2021 – Wendejahr wie 1971?

1971 war ein interessantes Jahr. 1971 beendete der damalige US-Präsident Nixon das 1944 entwickelte und einige Jahre später umgesetzte Währungs-System von Bretton Woods. Im Kern etablierte es die Bindung der Währungen an den Dollar, der wiederum an einen festen Goldpreis gekoppelt war. Die Zentralbanken der Mitgliedsstaaten verpflichteten sich, die Kurse ihrer Währungen in festgelegten Grenzen zu halten. Das geschah hauptsächlich durch Käufe und Verkäufe ihrer eigenen Währungen.

1971 gilt auch als das Gründungsjahr des World Economic Forum (WEF), das zunächst sehr vom Club of Rome beeinflusst wurde. Dieser hatte in seiner Veröffentlichung „Die Grenzen des Wachstums“ (1972) schon einmal einen „Reset“ gefordert. Dort heißt es: „Ganz neue Vorgehensweisen sind erforderlich, um die Menschheit auf Ziele auszurichten, die anstelle weiteren Wachstums auf Gleichgewichts-Zustände führen.“ 50 Jahre später stößt der Gründer und Chef des WEF, Klaus Schwab, mit seinem „Great Reset“ in dasselbe Horn.

In den 1960er Jahren wurde das US-Budget-Defizit stark defizitär – der Vietnam-Krieg musste finanziert werden. Der Dollar geriet unter starken Abwertungsdruck. Um etwa den Wechselkurs der D-Mark gegenüber dem Dollar zu stabilisieren, musste die Bundesbank D-Mark ver- und Dollar kaufen. Länder verlangten in zunehmendem Maße Gold für ihre Dollarreserven. Im August 1971 wurde das System von Bretton Woods aufgegeben. Die am Bretton-Woods-System beteiligten Zentralbanken beendeten nach und nach ihre Interventionen am Devisenmarkt.

In einem gewissen Sinne krankte das System von Bretton Woods am gleichen Fehler wie der Euro: Länder mit eigenständiger Fiskalpolitik werden an dieselbe Währung gebunden. Ungleichgewichte der Zahlungsbilanzen sind die Folge, die „irgendwie“ geregelt werden müssen. Das geht zeitweilig über Interventionen, beseitigt das zugrundeliegende Problem aber nicht.

In der Spätphase des Bretton Woods System kam es in der volkswirtschaftlichen Theorie zu einem Paradigmenwechsel – Keynes, der auch an der Konstruktion von „Bretton Woods“ mitgewirkt hatte, war „out“, der Liberalismus in Gestalt der Theorie von Milton Friedman war „in“. Er forderte die Minimierung der Rolle des Staates, politische und gesellschaftliche Freiheit sah er als Nährboden wirtschaftlicher Prosperität. Er stellte die Vorteile eines freien Marktes heraus, und befand, Eingriffe des Staates wirkten eher destabilisierend.

Friedmans Monetarismus bereitete der Entwicklung des Finanzkapitalismus den Boden. Der Abbau der Kapitalverkehrskontrollen führte zu großen internationalen Kapitalbewegungen, die moderne Globalisierung mit der Zurückdrängung der Rolle der Nationalstaaten nahm ihren Lauf.

Die frühen 1970er Jahre schlagen sich in vielen ökonomischen und sozialen Daten als Wendepunkt nieder. So liefen die Produktivität in den USA und die Lohnentwicklung („compensation“) bis dahin in engen Grenzen zusammen. Die Produktivität hat sich seitdem nahezu linear weiterentwickelt, während die Löhne mehr oder weniger seitwärts laufen.

Eine ähnliche Aussage legt auch der folgende Chart nahe: Das reale BIP zeigt seit 1970 keinen größeren Bruch in seiner Entwicklung, während die verschiedenen Zeitreihen der realen Lohnentwicklung in den 1970er Jahren abknicken. „Avg real wage, CPI“ zeigt einen mit „compensation“ im vorigen Chart vergleichbaren Verlauf. Zu berücksichtigen ist, dass der CPI die Inflation deutlich unterschätzt (siehe hier!). Die durchschnittlichen Löhne dürften sich demnach seit den 1970ern real-real bestenfalls seitwärts entwickelt haben.

Auch die Einkommensverteilung hat sich seit den 1970er Jahren stark verändert. So hat sich etwa der Anteil der „Top 1%“ seit dieser Zeit verdoppelt gegenüber den „Bottom 90%“.

Ein ähnliches Bild zeigt auch die Gegenüberstellung des Anteils der „Top 1%“ und der „Bottom 50%“ (Chartquelle).

Die Verteilung der Vermögen zeigt ein ähnliches Bild. Ende der 1970er bildete der Anteil der „Top 1%“ Vermögen einen Boden aus. Seitdem ist er deutlich angestiegen. Ob der gegenwärtige Tempoverlust eine Umkehr einleitet? Für eine Antwort ist es noch zu früh, Anfang der 1990er und Anfang der 2000er Jahre gab es eine ähnliche Situation (Chartquelle).

Den langen Blick auf den CPI bekommt man mit dem folgenden Chart. Auch hier ist zu sehen, dass sich die Entwicklung in den 1970er Jahren beschleunigt hat.

Das Verhältnis zwischen Stundenlohn und Hauspreisen hat in den 1970er Jahren ein Tief ausgebildet. 2018 musste man für ein Haus 2,2 mal so lange arbeiten wie in den 1970er Jahren (Chartquelle).

