Marx: Mehrwert und sinkende Profitrate

Nachfolgend will ich mich ausführlicher mit den Theorien von Karl Marx zu Mehrwert und tendenziellem Fall der Profitrate befassen. Die traditionelle Nationalökonomie untersucht viele Phänomene von geringer Bedeutung fragmentarisch-akribisch genau, ohne dabei zu einer geschlossenen, umfassenden Theorie zu gelangen. Marx’ Forschungsergebnisse sind zwar gröber gestrickt, ihr Realitätsbezug ist aber weitaus stärker. Das wird in der folgenden Darstellung deutlich.

Marx schreibt im ersten Band von „Das Kapital“{{1}}[[1]]Karl Marx, „Das Kapital“, Bd. I, Erster Abschnitt, S. 49[[1]]: „Als Werte sind alle Waren nur bestimmte Maße festgeronnener Arbeitszeit.“ Mehrwert, der Geldzuwachs in der kapitalistischen Zirkulation, entsteht nicht im Warenumlauf. In der kapitalistischen Warenproduktion vergleichen sich Dinge ganz unterschiedlichen Gebrauchswerts miteinander im Tausch. In diesem, massenhaft und nicht länger zufällig stattfindenden Prozess setzt sich im gesellschaftlichen Durchschnitt per Wettbewerb das Wertgesetz durch. Zeitweilige Extra-Profite nivellieren sich. Ein Mehrwert kann im Warenumlauf nicht entstehen.

Mithin muss der Geldbesitzer auf dem Markt eine Ware finden, schreibt Marx, „deren Gebrauchswert selbst die eigentümliche Beschaffenheit besäße, Quelle von Wert zu sein.“{{2}}[[2]]Karl Marx, „Das Kapital“ Bd. I, S. 181[[2]] Das ist die menschliche Arbeitskraft. Der Geldbesitzer kauft die Arbeitskraft zu ihrem Wert, der wie bei jeder anderen Ware auch durch die zu ihrer Reproduktion gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit (Unterhaltskosten des Arbeiters und seiner Familie) bestimmt ist. Mit dem Kauf der Arbeitskraft hat der Geldbesitzer aber das Recht, die Arbeitskraft über diese „notwendige Arbeitszeit“ hinaus zu gebrauchen. In dieser „Surplusarbeitszeit“ erzeugt der Arbeiter den Mehrwert, der dem Kapitalist zufällt.

Aus dieser Überlegung heraus unterscheidet Marx zunächst zwei Arten von Kapital. Das konstante Kapital wird in Produktionsmitteln eingesetzt, also für Maschinen, Werkzeug und Rohstoffe ausgegeben. Es geht mit der Produktion nach und nach auf das Endprodukt über. Das variable Kapital umfasst die Ausgaben für die Arbeitskraft. Es ist im Produktionsprozess Quelle für den Mehrwert.

Der Mehrwert kann einerseits „absolut“ durch Verlängerung der täglichen Gesamtarbeitszeit, andererseits „relativ“ durch Verkürzung des notwendigen Teils des Arbeitstages erhöht werden. Die zweite, wichtigere Möglichkeit geschieht hauptsächlich in der fortschreitenden Mechanisierung, also durch Automation und Steigerung der Produktivität der Arbeit (Intensivierung).

Bei der Analyse des Akkumulationsprozesses des Kapitals kommt Marx zu dem Schluss, dass der Mehrwert, der nicht dem persönlichen Verbrauch des Kapitalisten dient, in konstantes und variables Kapital verwandelt wird. Adam Smith, auf dessen Arbeitswerttheorie die Mehrwerttheorie von Marx aufbaut, hatte noch unterstellt, dass es lediglich zu einer Akkumulation des variablen Kapitals kommt. Marx begründet mit seiner Akkumulationstheorie die Verdrängung des Arbeiters durch die Maschine.

Im dritten Band des „Kapital“ widmet sich Marx der auf dem Wertgesetz basierenden Bildung der Durchschnittsprofitrate, dem Verhältnis des Mehrwerts zum Gesamtkapital eines Unternehmens. Kapital von „hoher organischer Zusammensetzung“, also einem überdurchschnittlich hohen Anteil des konstanten Kapitals am Gesamtkapital, erbringt eine im gesamtgesellschaftlichen Kontext unterdurchschnittliche Profitrate. Die Konkurrenz der Kapitalisten untereinander gleicht die Einzelprofitraten in Richtung Durchschnittsprofitrate aus, indem Kapital aus Branchen hoher in Branchen niedriger organischer Zusammensetzung wandert. Durch diesen Prozess werden die Waren nicht zu Werten, sondern als Summe aus anteilig aufgewandtem Kapital plus Durchschnittsprofit zu Produktionspreisen verkauft. Gesamtgesellschaftlich fällt weiterhin die Summe aller Warenwerte mit der Summe der Warenpreise zusammen, das Wertgesetz bleibt erhalten.

