USA: Missernte treibt Nahrungsmittelpreise an

In den USA herrscht zur Zeit die schlimmste Dürre seit über 50 Jahren. Etwa die Hälfte der Maisernte ist in schlechtem oder sehr schlechtem Zustand. Das Maisangebot ist so tief wie seit 17 Jahren nicht mehr.

Mais dient als Viehfutter und stellt damit eine wichtige Grundlage für die Versorgung der US-Bevölkerung mit Fleisch, Eiern und Milchprodukten dar. Selbst als Fischfutter spielt das Getreide mittlerweile eine wichtige Rolle, nachdem man an einigen Arten genetisch herumgebastelt hat. Darüber hinaus spielt Mais bei der Herstellung von Fruktose und Glukose eine Rolle, die wiederum bei der Herstellung von sehr vielen Nahrungsmitteln eingesetzt werden. Auch amerikanisches Bier kommt kaum ohne Mais-Produkte aus.

Mais wird zur Herstellung von Verpackungsmaterial ebenso verwendet wie bei der Herstellung von Zahnpasta, Make-up und allen möglichen recycelbaren Produkten. Es wird geschätzt, dass Mais in 25% aller Waren im US-Lebensmittelladen enthalten ist.

Für Sojabohnen sieht die Angebotsseite ähnlich aus. Die US-Lagerbestände sind auf dem tiefsten Stand seit 32 Jahren. Wegen der Dürre sind fast 40% der diesjährigen Ernte in schlechtem oder sehr schlechtem Zustand. Für Soja erwartet das US-Landwirtschaftsministerium den schlechtesten Ertrag seit 2003. Die USA gelten als der weltweit größte Produzent von Sojabohnen. Der Preis für Sojabohnen hat ein neues Rekordhoch markiert.

Auch in Europa wird die Maisernte wohl geringer ausfallen als bislang erwartet. Davon geht das europäische Analystenhaus Strategie Grains in seiner aktuellen Ernteprognose aus und nimmt die Erwartung um 7,1 auf 58,1 Millionen Tonnen zurück. Hauptursache hierfür ist Trockenheit und Hitze im Süden und Südosten Europas. Auch in zuletzt aufstrebenden Exportland Russland sieht es mau aus. Der Export dürfte in diesem Jahr hier weitgehend ausfallen, auch wenn das offiziell noch dementiert wird.

Für die US-Landwirte wird sich die miserable Ernte dennoch nicht als Katastrophe erweisen. Staatliche Ernteversicherungen kommen voraussichtlich für die Verluste auf. Im vergangenen Jahr hatten sie mehr als 10,8 Mrd. Dollar ausgezahlt. „Die Dürre wird viele Farmer sehr reich machen“, zitiert die Financial Times Deutschland Chris Hurt, Agrarökonom an der Purdue University in West Lafayette im US-Bundesstaat Indiana.

Der Maispreis ist an der Warenterminbörse in Chicago seit Mitte Juni um 55% auf 7,75 Dollar je Bushel gestiegen. Unter den 24 Rohstoffen im GSCI Spot Index von Standard & Poor’s verzeichnet er den stärksten Zuwachs. Die Hausse werde mehrere Monate anhalten, schrieben Analysten von Rabobank International in einer Studie vom Juli diesen Jahres.

Der Preisanstieg beim Mais verstärkt den Druck auf die Viehzüchter, die teilweise bereits bis zu 200 Dollar je Tier verlieren. Viele Rinderzüchter schlachten ihre Kühe da lieber, was früher oder später dazu führt, dass das Angebot an Fleisch und anderen tierischen Erzeugnissen abnimmt.

Die Fleischpreise im US-Einzelhandel steigen bereits und sind nahe einem Rekordhoch. Und so wird die Zeche einmal mehr vom Verbraucher bezahlt.

Anfang Juli erklärten die Vereinten Nationen, sie rechneten nun mit einem nachhaltigen Anstieg der weltweiten Nahrungsmittelpreise von einem 21-Monats-Tief im Juni aus.

Die magere Soja- und Maisernte bewirkt, dass Farmer beim Viehfutter partiell von Mais auf Weizen umstellen. Der Mais wandert hingegen großteils weiter in den Tank. Das treibt den Weizenpreis weiter an, der ohnehin wegen einer unterdurchschnittlichen Ernte im Steigen begriffen ist.