In dieselbe Kerbe haut der folgende Vergleich zwischen dem S&P 500 und den zu seinem Kauf erforderlichen Arbeitsstunden. Heute muss man etwa sechs mal so lange arbeiten, um den Index kaufen zu können wie in den 1970er Jahren.

Der letzte Chart dieser Reihe zeigt im oberen Teil, dass nach 1970 in erster Linie die Finanzindsutrie profitiert hat. Der Anteil ihrer Gewinne am BIP ist seit 1969 um 138%, der der nicht-Finanz-Industrie ist lediglich um 30% gewachsen. Gleichzeitig ist der Anteil der Löhne und Gehälter am BIP (siehe unterer Teil-Chart) von 50% auf 45% zurückgegangen (Chartquelle).

Fazit:
Die 1970er Jahre leiteten auf allen Ebenen eine Umverteilung von unteren zu oberen Einkommens- und Vermögensklassen ein, sowie eine deutliche Besserstellung der Finanzindustrie insgesamt und einen beständig sinkenden Anteil der Löhne und Gehälter am BIP. Diese Entwicklung ist in allen industrialisierten Länder in ähnlicher Weise feststellbar.

Wie geht es weiter?
Spannende Frage – Warren Buffett wird zitiert mit dem Satz: „Es herrscht Klassenkrieg, richtig, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen.“ Der folgende Chart spricht die gleiche Sprache, wenn man die dargestellten Tendenzen fortschreibt. Im zurückliegenden Jahr war das so, große Vermögen in den USA haben deutlich zugelegt. Denkbar, dass das auch noch einige Jahre so weiter läuft.

Andererseits – ein Grundwiderspruch im Kapitalismus besteht darin, dass abhängig Beschäftigte zwar ein Kostenfaktor sind, der im Sinne der Profitmaximierung reduziert werden muss. Aber sie sind zugleich Konsumenten, die möglichst vieles mit möglichst hoher Gewinnspanne kaufen sollen. Also werden die Tendenzen der zurückliegenden fünf Dekaden nicht auf ewig fortgeschrieben werden können.

In diesem Sinne könnte der neuerliche Ruf nach einem „Reset“ wie in den 1970er Jahren eine Art „Vorbeben“ für eine Wendezeit sein. Damals stand eine Liberalisierung auf allen Ebenen an, von der das Finanzkapital besonders profitierte. Die „Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome waren nur die demagogische Verbrämung dafür, dass alles anders werden soll. Das wurde es auch – die Finanzsystem-dominierte Globalisierung nahm ihren Lauf mit zunehmender Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen.

Die heutigen Reset-Rufe von Schwab & Co nach einer neuerlichen fundamentalen Umwälzung werden gemaß Club-of-Rome-Rezept dieses Mal demagogisch mit der Rettung der Umwelt verbrämt (mit der man/ich sich „theoretisch“ ebenso einverstanden erklären kann wie aus Sicht der 1970er mit den Grenzen des Wachstums).

Die aktuelle Situation sehe ich als Gegenbewegung gegen die zusammen mit der Globalisierung erforderlichen Liberalisierung und Öffnung. Jetzt geht es um den Versuch, alles und jedes irgendwelchen zentralkapitalistischen Planungen und Manipulationen zu unterwerfen. In den Reset-Träumen von Schwab & Co ist das durchaus erkennbar – auch die Betonung der Informations-Technologie mit dem Irrglauben, mit der sogenannten künstlichen Intelligenz (die letztlich nicht mehr ist als elaboriertes Lernen), sowie mit fachidiotischen mathematischen Modellierungen ließen sich die Probleme der Welt lösen. Hiermit soll lediglich die Dominanz der großen IT-Unternehmen untermauert werden.

Letztlich läuft das darauf hinaus, kreatives, selbstbestimmtes, lebendiges Leben immer mehr durch obrigkeitshörige, tote Gängelei und Kontrolle zu ersetzen. Überbordende Bürokratie ist in diesem Zusammenhang ein wichtiges Stichwort. Das mag eine ebenfalls seit den 1970ern bestehende Tendenz der Durchsetzung mit Anwälten unterstreichen. Deren Zahl hat sich seitdem bezogen auf die Bevölkerungszahl in den USA fast verdreifacht. Und: Die Zahl der Verwaltungsangestellte/Sachbearbeiter/Verwalter („Administrator“) ist seit 1970 um über 3000% gestiegen (Charts siehe hier!).

Wir laufen vermutlich in eine Phase heftigerer Verteilungskämpfe hinein, die anstehende Inflationierung ist hierbei ein unblutiges Mittel. Diese Verteilungskämpfe betreffen „arm“ gegen „reich“, aber auch Auseinandersetzungen innerhalb der jeweiligen Gruppen. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, das das früher oder später begleitet wird von sozialen Unruhen. Die sich im Herbst 2019 abzeichnende wirtschaftliche Krise konnte zwar mit der aus Anlass von „Corona“ losgetretenen Geldflut zunächst vertagt werden, aber eben auch nur vertagt. Ein „Replay“ der 1920er und 1930er Jahre??? Der mit dem Vorwand der Infektionseindämmung eingeleitete Abbau demokratischer Grundrechte baut solcher Entwicklung schon mal vorsorglich vor.

[Sofern nicht anders vermerkt, stammen die Charts aus dieser Quelle: „What happened in 1971?“ ]

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