläge in New York 2001, in Madrid und London, sowie zu Jahresbeginn auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ dabei herauskommen (um nur einige Attacken der zurückliegenden Jahre zu nennen). Mit „Boden“ meine ich dabei Voraussetzungen auf wirtschaftlichem und gesellschaftlich-kulturellem Gebiet.

Einen Tag nach den Massakern in Paris erklärte OECD-Generalsekretär Angel Gurria auf einer Pressekonferenz, auch wirtschaftliche Ungleichheit sei eine Ursache des Terrorismus. Das ist meiner Meinung nach zwar verkürzt, geht aber in die richtige Richtung.

(1) Wenn eine Gruppe von Menschen am Rande ihrer wirtschaftlichen Existenz lebt, verrohen die Sitten. Gemeinsame Moralvorstellungen, die das Leben innerhalb dieser Gruppe regeln, lösen sich auf. Das eigene Hemd wird einem immer näher, je schlechter es einem geht. Demzufolge wird Hab und Gut und Leben des anderen immer weniger respektiert. Wenn aber die Moral der Gruppe aus welchen Gründen auch immer besonders rigide ist, sei es aus religiösen Gründen oder weil die staatliche Herrschaft besonders radikal durchgreift, dann verstärkt sich die Tendenz, dass die Gruppenmitglieder ihren Kampf ums Überleben nicht gegeneinander austragen oder gegen das eigene Regime richten, sondern sich einen gemeinsamen äußeren Feind suchen. Das Nazi-Regime ist dafür ein Beispiel, die Verhältnisse im Nahen Osten sind es auch.

(2) Die industrialisierten Länder haben über Dekaden ihre Energie aus dem Nahen Osten bezogen – je billiger, umso besser. Die Abhängigkeit vom Rohöl wurde mit Fortschreiten der Industrialisierung immer größer und umfassender. Daher wurde der Aspekt der sicheren Versorgung immer wichtiger. In diesem Zusammenhang wurden die im Nahen Osten sowieso vorhandenen feudalen Strukturen massiv gestärkt. Es entstand eine ultrareiche Oberschicht, aber keine wirtschaftliche Infrastruktur, die breiten Bevölkerungsschichten ein halbwegs auskömmliches Leben ermöglicht hätte. So kam es zu einer immensen Ungleichheit in der Wohlstandverteilung. Wiederholte politische und militärische Eingriffe von „außen“, von den industrialisierten Ländern im Interesse der Sicherung der Ölversorgung ausgeführt, destabilierten weite Landstriche bis zu dem Punkt, wo immer größere Teile der Region nun „unbeherrschbar“ geworden sind.

(3) Gleichzeitig bekommen die einfachen Bevölkerungsschichten durch Fernsehen und Internet jeden Tag vorgeführt, wie gut „es denen im Westen“ geht. Den feudalen Kreisen im Nahen Osten kann kaum daran gelegen sein, dass ihre Bevölkerung sich gegen sie auflehnt. Also wird im Zweifel die Religion zu Hilfe geholt, die schon immer, zu allen Zeiten und in allen Herrschaftsformen, auch als Herrschaftsinstrument fungiert hat. (Und wenn Sie an die Greueltaten heutiger „Islamisten“ denken, denken Sie auch an die Verbrechen, die im Namen christlicher Kirchen durch die Jahrhunderte begangen worden sind.)

(4) Die gesamte Situation hat nach 25 Jahren Krieg und „War on Terror“ mittlerweile ein Ausmaß erreicht, in dem immer mehr zu der Erkenntnis gelangen, dass auch längerfristig keine Aussicht auf Besserung mehr besteht. Wo feudale Strukturen aufgehört haben, zu existieren, versinken die Länder im Chaos eines Machtvakuums. Andererseits wird versucht, neue feudale Strukturen aufzubauen – der IS trägt Züge davon. Die einen treten in dieser Situation der Perspektivlosigkeit die Flucht an in die „gelobten Länder“, die sie in den Medien vorgeführt bekommen haben. Andere…

Und damit haben wir die Voraussetzungen beisammen, die solch wirre Ideologien entstehen lassen: Es ist die wirtschaftliche Lage, es ist ein rigides Moral- und Staatswesen, es ist die Aussichtlosigkeit auf Besserung. Auch das Wissen, dass andere Regionen auf der Welt offenbar „in Saus und Braus“ leben, spielt mit. Aus dieser Gemengelange entsteht eine Ideologie, die „Andersgläubige“ als Feinde ansieht und denjenigen das Paradies verspricht, die diese auslöschen.

