Schattenbanken gedeihen

Die Schattenbanken sind größer als vor der Finanzkrise. Der Finanzstabilitätsrat (FSB) der G20-Staaten beziffert das Volumen der Nicht-Banken per Ende 2011 auf 67 Bill. Dollar. Damit ist das Volumen dieser Institute, die bankähnliche Aufgaben übernehmen, ohne dabei der Bankenaufsicht zu unterliegen, um 8% größer als zum Start der jüngsten Finanzkrise. 2007 kamen sie auf ein weltweites Volumen von 62 Bill. Dollar. Vor zehn Jahren waren es noch 26 Bill Dollar.

Die zum großen Teil unregulierten Institutionen, vor allem Hedgefonds, Geldmarktfonds, Private-Equity-Firmen, aber auch Zweckgesellschaften, in die riskante Bankgeschäfte ausgelagert werden, kommen auf fast ein Viertel der Vermögenswerte im gesamten Finanzsystem, die Banken stellen knapp die Hälfte, der Rest teilt sich auf Versicherer, Pensionsfonds, Staatsbanken und Zentralbanken auf. Zu den Schattenbanken zählen auch Investment-Vehikel wie Conduits oder SIVs, in die z.B. deutsche Landesbanken investiert hatten und damit Schiffbruch erlitten. Grundsätzlich ist der Anteil von Fremdkapital bei ihnen hoch – und je höher der Schuldenhebel, je höher das Risiko.

Die Dunkelziffer ist groß, räumt der FSB ein. Denn viele Hedge-Fonds sind in Steuer- und Finanzparadiesen angesiedelt, den Aufsehern fehlen genaue Daten von dort. Wahrscheinlich sind die Erhebungen daher „konservativ“, m.a.W. in Wirklichkeit muss man von einem höheren Volumen der Schattenbanken ausgehen.

Der bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) angesiedelte FSB will im Zuge der weltweiten Regulierungsbemühungen auch die Kontrolle über die Schattenbanken verstärken. Hierzu stellte er jetzt ein Maßnahmenpaket vor, das bis September 2013 von den G20-Staaten umgesetzt werden soll. Dabei seien Schattenbanken nicht per se schlecht, wird betont. Sie könnten jedoch eine Finanzkrise beschleunigen oder sogar auslösen, wenn sie für eine steigende Verschuldung der Banken sorgen, vor allem aber wenn sie langfristige Kredite zu kurzfristig refinanzieren.

Dabei haben die Aufseher vor allem Geldmarktfonds „auf dem Kieker“, die in der Euro-Schuldenkrise für Verwerfungen gesorgt hatten, als sie den europäischen Banken Dollar-Liquidität entzogen. Die Notenbanken hatten hier im November vergangenen Jahres in einer konzertierten Aktion gegengesteuert. Geldmarktfonds seien am verwundbarsten, weil ihre Geldgeber ihnen in schlechten Zeiten häufig schnell Liquidität entziehen. Auch die Wertpapierleihe, die Wiederverbriefung von Verbindlichkeiten oder Repo-Geschäfte sollen besser überwacht werden. Lehman Brothers und der US-Versicherer AIG hatten in der Finanzkrise vor allem deswegen als Brandbeschleuniger gewirkt, weil sie stark in der Wertpapierleihe engagiert waren.

Die USA haben mit 23 Bill. Dollar den größten Schattenbanken-Sektor, er kommt auf 35% des dortigen Finanzsektors. Die Eurozone folgt mit 22 Bill. Dollar. Der Anteil der USA am Schattenbanken-Wesen ist von 2005 bis 2011 von 44% auf 35% gesunken, es hat eine Verlagerung nach Großbritannien und in die Eurozone stattgefunden. In Hongkong, den Niederlanden, Großbritannien, Singapur und in der Schweiz erreicht das Volumen der Schattenbanken ein Vielfaches des BIP.