Die Steigerung der Produktivität der Arbeit lässt das konstante Kapital schneller wachsen als das variable. Da nur das variable Kapital Mehrwert hervorbringt, muss die Profitrate tendenziell sinken. Schon David Ricardo hatte vor Marx die Theorie vom fallenden Unternehmensgewinn entwickelt. Marx selbst legt Wert auf das Wort „tendenziell“ und führt eine Vielzahl von Faktoren an, die diesem Fall eine gewisse Zeit entgegenwirken können.

Die Erhöhung der Mehrwertrate ist dabei der zentrale Hebel, mit der sich die Masse des Mehrwerts steigern lässt. Hier ist in erster Linie der Einsatz modernerer Maschinen nennen, der die Arbeitsproduktivität durch Nutzung des technischen Fortschritts steigen lässt. Dann kann der Anteil der unbezahlten Arbeit durch absolute Verlängerung des Arbeitstages ohne Lohnausgleich, durch Lohnkürzung, aber durch „Herunterdrücken des Arbeitswertes unter seinen Wert“ etwa bei der Beschäftigung von Kindern, Frauen, oder Billiglohnarbeitern aus der „industriellen Reservearmee“ erhöht werden. Ein weiteres Mittel ist die Intensivierung der Arbeit durch bessere Auslastung der Produktionsmittel etwa mittels kürzerer Taktzeiten oder Mehrschichtsystemen. Weiter nennt Marx die „Verwohlfeinerung der Elemente des konstanten Kapitals“, insbesondere sinkende Rohstoffpreise. Im Außenhandel ermöglichen ungleiche Tauschverhältnisse ebenso wie Auslandsinvestitionen Extraprofite. Die niedrigere organische Zusammensetzung des Kapitals in unterentwickelten Ländern bedingt eine höhere Profitrate.

Im dritten Band des „Kapital“ wird auch auf den Einfluss der Umschlagszeit des Kapitals hingewiesen: „Je kürzer die Umschlagszeit, desto kleiner wird dieser brachliegende Teil des Kapitals, verglichen mit dem Ganzen; desto größer wird also auch, bei sonst gleichbleibenden Umständen, der angeeignete Mehrwert. … Was vorher im zweiten Abschnitt des zweiten Buchs mit Bezug auf den Mehrwert entwickelt, gilt ebenso sehr für den Profit und die Profitrate …“{{3}}
[[3]]Karl Marx, „Das Kapital“ Bd. III, S. 80[[3]]

Schließlich wächst nach Marx mit der Zunahme des Aktienkapitals der Anteil des Kapitals, das sich mit Dividendenzahlungen begnügt, deren Rendite gewöhnlich geringer ist als die durchschnittliche Profitrate. Würde dieses Kapital im normalen industriell-produktiven Kreislauf Anlage suchen, fiele die durchschnittliche Profitrate stärker.

Gestoppt oder sogar umgedreht werden kann der „tendenzielle Fall der Profitrate“ in historischen Dimensionen gesehen nicht. Das Bestreben, die Mehrwertrate zu steigern, führt dazu, dass die Profitrate sinkt. Da zudem alle Einzelkapitale daran interessiert sind, dem Fall der Profitrate entgegenzuwirken, egalisieren sich diese Gegenmaßnahmen im gesamtwirtschaftlichen Zusammenhang. Im Gegenteil, Marx weist darauf hin, dass die reale Massenkaufkraft durch einige der erwähnten Maßnahmen dauerhaft beschnitten wird. Als Ergebnis aus all dem wird die Konkurrenz noch heftiger, was die Akkumulation wiederum beschleunigt: „Andererseits beschleunigt der Fall der Profitrate wieder die Konzentration des Kapitals und seine Zentralisation … Dadurch wird andererseits die Akkumulation, der Masse nach, beschleunigt, obgleich mit der Profitrate die Rate der Akkumulation fällt.“{{4}}[[4]]Karl Marx, „Das Kapital“ Bd. III, S. 251[[4]] Krisen auch sozialer Art verschärfen sich, der Krieg als letztem Mittel der Konkurrenz rückt näher.

