Corona – der Horror geht weiter

Das „Corona“-Thema ist zuletzt ein wenig in den Hintergrund getreten. Gestern verkündete nun ein Experte, dass in den USA bis irgendwann im September die Zahl der Corona-Toten auf 200.000 steigen dürfte. Einige Tage zuvor haben andere Experten ausgerechnet, dass es in Deutschland ohne Lockdown bis Anfang Mai über 550.000 Tote gegeben hätte. Und eine Petition fordert einen Untersuchungsausschuss im Bundestag und in den Bundesländern mit der Beteiligung von Bürgern und kritischen Fachleute.

Um auf die Zahl von 200.000 zu kommen, muss man kein Professor sein, dazu reicht ein einfacher Dreisatz – wenn man davon ausgeht, dass sich die Zahl der Infektionen linear fortsetzt und die Quote derer konstant bleibt, die daran sterben. Genau darum geht es aber: Stimmen diese Annahmen? (Wenn man den Verlauf der 100m-Rekorde linear extrapoliert, kommt man dazu, dass der in spätestens 500 Jahren bei Null Sekunden liegt).

Genauso bescheiden sieht es mit einer Analyse am Imperial College in London aus, die herleitet, dass uns der Lockdown in 11 europäischen Ländern bis zum 4. Mai (Endpunkt der Studie) rund drei Millionen Tote erspart hat. Imperial College – in dieser Institution ist auch ein Mann namens Neil Ferguson beheimatet. Der hat seinerzeit ein Kurven-Modell in der Epidemiologie erarbeitet, das die WHO ohne vorherige kritische Prüfung den Regierungen als Entscheidsgrundlage in der „Corona-Krise“ nahe gelegt hat. Damit wurde die weltweite Ausgangssperre begründet. Ferguson musste allerdings im März einräumen, dass er in seinem Modell den Übertragungs-Koeffízient („R0“) zu hoch angesetzt hatte.

Eben dieser Ferguson ist Co-Autor der besagten Studie „Estimating the effects of non-pharmaceutical interventions on COVID-19 in Europe“ (im Review-Stadium). Das mit Abstand wirksamste Mittel zur Eindämmung der Corona-Seuche sei der Lockdown gewesen, heißt es. Eine solch steile Aussage dürfte den für die Lockdown-Maßnahmen verantwortlichen Politikern süß in den Ohren klingen. Sie ist jedoch äußerst fragwürdig.

Das von den Autoren zugrunde gelegte Modell nimmt einige epidemiologische Parameter als konstant an, so etwa die Infektionssterblichkeitsrate. Diese Annahme ist jedoch falsch (bezogen auf die festgestellten Infektionen, nicht die tatsächlichen). Das Verhältnis der Zahl der Sterbefälle zur Gesamtzahl der Infektionsfälle ist z.B. in Deutschland seit Anfang März kontiniuerlich angestiegen und verliert erst seit Ende April an Dynamik. Derselbe Verlauf lässt sich in Italien feststellen (auf höherem Niveau), ebenso in Schweden (hier zuletzt rückläufig).

Es wird abgeschätzt, dass bis Anfang Mai in den untersuchten Ländern 12 bis 15 Millionen mit SARS-CoV-2 infiziert wurden. Für Deutschland nimmt man etwa 700.000 (0,85% der Bevölkerung) an. Die per 4. Mai (Deadline der Studie) gemeldete Gesamtzahl der Infektionen kommt hier auf fast 170.000, demnach wären gut vier mal mehr Leute infiziert gewesen als in der Statistik aufgetaucht sind.

Die Studie verwendet zwar einige Zeilen darauf, dass die ihr zugrundegelegten Daten wackelig sind, macht sie aber dann unkritisch zur Grundlage. Untersuchungen etwa in Deutschland zeigen, dass bei einer großen Zahl von Todesfällen nicht unterschieden wird, ob sie durch oder mit oder auch ohne Corona zustande gekommen sind. Das RKI hat in seinen Leitlinien im April sogar dazu angehalten, im Zweifel als Todesursache eine Covid-19-Infektion anzugeben. Die hohe Dunkelziffer unterstreicht die instabile Datenbasis zusätzlich.

