US-BIP: Einäugig unter Blinden

In der zweiten Schätzung des US-BIP für das dritte Quartal 2012 sieht das Bureau of Economic Analysis (BEA) die Wirtschaft um real 2,67% wachsen. Damit wurde die erste Schätzung um fast 0,7% aufwärts revidiert. Das sieht erst einmal gut aus – erst recht gegen die Daten aus der Eurozone, die im dritten Quartal sogar in eine (marginale) Rezession gerutscht ist.

Die Verbesserungen gegenüber der ersten Schätzung kommen von einer stärkeren Entwicklung beim Lagerbestand, bei den Staatsausgaben und bei den Exporten. Alle anderen Wachstumskomponenten fielen schwächer aus, das betrifft insbesondere die den privaten Verbrauch betreffenden.

Der Beitrag der Ausgaben für Konsumprodukte zum BIP-Wachstum kommt im dritten Quartal gerade noch auf 0,83% – die erste Schätzung war von 1,03% ausgegangen, der Beitrag der Ausgaben für Verbraucherdienstleistungen halbierte sich sogar auf lediglich 0,16%.

Wenn man die Einflüsse des Anstiegs der Staatsausgaben, des Lageraufbaus und der zulegenden Exporte abzieht, bliebe ein Quartalszuwachs des BIP von weniger als 1,1% übrig.

Die Staatsausgaben sind im dritten Quartal um annualisiert 10,5% angestiegen, die Verteidigungsausgaben stiegen sogar um annualisiert 13,9% an. „Vorsorge“ vor der „fiscal cliff“ oder versteckte Wahlkampfhilfe? Die Staatsausgaben tragen 0,67% zum BIP-Zuwachs bei – oder anders, sie sind für rund 27% des BIP-Zuwachses verantwortlich.

Der Lageraufbau trägt 0,77% zum BIP-Wachstum bei. In der ersten Schätzung war sein Beitrag mit minus 0,12% noch negativ. Der Lageraufbau ist für 28,8% des BIP-Zuwachses zuständig.

Der Beitrag der Exporte zum Wachstum beträgt jetzt 0,16%, in der ersten Schätzung waren es minus 0,23%. Der Anstieg passt nicht in das Bild einer globalen Verlangsamung der wirtschaftlichen Dynamik. Bei den Importen gab es zwischen den beiden BIP-Berechnungen keine wesentlichen Unterschiede, ihr Beitrag zum BIP ist vernachlässigbar.

Die privaten Investitionen tragen nur 0,1% zum Wachstum bei. Das ist per se schon ein Schwächezeichen.

Tabelle: Verlauf der Beiträge zum US-BIP

Die annualisierte Inflation nach „GDP price index“ kommt auf plus 2,70% im Jahresvergleich, die Lesart nach CPI kommt auf 2,2%, nach „PCE-Price-Indicator“ (PCEPILFE) per September auf lediglich 1,7%.

Der Verlauf des verfügbaren realen persönlichen Einkommens (DSPIC) legt nahe, dass es in absehbarer Zeit keine Konsum-getriebene Erholung geben wird. Das DSPIC ist im Jahresvergleich um gerade einmal 1,23% angewachsen, die Auswertung der Dynamik (rote Kurve im Chart) zeigt seit Juni 2011 eine Entwicklung unterhalb des mittlerweile nur noch leicht aufwärts gerichteten Trends.

Die Konsumausgaben (PCE) sind im Jahresvergleich um 3,1% angewachsen, gestützt durch die Reduktion der Sparquote um 5,6%. PCE entwickelt sich seit Juni 2012 schwächer als der aufwärts gerichtete Trend. Die Jahreszuwächse nehmen seit der Jahrtausendwende stetig ab (abfallende blaue Linie im kleinen Chart unten). Auch das ist ein strukturell ungünstiges Zeichen, insbesondere vor dem Hintergrund, dass das US-BIP zu mehr als zwei Drittel vom privaten Konsum abhängt.

Zusammengefasst: Das US-BIP entwickelt sich im dritten Quartal unter dem Strich nicht besser als im Vorquartal, wenn Lageraufbau und Staatsausgaben herausgerechnet werden. Im Vergleich zur Eurozone allerdings nimmt sich das US-Wachstum „gigantisch“ aus.

Nachtrag:
Der ISM-Index für den Fertigungssektor der USA kommt im November auf 49,5 und fällt damit unter die Scheidelinie zwischen Expnasion und Kontraktion. Insbesondere der Sub-Index der Beschäftigung zeigt Schwäche. Möglicherweise ist die Entwicklung auch beeinflusst von Hurrikan „Sandy“.

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