Klaus Schwab – das Buch

Ich habe mich schon mehrfach mit dem „Great Reset“ des World Economic Forum beschäftigt, dem Zentralkomitee des internationalen Großkapitals. Dessen Generalsekretär, Klaus Schwab, hat seine Gedanken dazu in einem Buch niedergelegt (Klaus Schwab, Thierry Malleret: „Covid 19 – The Great Reset“). Das ist inhaltsleer, unwissenschaftlich, voller leerer Worthülsen, voller Demagogie. Und es ist gefährlich.

Die Autoren sehen uns an einem Scheideweg. Der Weg des Großen Resets wird uns zu einer besseren Welt führen: inklusiver, gerechter und respektvoller gegenüber Mutter Natur. Der andere führt uns in eine Welt, die derjenigen ähnelt, die wir gerade zurückgelassen haben, nur schlechter und ständig von bösen Überraschungen verfolgt.

Wachsende Ungleichheiten, ein weit verbreitetes Gefühl der Ungerechtigkeit, sich vertiefende geopolitische Gräben, politische Polarisierung, steigende öffentliche Defizite und hohe Schulden, ineffektive oder nicht vorhandene Global Governance, exzessive Finanzialisierung, Umweltzerstörung sind einige der großen Herausforderungen. Sie bestanden schon vor der Pandemie. Diese Trends haben sich mit Covid-19 nicht geändert, sie haben sich aber verstärkt und beschleunigt, so die Autoren.

Auf globaler Ebene ist die Corona-Krise eine der am wenigsten tödlichen Pandemien in den zurückliegenden 2000 Jahren. Aller Voraussicht nach werden die Folgen von Covid-19 in Bezug auf Gesundheit und Sterblichkeit im Vergleich zu früheren Pandemien mild ausfallen, heißt es. Die Corona-Pandemie selbst stellt damit weder eine existenzielle Bedrohung noch einen Schock dar, der die Weltbevölkerung für Jahrzehnte prägen wird, so die Autoren.

Soweit die Zustandsbeschreibung, der wohl die allermeisten Leute zustimmen können. Und auch hinsichtlich der Folgen, die sich ohne Intervention ergeben, dürfte wohl viel Einigkeit bestehen: Die Autoren waren vor gewaltsamen Schocks, Konflikten und Revolutionen, so wie das in der gesamten Geschichte bisher stets der Fall war.

Eine der leichtesten gesundheitlichen Bedrohungen der Menschheit in den zurückliegenden 2000 Jahren stellt uns also vor die Aufgabe, dass wir alle zusammen den Reset-Knopf drücken und eine neue Weltordnung samt neuem Wirtschaftssystem austüfteln sollen. Theatralisch heißt es im Buch: Die Fehler und Verwerfungen im „grausamen Licht der Corona-Krise“ zu sehen, könnte uns dazu zwingen, gescheiterte Ideen, Institutionen, Prozesse und Regeln durch neue ersetzen, die den aktuellen und zukünftigen Bedürfnissen besser entsprechen, so die Autoren. Und betonen, eine stärkere Zusammenarbeit innerhalb und zwischen den Ländern sei unabdingbar.

In der Welt nach der Pandemie würden Fragen der Gerechtigkeit in den Vordergrund treten, die von seit langem stagnierenden Realeinkommen für eine große Mehrheit bis hin zur Neudefinition von Gerechtigkeit reichen. Ebenso werden tiefe Sorgen um Umwelt und Klimawandel oder Fragen auf die politische Agenda drängen, wie Technologie zum Wohle der Gesellschaft eingesetzt und gesteuert werden kann. Weltweit wird ein Wechsel zu einem Wirtschaftssystem gefordert, das unser kollektives Wohlbefinden über das bloße BIP-Wachstum stellt, heißt es.

Außer solchen Allgemeinplätzen, denen jeder zustimmen kann, findet man in dem Buch keine konkreten Vorstellungen, wie die Zukunft aussehen könnte und wie wir dahin kommen. Und wie soll dieses neue wunderbare Wirtschaftssystem aussehen? Auch das bleibt im Dunkeln.

Nur zu deutlich wird aber der Trick der Autoren, den Schutz von Umwelt und Klima als die Verpackung zu benutzen, um möglichst viele hinter dem weit über dieses Thema hinausgehenden Reset von Schwab & Co zu versammeln. Ein Rezept, das schon der Club of Rome in einem anderen Kontext vorschlug – man lässt Agenden unter der Flagge allgemein anerkannter, existentieller gemeinsamer Ziele segeln, um die Bevölkerung für deren Unterstützung zu gewinnen.

