Ex-CIA-Mann: Die Identitätskrise Europas

Der ehemalige US-Geheimdienst-Mann Graham E. Fuller, beim CIA zuständig für die Beurteilung der globalen Situation, sieht den Ukraine-Krieg als Stellvertreter-Krieg und Europa als Diener der US-Hegemonie. Europa komme in eine Identitätskrise.

Fuller stellt seiner Betrachtung „Some hard thoughts about post Ukraine“ zwei fundamentale Realitäten voran:
() Putin ist als jener zu verurteilen, der den Ukraine-Krieg begonnen hat.
() Die USA (NATO) haben den Einmarsch Russlands in die Ukraine provoziert, Moskau hat wiederholt vor der Überschreitung roter Linien gewarnt. Eine Neutralität der Ukraine wurde aktiv verhindert.

Nachfolgend gebe ich eine freie gekürzte Übersetzung.

Fuller sagt voraus, dass Russland den Krieg gewinnt. Die Ukraine habe ihn bereits verloren. Es handelt sich auch nicht um einen ukrainisch-russischen Krieg. Dieser amerikanisch-russische Krieg werde stellvertretend bis zum letzten Ukrainer geführt.

Die von den USA eingerichteten Sanktionen gegen Russland sind für Europa weitaus verheerender als für Russland selbst. Und viele Entwicklungsländer stehen vor einer ernsten Nahrungsmittelknappheit, die Gefahr einer allgemeinen Hungersnot ist real.

Europa wird bei der Bestimmung seiner globalen Rolle in eine Identitätskrise geraten. Im Moment ist die NATO die europäische Außenpolitik, und Europa bleibt unverständlich zaghaft, wenn es darum geht, eine unabhängige Stimme zu erheben. Die Frage ist, wie lange noch?

Washington fordert von Europa auch, sich gegen China zu positionieren. Unter dem Deckmantel „Demokratie gegen Autoritarismus“ geht es in Wahrheit um einen klassischen Kampf um die Vormacht in der Welt. Europa kann es sich nicht leisten, sich auf eine Konfrontation mit China einzulassen, so Fuller. Diese „Bedrohung“ wird vor allem von Washington wahrgenommen, aber sie überzeugt viele europäische Staaten und einen Großteil der Welt nicht.

Chinas „Belt and Road“-Initiative verbindet China über den Schienen-, Straßen- und Seeweg mit Europa. Die Landwege verlaufen durch Russland. Wenn sich Europa dem „Belt and Road“-Projekt verweigert, wird das Europa teuer zu stehen kommen. Andererseits kann sich Europa Russland gegenüber unmöglich verschließen und zugleich Zugang zu dem eurasischen Megaprojekt beanspruchen.

Die massiven US-Sanktionen gegen Russland, einschließlich der Beschlagnahme russischer Gelder in westlichen Banken, veranlasst den Großteil der Welt dazu, über die Rolle des Dollar neu nachzudenken. Eine Diversifizierung der internationalen Finanz-Instrumente ist bereits im Gange und führt zur Schwächung der einst dominanten wirtschaftlichen Position Washingtons und des Dollar als finanzielle Waffe zur Aufrechterhaltung der US-Hegemonie.

Das Ende des Ukraine-Krieges wird Europa dazu bringen, über den Sinn der Unterstützung von Washingtons verzweifeltem Versuch nachzudenken, seine globale Hegemonie zu erhalten. Europa, so Fuller, nehme die USA bereits als eine im Niedergang begriffene Macht wahr, die verzweifelt bemüht ist, die Führungsrolle in der Welt zu bewahren. Die Bereitschaft, zu diesem Zweck Kriege zu führen, wird für andere Staaten zunehmend gefährlich.

Fuller prophezeit, dass Westeuropa den Tag bereuen wird, an dem es Washingtons Rattenfängern blindlings in diesen Krieg gegen Russland gefolgt ist. Nach Fuller werde Europa früher oder später zum Kauf preiswerter russischer Energie zurückkehren. Russland liegt vor der Haustür, eine überwältigende Logik gebiete normale Wirtschaftsbeziehungen.