Zudem wird unterstellt, dass die Reproduktionszahl auf Interventionen sofort reagiert. Ich halte das für falsch, allein von der Ansteckung über die Inkubationszeit bis zur Meldung an das RKI vergeht leicht eine Woche und mehr. Bis sich die Maßnahmen dann signifikant niederschlagen, vergeht noch einmal eine Woche oder mehr. Die Zahl wird in allen untersuchten Ländern mittlerweile unter eins gesehen, was darauf hindeutet, dass sich die Infektion nicht weiter ausbreitet (Deutschland 0,71). Zu Beginn der Infektionswelle wurde sie bei 3,8 gesehen (von 2,4 bis 5,6).

Die Autoren gestehen zu, dass „R“ zuverlässig immer erst im Nachhinein ermittelt werden kann. Trotzdem spielt die Zahl in ihrem Modell eine entscheidende Rolle. Und zwar insbesondere bei der Konstruktion ihres Szenarios bei Abwesenheit der Lockdown-Maßnahmen. Hier legen sie den Wert zu Beginn der Infektionswelle zugrunde und halten ihn konstant. Das ist jedoch unplausibel, die Reproduktionszahl vermindert sich mit der Ausbreitung der Infektion. Aber Dunkelziffer, gemixt mit konstantem, auf die offiziellen Infektionsdaten bezogenen R-Wert – so ergeben sich dann mal eben auf die Schnelle in sieben Wochen „nicht-Lockdown“ rund drei Mio. Tote extra (von Mitte März bis Anfang Mai). Gleichzeitig zeigt die hohe Dunkelziffer aber, dass die Infektion in sehr vielen Fällen offenbar glimpflich verläuft. Das macht die hohe Zahl der möglichen Todesfälle auch nicht eben plausibler.

Anstatt mit „R“ herumzuspielen und darauf komplexe Modelle aufzubauen, macht es deutlich mehr Sinn, mit dem Verlauf der täglichen Neuinfektionen zu arbeiten. Hierdurch „kürzen“ sich zum Teil die Effekte der unsauberen Datenerhebung und der immer weiter expandieren Zahl der Testungen ein Stück weit heraus, also der Effekte der alles andere als wissenschaftlichen Methode zur Gewinnung der Daten. (Sinnvoll wäre einzig und allein, mit repräsentativen Methoden zu arbeiten, wie das Prof. Bhakdi Anfang April gefordert hat.)

Legt man dies zugrunde, war in Deutschland um den 20. März herum bereits der Punkt erreicht, an dem die Dynamik der Corona-Infektionen abzunehmen begann. Ähnliches gilt für Italien. Just am 22. März wurde in Deutschland der Lockdown ausgerufen.

Zusammengefasst: Die Studie kommt unter falschen Annahmen und wenig kritischer Würdigung der von ihr verwendeten Daten zu reißerischen Schlussfolgerungen hinsichtlich der Wirksamkeit der Lockdown-Maßnahmen. Wegen der exponentiellen Modelle können schon kleine Unsicherheiten in der Datenlage extreme Auswirkungen haben. Die Behauptung, uns seien durch den Lockdown in Deutschland bis Anfang Mai über 500.000 Tote erspart worden, ist unhaltbar. U.a. hier habe ich mich mit weiteren Meinungen auseinandergesetzt, die die Wirksamkeit des Lockdown ebenfalls in Zweifel ziehen.

Zeit also, dass einmal gründlich untersucht wird, ob die Lockdown-Maßnahmen wie auch andere Einschränkungen demokratischer Grundrechte angemessen waren. Eine aktuelle Petition fordert einen Untersuchungsausschuss im Bundestag und in den Bundesländern mit der Beteiligung von Bürgern und kritischen Fachleuten.

Die Petition verweist dazu u.a. auf ein im Innenministerium entstandenes Papier, dass gravierende Fehlleistungen im Krisenmanagement der Behörden festgestellt hat. Die Regierung weigert sich, sich mit den Inhalten zu beschäftigen. Laut vorliegenden Daten sei die Sterblichkeit bei Covid-19 vergleichbar mit einer Influenza, die Gesamtsterblichkeit sei in 2020 nicht höher als in früheren Jahren, heißt es in der Petition. Zur Untermauerung der Petition ist ein Dokument beinhaltet, das 250 Expertenstimmen zur Corona-Krise zusammenfasst.

Ergänzung:
Einen wirklich guten Überblick über viele Aspekte des Corona-Themas gibt Martin Hirte hier!

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