Es ist doch so: Wenn man zu der Erkenntnis kommt, dass der Status quo verbesserungswürdig ist, so muss man zunächst analysieren, wie es dazu kommen konnte. Was liest man in dem Buch über die Ursachen der aktuellen Misere? Corona per se ist es nach Meinung der Autoren ja nicht, was also ist es dann? Mal ist von menschlichen Unzulänglichkeiten die Rede, mal von irgendwelchen Zufällen. Aber ansonsten hüllen sich die Autoren über die tieferen Gründe in Schweigen.

Im Grunde genommen kann man das Buch von Schwab ansehen als einen neuen Aufguss von Ideen, die er seit 2003 auf den jährlichen Treffen des WEF in Davos propagiert. Die zentralen, gebetsmühlenartig vorgetragenen Schlagworte sind „Global Governance“, „Private-Public Partnership“ und „Stakeholder Capitalism“. Erinnert sei an „Shaping the Post-Crisis World” in 2009, oder an „The Great Transformation” von 2012, und nicht zu vergessen „Creating a Shared Future in a Fractured World” von 2018. Immer dreht es sich darum, einen besseren Kapitalismus zu schaffen. Freilich ohne sich darum zu scheren, dass es gerade die in Davos versammelten Eliten und die den WEF dominierenden hundert größten Unternehmen der Welt sind, die die wirtschaftliche und soziale Krise zugespitzt haben und immer weiter zuspitzen.

Treuherzig soll der Eindruck erweckt werden, dass die großen Gewinner des kapitalistischen Systems aus freien Stücken ihr Profitstreben ablegen und sich ernsthaft daran machen, die Umweltkrise zu lösen. Wenn es ein bestimmendes Element des Kapitalismus gibt, dann ist es der unbedingte („objektive“) Zwang zur Profitmaximierung (der erst einmal nichts mit subjektiver Gier zu tun hat). Aus diesem Zwang heraus werden die Ressourcen ausgebeutet, aus diesem Zwang heraus wird Schindluder mit der Umwelt getrieben, aus diesem Zwang heraus kommt es zu immer schwereren wirtschaftlichen/finanziellen Krisen, aus diesem Zwang heraus kommt es zu einer immer ungleichmäßigeren Verteilung von Einkommen und Wohlstand.

Wenn der oberste Interessenvertreter der hundert größten Unternehmen auf der Welt von einem „verantwortungsvollen Kapitalismus“ spricht, in dem alle Interessen gleichermaßen berücksichtigt werden, so ist das Heuchelei. Nebelkerzen sollen verhindern, dass sich in einem demokratischen Informationsprozess ein entsprechendes Bewusstsein über die Hintergründe der Misere herausbildet. (Und wenn Nebelkerzen à la Umweltschutz nicht mehr reichen, muss eben die Demokratie selbst abgeschafft werden…)

Zurück zum Buch – ich greife hier einige Eckpunkte heraus, nicht weil diese besonders originell, geistreich oder konstruktiv sind, sondern zum Beweis des Gegenteils. Lesenswert ist das Buch bestenfalls wegen der Fülle an Daten und Quellen, auf die sich der Text beruft. Und es ist interessant in der Art und Weise, wie die sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Corona-Infektion förmlich zelebriert werden.

Die Pandemie hat aufgezeigt, dass es keinen Zielkonflikt zwischen Wohlstand und Gesundheit gibt, so die Autoren. Denn wenn die Staaten keine rigiden Maßnahmen zur Eindämmung der Infektionsgefahr (Lockdown usw.) ergreifen würden, würde die Stimmung der Bevölkerung zu stark nachlassender Nachfrage führen. Das Ergebnis wäre dasselbe, mehr noch, das Vertrauen der Bevölkerung in die Regierungen wäre nachhaltig beschädigt. Insofern gibt es keine Alternative zu Lockdown & Co. Warum das auch bei einer Seuche der Fall sein soll, die zu den mildesten in 2000 Jahren zählt, wird nicht erklärt.

Angesichts der sich abzeichnenden sozialen Verwerfungen fordern die Autoren eine „integrative Wiederbelebung“ mit kosteneffizienten Gesundheitssystemen, sozialen Sicherheitsnetzen, erweiterter Arbeitslosenunterstützung und Überwindung der Kluft zwischen der Lohnhöhe und dem gesellschaftlichen Wert der Arbeit.