Fuller sieht als eines der beunruhigendsten Merkmale dieses amerikanisch-russischen Ukraine-Krieges die völlige Korruption der Medien. Tatsächlich hat Washington alle westlichen Medien dazu gebracht, sich umfassend gleichzuschalten. Das habe es in dieser Form noch nie gegeben, so Fuller, wir hören heute keine alternativen Stimmen mehr zur Ukraine. Natürlich könne man auch der russischen Presse nicht trauen.

Die amerikanische Mediendominanz unterdrückt fast alle alternativen Stimmen. Die Gefahr ist, dass auf dem Weg in künftige globale Krisen, etwa die globale Erwärmung, Flüchtlingsströme, Naturkatastrophen und wahrscheinlich auch neue Pandemien, eine wirklich unabhängige freie Presse weitgehend verschwindet. Die konzerndominierten Medien stehen wiederum den politischen Kreisen nahe und werden durch elektronische soziale Medien unterstützt, die alle die Berichterstattung zu ihren eigenen Zwecken manipulieren. Die rigorose staatliche und unternehmerische Beherrschung der westlichen Medien ist äußerst gefährlich für die Zukunft der Demokratie.

Der geopolitische Fokus Russlands hat sich mit dem Ukraine-Krieg höchstwahrscheinlich in Richtung Eurasien verschoben, so Fuller. Die Russen haben sich jahrhundertelang darum bemüht, in Europa akzeptiert zu werden, wurden aber stets auf Distanz gehalten. Da der Westen mit Russland nicht über eine neue strategische und sicherheitspolitische Architektur diskutieren wird, sehen die russischen Eliten nun keine Alternative mehr, als ihre wirtschaftliche Zukunft im pazifischen Raum zu suchen.

China und Russland sind nun enger zusammengerückt, und zwar aus dem gemeinsamen Bestreben heraus, die uneingeschränkte „Freiheit“ der USA zu unilateralen militärischen und wirtschaftlichen Interventionen in der ganzen Welt zu verhindern. Es sei ein Hirngespinst, so Fuller, zu glauben, die USA könnten die –von ihnen selbst induzierte– russisch-chinesische Zusammenarbeit spalten.

Russland verfügt über wissenschaftliche Brillanz, Energie im Überfluss, reiche seltene Mineralien und Metalle. Die globale Erwärmung werde das landwirtschaftliche Potenzial Sibiriens vergrößern. China verfügt über das Kapital, die Märkte und die Arbeitskräfte, um zu einer „natürlichen“ Partnerschaft in ganz Eurasien beizutragen.

Fast alle Erwartungen Washingtons an den Ukraine Krieg stellen sich als falsch heraus, so Fuller [meint wohl, sind nicht eingetreten]. Der Westen sollte das als ultimatives Argument gegen Washingtons Streben nach globaler Vorherrschaft nehmen, das zu immer neuen, gefährlicheren und schädlicheren Konfrontationen mit Eurasien führt. Und die meisten anderen Länder der Welt -Lateinamerika, Indien, der Nahe Osten und Afrika- haben wenig nationale Interessen an diesem amerikanischen Krieg gegen Russland.

[Unter Verwendung von Material von „Globalbridge“ – h/t Fassadenkratzer]

Ergänzung:
George Friedman, ein einflussreicher US-Politologe, wird nicht müde, vor einer engen Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Russland zu warnen. Deutschland habe die Technologie, Russland habe die Rohstoffe. Die beiden Weltkriege, der Kalte Krieg – alles hatte das Ziel, das Zusammengehen der beiden Nationen zu verhindern. Vereint seien sie die einzige Macht, die die Macht der USA bedrohen kann, so Friedman.

Neu ist diese Idee nicht – sie ist Kern der Heartland-Doktrin, die der britische Geograph Halford Mackinder Anfang des 20. Jahrhunderts formulierte. Diese Theorie bestimmte die Außenpolitik Englands und bestimmt die der USA bis heute. Ich hatte darüber in Zusammenhang mit Nord Stream 2 berichtet. Allerdings verschieben sich nun die Gewichte – in einer zu aktualisierenden Heartland-Doktrin scheint nun China an die Stelle von Deutschland zu treten.

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