Weizen war 2008 bis fast 300 Euro pro Tonne angestiegen, Experten rechnen damit, dass er sich an der europäischen Getreidebörse Matif in Paris einige Zeit auf dem jetzt erreichten Niveau von 270 Euro bewegen wird. Vor einem Jahr waren lediglich rund 190 Euro zu bezahlen.

Afrika sieht einer vielleicht noch größeren Hungerkatastrophe als 2008 entgegen. In vielen Ländern kam es damals zu Unruhen, weil Lebensmittel nahezu unbezahlbar wurden. Käme es erneut zu einer Nahrungskrise, wäre es nicht anders. In der Sahelzone sind aktuell 18,7 Millionen Menschen betroffen.

Als Ursachen für die Misere werden die Dürre in den USA und die Verwendung von Nahrungsmitteln bei der Herstellung von Biosprit genannt. Für Agrarexperten der Welternährungsorganisation FAO kommt die Krise nicht überraschend, man erwartet im Gegenteil, dass sie sich in Zukunft häufen.

Die Produktion in der Landwirtschaft kann mit der Nachfrage nicht mehr Schritt halten. Sie wächst jedes Jahr, von Missernten abgesehen, weltweit um 1,6%. 2050 werden aber zwei Milliarden Menschen mehr auf der Welt leben als heute. Um die dann mehr als neun Milliarden große Bevölkerung zu ernähren, muss die Nahrungsmittelproduktion bis dahin um 70% gesteigert werden, es entsteht eine Lücke von 15%.

Agrarland ist nicht beliebig vermehrbar, es wird zu einem immer kostbareren Gut. Und dieses befindet sich vielfach bereits in den Händen von Investoren – seit 2000 sind es 83 Millionen Hektar. China sicherte sich so z.B. eine Million Hektar auf den Philippinen, Saudiarabien kaufte eine halbe Million Hektar in Tansania. Die VAR sicherten sich in Pakistan rund 300.000 Hektar Ackerland.

Immer wieder wird von Landraub gesprochen, wenn große Investoren zugreifen. In vielen Entwicklungsländern gibt es weder Grundbuch noch Kaufvertrag. Da kommt es vor, dass Kleinbauern von ihrem Grund und Boden vertrieben werden, für ihr Land nur einen Bruchteil des Marktwerts erhalten, wenn überhaupt. Im Frühjahr hat die FAO einen Leitfaden für den Erwerb von Agrarland erarbeitet, den 96 Staaten unterstützen. Ob diese Vereinbarung mehr wert ist als Papier, muss sich noch zeigen. Völkerrechtlich bindend ist der Leitfaden bisher nicht.

„Die USA müssen in der Biosprit-Politik handeln, um eine Nahrungskrise zu verhindern“, schreibt der Generaldirektor der UN-Welternährungsorganisation FAO, José Graziano da Silva in der Financial Times. Ob es wieder wie 2008 zu einer solchen Krise kommt, hängt nicht nur von der Dürre und den Ernteausfällen ab, sondern auch davon, wie die Staaten auf die Preisbewegungen reagieren, wird er in der „Zeit“ zitiert.

Mais, Zucker und Ölsaaten können alle gleichermaßen zur Herstellung von Lebensmitteln, zur Herstellung von Futtermitteln oder zur Treibstoffproduktion verwendet werden. Durch die steigenden Preise werde der Wettbewerbsdruck zwischen Nahrungs- und Biospritherstellern wahrscheinlich zunehmen, schreibt der FAO-Chef. Derzeit gehen rund 40% der US-Maisernte in die Herstellung von Biosprit. Wenn die Förderpolitik vorübergehend ausgesetzt oder zumindest eingeschränkt wird, könnte ein größerer Teil der Ernte für Nahrungsmittel und Futter verwendet werden, sagt er.

Die US-Maisbauern z.B. in Iowa wären da wohl wenig begeistert und könnten sich überlegen, ob sie Obama bei seiner Wiederwahl noch unterstützen. Und das will Herr Obama nun auch wieder nicht…

Kursverlauf eines ETF auf landwirtschaftliche Rohprodukte (in Euro):

Nachtrag:
(28.8.12) Es wird geschätzt, dass mehr als die Hälfte der Nahrungsmittelproduktion nicht auf dem Esstisch der Verbraucher landet. Ein gewichtiger Teil kommt in den Tank, außerdem wird ein bedeutender Teil der Produktion vernichtet, bzw. weggeworfen.

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