Die Autoren sehen zwischen Covid-19 und Klimakrise einerseits Gemeinsamkeiten, weil beides systemische Risiken sind mit gravierenden Verteilungswirkungen. Auch wirken beide global und betreffen Länder und Menschen ganz unterschiedlich. Andererseits kann die Corona-Krise selbst nicht dafür sorgen, die Umweltproblematik zu lösen. Daher müssten die Konjunkturpakete zur Behebung jener Krise in Richtung einer kohlenstoffarmen und klimaresistenten Entwicklung ausgestaltet werden.

Herausforderungen kommen auf die Steuer- und Geldpolitik zu. Die zunehmende Bedeutung von essentiellen Bereichen wie etwa dem Gesundheitsschutz und der sozialen Sicherheit muss dazu führen, zu überdenken, wie Gewinne aus Wirtschaftstätigkeit zukünftig verteilt werden. Die Zunahme der Arbeitslosigkeit und der Rückgang der Tätigkeit kleiner Unternehmen (so heißen Pleiten heute) zwingt viele Länder, über arbeitsunabhängige Grundeinkommen für ihre Bürgern nachdenken müssen, glauben die Autoren.

Die Hoffnung auf eine konstruktive Neuausrichtung ergibt sich nach Auffassung von Schwab & Co daraus, dass die Pandemie der breiten Öffentlichkeit die Augen für die Risiken in Zusammenhang mit Umweltzerstörung und Klimawandel geöffnet hat. Inwiefern das so ist, wird nicht dargelegt. Dabei sei es unbedingt notwendig, zu einer stärkeren Zusammenarbeit innerhalb und zwischen den Ländern dieser Welt zu kommen, heißt es.

Die Autoren hoffen auf ein Ende der „Tyrannei des BIP-Wachstums", wenn sich die Erkenntnis durchsetzt, dass jenseits eines bestimmten Wohlstandsniveaus Glück mehr von immateriellen Faktoren wie einer guten Gesundheitsversorgung und einem stabilen sozialen Gefüge abhängt als von materiellem Konsum. Dann können Werte wie der Respekt für die Umwelt, verantwortungsvolles Essen, Empathie oder Großzügigkeit nach und nach neue gesellschaftliche Normen prägen.

Dass die Rolle der Nationalstaaten weiter schrumpfen soll, scheint gelegentlich durch im Buch. An deren Stelle soll „Global Governance“ und „Private-Public Partnership“ treten, sprich, der dominante Einfluss der Macher von Schwabs Club der hundert größten Konzerne, die im World Economic Forum versammelt sind. (Wegweisend ist in diesem Zusammenhang das vor bald zwei Jahren geschlossene Memorandum zur neuen Arbeitsteilung zwischen den führenden multinationalen Konzernen und der UN.)

Die Autoren geraten geradezu ins Schwärmen ob der Möglichkeiten, die die Kommunikations-Technologie heute bietet, um die Infektionsverbreitung in Schach zu halten. Natürlich lassen sie auch Gegenstimmen zu Wort kommen, Harari und andere. Ganz liberal kommen sie zu dem Schluss, wir müssen beides im Auge haben, die guten und die schlechten Konsequenzen. Der Geist der technischen Überwachung werde aber nicht mehr in die Flasche zurückkehren, heißt es.

Was in dem Buch an Andeutungen hinsichtlich künftiger Neuausrichtung durchscheint, ist dünn und unkonkret. Es liest sich wie die gesammelten Träume von einer heilen Welt. Die hängen aber so lange in der Luft, so lange man nicht erklärt, warum das alles bisher nicht eingetreten ist, ja, warum wir uns immer weiter von solchen Vorstellungen entfernen. Stattdessen wird das meiste dieser Träume auf „kreative“ Art verknüpft mit der Rettung von Umwelt und Klima. Das ist im allerbesten Sinne Demagogie, zumal natürlich auch hierbei nicht hinterfragt wird, wie es zu dieser massiven Umweltzerstörung kommen konnte. Würde man von den Ursachen für die sich zuspitzende Krise ausgehen, käme man zu völlig anderen Schlussfolgerungen. Das Buch legt die propagandistische Grundlage für die Ausdehnung der Macht des Großkapitals im Sinne einer Art Planwirtschaft.

Zur „Great Reset“ Initiative des World Economic Forum siehe auch hier: „Der Große Reset
Zur Person von Klaus Schwab: „Wer ist Klaus Schwab?

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