Offenbar leb(t)en einige der Täter schon lange in Europa (wenn man den Ausweisen glauben darf, die in all dem Chaos nach den Anschlägen nahezu unversehrt gefunden wurden – übrigens wie seinerzeit nach „9/11“ auch). Sie existier(t)en allem Anschein nach am Rande der Gesellschaft, materiell und sozial miserable Lebensverhältnisse paar(t)en sich mit Perspektivlosigkeit – ein fruchtbarer Boden für „Einflüsterungen“.

Jetzt sieht sich Frankreichs schwacher Präsident Hollande im Krieg – eine willkommene Ablenkung von den Problemen im Lande. Es stehen Wahlen bevor und damit ist zu befürchten, dass die Anschläge zum Anlass für einem Wettlauf in Sachen innere Sicherheit genommen werden, in der das Wahlvolk weitere Einschränkungen demokratischer Freiheiten duldet, bzw. sogar gut heißt. Flüchtlinge werden mit Terroristen gleich gesetzt, es besteht die Gefahr, dass ein fremdenfeindliches Klima allumfassend wird. Gleichzeitig werden militärische Aktionen gegen den IS intensiviert, was die Situation im Nahen Osten weiter destabilisiert und den ideologischen Boden für weitere Attacken düngt.

Eine vorausschauende Politik in den industrialisierten Ländern hätte schon vor Jahren, anknüpfend an die Politik der Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg anfangen müssen, die Region Naher Osten wirtschaftlich und politisch zu stabilisieren. Geschehen ist das Gegenteil: Interne Widersprüche wurden geschürt nach der Devise „Teile und herrsche“, Lügendokumente wurden zum Vorwand genommen, militärisch einzugreifen, der „War on Terror“ wurde ausgerufen.

Ein Umsteuern wäre auch jetzt noch möglich (wenn auch sehr schwierig), stattdessen aber wird das Regime in der Türkei gestärkt und als Flüchtlings-Bollwerk austaffiert. Und ja, die im Nahen Osten nicht vorhandene Tradition von 200 Jahren kapitalistischer Wirtschaft und bürgerlichen Rechten macht es nicht einfacher…

Viel Hoffnung habe ich nicht, dass wir den Zenith der Terror-Anschläge bereits überschritten haben. Viel Hoffnung habe ich leider auch nicht, dass die Bevölkerung („wir“!) endlich den Trend zum Polizeistaat stoppt, für den „9/11“ den willkommenen Anlass lieferte und der bisher gipfelte in der umfassenden globalen Bespitzelung durch die NSA. Auch wenn das nur die Spitze des Eisbergs ist, der globale Trend zu „1984“ ist ungebrochen (oder sind wir schon darüber hinaus?).

14. Nov. 2015: Un inconnu joue „Imagine“ sur un piano mobile près du Bataclan (h/t T.J.)



Imagine there’s no heaven
It’s easy if you try
No hell below us
Above us only sky
Imagine all the people
Living for today…

Imagine there are no countries
It isn’t hard to do
Nothing to kill or die for
And no religion too
Imagine all the people
Living life in peace…


You may say I’m a dreamer
But I’m not the only one
I hope someday you’ll join us
And the world will be as one

Imagine no possessions
I wonder if you can
No need for greed or hunger
A brotherhood of man
Imagine all the people
Sharing all the world…

You may say I’m a dreamer
But I’m not the only one.
I hope someday you’ll join us.
And the world will live as one.

Ergänzung:
Zu Beginn der ZDF-Satire-Sendung „Die Anstalt“ vom 17.11.2015 zitierte der französische Comedian Emmanuel Peterfalvi als Kunstfigur Alfons einen Leserbrief aus der „New York Times“ zu den Terroranschlägen in Paris:

„Paris stellt alles dar, was die religiösen Fanatiker hassen. Auf viele kleine Art und Weise das Leben genießen: einen Kaffee trinken mit Croissant. Schöne Frauen in kurzen Röcken, die einfach nur so frei lächeln. Eine Flasche Wein sich mit Freunden teilen. Ein bisschen Parfüm. Kinder, die im Jardin du Luxembourg spielen. Das Recht, nicht an Gott zu glauben. Rauchen, flirten, Sex außer der Ehe zu haben, ein Buch lesen, lachen, sich streiten, sich lustig über die Religion machen, sich lustig über Politiker machen. Die Angst darüber, was es nach dem Leben gibt, den Toten überlassen. Frankreich, Paris, wir lieben dich. Paris, wir weinen mit dir.

Paris, wir wissen, Du wirst wieder weinen, Du wirst wieder lachen. Ja, Du wirst wieder lachen und wieder singen. Paris, Du wirst wieder Liebe machen.“

‚Alfons‘ fügt an: „Für uns Franzosen ist es in solchen Zeiten verdammt wichtig zu wissen, dass wir gute Freunde haben. Vielen, vielen Dank.“

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