Feuerwerk – Fiskalklippe umschifft

Die Finanzmärkte feiern bei der „fiscal cliff“ die Einigung fünf Minuten nach zwölf – ein für eine „Supermacht“ eher beschämendes Schauspiel.

Die politischen Kontrahenten bringen einen (faulen) Kompromiss zustande und geben sich zwei Monate Zeit für eine tragfähige Lösung. Die an sich automatisch zu Jahresbeginn einsetzenden Ausgabenkürzungen sind für zwei Monate ausgesetzt worden.

Das trifft zeitlich damit zusammen, dass dann die Schuldenobergrenze bei 16,4 Bill. Dollar erreicht wird. Der US-Kongress muss Ende Februar einer Anhebung zustimmen.

Republikaner haben bereits angekündigt, sich hier quer zu legen und notfalls eine zeitweilige Zahlungsunfähigkeit der US-Regierung in Kauf zu nehmen, um ihre Vorstellungen durchzusetzen. Die laufen darauf hinaus, dass die US-Regierung v.a. im sozialen und medizinischen Bereich Ausgaben massiv kürzen soll, gleichzeitig soll es keine weiteren Steuererhöhungen geben. Obama hält dagegen: Die Erhöhung der Schuldenobergrenze sei unverhandelbar.

Es scheint, als lerne die „Supermacht“ USA von der permanent verhandelnden Eurozone.

Deren Rezept besteht bekanntlich darín, Probleme weg zu schwätzen – stets mit Blick auf die Reaktion der “Märkte”. Ihr Rezept: Ein Gipfeltreffen wird begleitet von Gerüchten, eine Lösung sei nahe; das Ergebnis hält nicht, was die Gerüchte versprachen; nichtsdestotrotz wird das Treffen so lange als Erfolg verkauft, bis die „Märkte“ im gewünschten Sinne reagieren. Und so weiter…

Die Eurozonen-Politiker mögen sich dabei als Herren (oder Damen) des Geschehens sehen, objektiv sind sie Getriebene der „Märkte“. Genau wie der Opportunist, der allen gefallen möchte.

Der jetzt erzielte Kompromiss hinsichtlich der “fiscal cliff” sieht vor, in den kommenden zehn Jahren 620 Mrd. Dollar an Steuern mehr einzunehmen, also die gewaltige Summe von rund 62 Mrd. Dollar pro Jahr. Das sind gerade mal gut 5% des Haushalts-Defizits der zurückliegenden Jahre. Gleichzeitig einigt man sich auf Ausgabenkürzungen von 15 Mrd. Dollar, weniger als 2% des Defizits. Das ist dann doch ein wenig wenig, um der ausufernden Staatsverschuldung Herr zu werden…

So wie die „Märkte“ in der Eurozone in den zurückliegenden Jahren jeden Furz der Brüsseler Politbürokratie begrüßten, so haben sie jetzt den erreichten faulen Kompromiss in den USA begrüßt. Die Politik erweist sich zunehmend (auch in den USA) als unfähig, die Lage in den Griff zu bekommen. Die großen Notenbanken dieser Welt haben mit den rund zehn Bill. Dollar Liquidität, die sie seit Herbst 2008 in das Finanzsystem geleitet haben, u.a. den Politikern Zeit gekauft, Lösungen zu entwickeln. Die Politik hat diese Zeit genutzt – zu verbalen Interventionen mit dem Ziel, den Kontrahenten als Buhmann hinzustellen und sich selbst ins rechte Licht zu rücken. Insofern –um im Bild zu bleiben- haben die Notenbanken mit ihrer Liquidität den Strom geliefert, dieses Licht zu betreiben. Was ist, wenn der Strom weg bleibt?

Wenn die Schaustellungen der Politik einen realwirtschaftlichen Effekt hatten und haben, dann den, der Bevölkerung, allgemeiner der Realwirtschaft, die Lasten der Krise und ihrer Unfähigkeit, diese zu lösen, aufzubürden. Stichworte: Finanzielle Repression, Erhöhungen von Steuern und Abgaben, Reduzierung der staatlichen Leistungen usw.

Wie wird es in den USA weitergehen? Da sich niemand den Schuh anziehen will, für eine Rezession verantwortlich zu sein, ist der nächste faule Kompromiss zu erwarten. Und der bedeutet, dem Übel nicht an die Wurzel zu gehen, im Gegenteil, der ohnehin schon fatal hohen Staatsverschuldung werden weitere Schulden hinzugefügt. Und dann wird wieder geredet und geredet und …

Die Aktienmärkte feiern die „Lösung“. Der S&P 500 bewegt sich in einem hier bereit mehrfach diskutierten aufwärts gerichteten großen Keil, der im Wochenchart seit August 2011 (der ersten Auseiandersetzung über die US-Schuldengrenze) auszumachen ist. Der Index steht unmittelbar unter dem Pegel bei 1467, der das Hoch seit Herbst 2008 repräsentiert und mithin die Obergrenze einer seit August 2011 aktiven Seitwärtsspanne zwischen 1467 und 1114 darstellt.

Im Tageschart ist dieselbe Situation zu erkennen. Wird 1467 aufgehebelt, steht die Obergrenze des erwähnten Keils an.

Aufwärts gerichtete Keilformationen lassen übergeordnet eher fallende Kurse erwarten.

Nachtrag:
(6.1.13) Wichtig für die Kapitalmärkte ist ein Inhalt des erreichten Kompromisses: Kapitalgewinne und Dividenden-Einkommen wird nicht wie ursprünglich geplant als normales Einkommen besteuert, sondern fest mit 20% (statt bisher 15%). Das nimmt Unsicherheit für professionelle Investoren heraus – ein wesentlicher Punkt, der vor Jahreswechsel zu steuerlich motivierten Verkäufen von Aktien mit hohen Kursgewinnen geführt hatte.

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