Schon Marx richtete sein Augenmerk auch auf die dem Kapitalismus innewohnende Tendenz zur globalen Ausdehnung. „Die Tendenz, den Weltmarkt zu schaffen, ist unmittelbar im Begriff des Kapitals selbst gegeben,“ schreibt er in „Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie“. Das führe zur „beständigen Ausdehnung des Weltmarktes,“ wie es im dritten Band von „Das Kapital“ heißt. Die Ausdehnung der Märkte soll das Wachstum des akkumulierten Kapitals sicherstellen. Hieraus ergebe sich zwangsläufig Konzentration als (Kapital)-Wachstum einzelner Unternehmen und Zentralisierung des Kapitals, die Marx mit Monopolisierung gleichsetzt. Folge ist die Vernichtung des Mittelstandes und die Konzentration der Produktionsmittel in immer weniger Händen.

Marx hat auch bereits auf einen Umstand hingewiesen, den wir heute unter dem Begriff „Finanzkapital“ führen. Er befasst sich zwar zunächst nur mit dem „industriellen Kapital“, das den Kreislauf Geldkapital-produktives Kapital-Warenkapital-Geldkapital durchläuft, sowie mit dem „Handelskapital“ und seinen Stadien Geldkapital-Warenkapital-Geldkapital. Dann führt er aber als dritte Kategorie das „fiktive Kapital“ ein, ein Überhang an liquidem Kapital, das weder investiert noch konsumiert wird, sondern zum Kauf von Ansprüchen etwa auf Zins- und Tilgungszahlungen bei Krediten oder auf Dividendenzahlung bei einer Unternehmensbeteiligung verwendet wird. Im dritten Band von „Das Kapital“ schreibt er zum Komplex Anleihe und Aktie: „Sie (Eigentumstitel) werden nämlich zu Waren, deren Preis eine eigentümliche Bewegung und Festsetzung hat. Ihr Marktwert erhält eine von ihrem Nominalwert verschiedene Bestimmung, ohne dass sich der Wert (wenn auch die Verwertung) des wirklichen Kapitals änderte.“{{5}}[[5]]Karl Marx, „Das Kapital“ Bd. III, Fünfter Abschnitt, S. 485[[5]] Marx arbeitet die Tendenz zur Verselbstständigung solcher Eigentumstitel zutreffend heraus, misst dieser Entwicklung aber keine besonders große Bedeutung bei.

Erst in der Weiterentwicklung der Marxschen Ökonomie wird der Rolle des Staates ein wesentlich größerer Einfluss zugeschrieben als Marx ihn sah. Dabei spielte die Weltwirtschaftskrise von 1857 eine wichtige Rolle. Die großen Mächte, wie etwa die USA, Großbritannien, Deutschland und Frankreich waren demnach bestrebt, die Weltmärkte aufzuteilen. Der Konzentrationsprozess des Kapitals lässt starke Unternehmen von Wettbewerb und Krise gebeutelte Konkurrenten übernehmen. Kartelle, Syndikate und Trusts beherrschen den Weltmarkt und teilen die Welt untereinander auf. Aus der Verbindung von Industrie- und Bankkapital entsteht das Finanzkapital, das nun über globale Aktivitäten, Lobbys, Bündnisse und persönliche Einflussnahme einen wesentlichen Einfluss bis in die politisch herrschenden Kreise hinein ausübt. Die entwickelten kapitalistischen Staaten exportieren Kreditkapital und profitieren von Zinsen, sowie von hierdurch entstehenden Abhängigkeiten.

Lenin widmet sich den „parasitären“ Zügen des Marxschen fiktiven Kapitals ausführlich und schreibt 1916: „Zum typischen Herrscher der Welt wurde nunmehr das Finanzkapital, das besonders beweglich und elastisch, national wie international besonders losgelöst ist, das sich besonders leicht konzentriert und bereits besonders stark konzentriert hat, so dass buchstäblich einige hundert Milliardäre und Millionäre die Geschicke der ganzen Welt in ihren Händen halten.“{{6}}
[[6]]V.I. Lenin, Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, Werke Bd. 22, Berlin, 1960, S. 103[[6]]

Kommt einem irgendwie bekannt vor…

[Unter Verwendung von Material aus „Weltsichten – Weitsichten“, Robert Rethfeld – Klaus Singer, FinanzBuch Verlag]

Anmerkung:
Hans-Werner Sinn, der frühere Chef des ifo-Instituts, zieht eine Verbindung zwischen dem tendenziellen Fall der Profitrate von Marx und der heutigen Geldflut der Zentralbanken. Die periodische „schöpferische Zerstörung“ von konstantem Kapital, die dem Fall der Profitrate entgegen wirkt, werde systematisch verhindert, um Alt-Unternehmen, Alt-Banken und den Wohlstand der Eliten zu alimentieren. Siehe hier: „Marx und seine wahre Leistung„.

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