Die Verflechtung in ausgewählten Ländern zwischen „Licht“- und Schattenbanken zeigt die folgende Grafik. Großbritannien, die Niederlande, Brasilien, auch Australien stechen heraus:

Ich sehe zwei Erklärungen für das Anwachsen des Schattenbanken-Sektors. Zum einen beflügelt die lockere Geldpolitik der großen Notenbanken Geschäftsmodelle, die auf hohe Verschuldung setzen. Die Schattenbanken haben zwar keinen direkten Zugriff auf Zentralbankgeld, können sich aber „aufgrund ihrer guten Beziehungen“ zur Welt der „Licht“-Banken billig kurzfristig verschulden. Zum anderen ist die Tendenz der „Licht“-Banken, v.a. riskantere Geschäftszweige auszulagern umso größer, je stärker die Regulierung voranschreitet. Je riskanter ein Geschäft, je mehr teures Eigenkapital ist vorzuhalten. Fremdkapital hingegen ist billig, auch wegen der Überzeugung der Kreditgeber, dass die Banken auch in der nächsten Schuldenkrise wieder gerettet werden.

So dürften auch die verschärften Bankenkapitalregeln Basel III zum Anwachsen des Schattenbanken-Wesens beigetragen haben. Die will die US-Bankenaufsicht jetzt so nicht mehr haben und drängt Europa zu Änderungen. Die Regeln seien zu komplex und würden die Banken einladen, die Vorgaben auszuhebeln, heißt es. Vor rund einer Woche hatten die US-Behörden bereits erklärt, die Basel III-Regeln würden nicht wie vorgesehen zum 1. Januar 2013 in Kraft gesetzt. Das Vorgänger-Regelwerk Basel II wurde von den USA bis heute nicht eingeführt. Verzögerungen gibt es auch sonst auf der Welt. In der EU waren die zur Einführung erforderlichen Gesetze zwei Monate vor dem geplanten Startschuss noch nicht fertig. So würden dem Finanzstabilitätsrat zufolge nur sechs der 28 weltweit wichtigsten Großbanken pünktlich den neuen Regeln unterliegen.

Basel III war im September 2010 als „Konsequenz aus der Finanzkrise“ beschlossen worden. Das Regelwerk sieht eine Anhebung der Kernkapitalquote (Tier-1) von 4% auf 6% vor, die Quote des harten Kernkapitals soll auf 4,5% (bislang 2%) steigen – Zielvorgabe bis Januar 2015. Zusätzlich sollen Eigenkapital-Puffer aufgebaut werden, deren Quote von Geschäftsmodell und Größe („Sytemrelevanz“) der einzelnen Banken abhängt. Dies soll zwischen Januar 2016 und Januar 2019 umgesetzt werden.

Die Mitglieder der systemrelevanten Spitzengruppe der internationalen Banken, zu der Citygroup, Deutsche Bank, HSBC und JP Morgan Chase gehören, müssen von 2016 an einen zusätzlichen Eigenkapitalpuffer von 2,5% aufbauen und bis 2019 auf eine Mindestausstattung von 9,5% an Grundkapital und Gewinnrücklagen kommen. Die Deutsche Bank kann bisher nur weniger als sieben Prozent ausweisen.

Zahlreiche Kommentatoren verweisen auf die (teilweise lächerlich) langen Übergangsfristen, in der die Gefahr weiterer Instabilitäten hoch bleibt. Zudem wird hier sehr schön deutlich gemacht, dass sich die Regulierten und die Regulierer einen ständigen Wettlauf liefern. Jeder neuen Regelung wird schon bald eine neue Umgehungsmöglichkeit entgegengesetzt. Die Kosten der Umsetzung und Umgehung der Vorschriften eskalieren, und das Ziel der Finanzstabilität wird trotzdem verfehlt.

Hier setzt auch die Kritik an der aktuellen Eigenkapitalregulierung an, die zu komplex ist und gleichzeitig ihr Ziel verfehlt. Als Alternative empfiehlt daher Niklaus Blattner, von 2003 bis 2007 Vizepräsident der Schweizerischen Nationalbank, Banken zu verpflichten, statt wie bisher bloß wenige Prozent zum Beispiel 20 Prozent der Bilanzsumme an Eigenkapital zu halten. Erfahrungen und Theorie würden nahelegen, auf die Risikogewichtung zu verzichten, sagt er. Das Argument, damit würden Bankgeschäfte weniger rentabel, lässt er nicht gelten. Die hohen Margen seien zum großen Teil nur dadurch erzielbar gewesen, weil der Staat schließlich Risiken übernommen hat.

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