Gas – dumm oder was?

Der zweitwichtigste Energieträger in Deutschland ist Erdgas. Wir produzieren fast nichts davon selbst, und doch ist es entscheidend für die Stromerzeugung, für unsere Industrie und zum Heizen unserer Häuser. Aus Russland kommt immer weniger davon. Was tut „Berlin“?

Während die Bundesregierung händeringend nach neuen Erdgaslieferanten sucht, die Preise explodieren und Millionen Menschen sich sorgen, wie sie im Winter heizen sollen, wird laut Bundesnetzagentur gerade besonders viel Gas zur Stromproduktion verbrannt.[1]

Der Gas-Strom wird zum großen Teil nach Frankreich exportiert, wo die Regierung den Strompreis für Endkunden gedeckelt hat und gerade besonders viele Atomkraftwerke gewartet werden (siehe hier!). Der Stromexport in die Schweiz hat sich im zweiten Quartal übrigens mehr als versechsfacht. Jetzt hofft man, dass wir im Winter Strom aus Frankreich bekommen.

Vor dem Ukraine-Krieg bezog Deutschland gut die Hälfte des Erdgases aus Russland (55%). Seit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine führen „wir“ einen Wirtschaftskrieg gegen das Land. Die russische Regierung hat die Lieferungen drastisch reduziert, derzeit ist die wichtige Pipeline Nord Stream 1 nur zu 20% ausgelastet. Gazprom begründete eine erste Reduktion mit dem Fehlen einer zur Reparatur nach Kanada gesandten Turbine. Dann sorgten routinemäßige Wartungsarbeiten für eine weitere Einschränkung. Zwischenzeitlich musste nach russischer Darstellung noch eine Turbine stillgelegt werden, was eben dazu führt, dass die Transportkapazität derzeit bei nur 20% des Maximums bleibt.

Die in Kanada gewartete Turbine ist zurück, sie steht in Mülheim und wartet auf eine russische Einfuhrgenehmigung (so die offizielle Erklärung). Die russische Seite erklärt die bisher nicht erfolgte Rücknahme der in Mülheim befindlichen Turbine mit dem Fehlen von technischen Unterlagen. Die Zollformalitäten seien kein Hinderungsgrund (siehe z.B. hier!). Keine Ahnung, was stimmt.

Außerdem: Es wird immer nur von reduzierten Transportkapazitäten gesprochen und damit der Schluss nahegelegt, Russland verstoße gegen Lieferverpflichtungen. Russland hat sich jedoch nie verpflichtet, stets das technische Maximum zu liefern (siehe hier). Was genau die Verträge beinhalten, ist geheim. Offenbar weiß selbst die deutsche Regierung nicht so genau, was darin steht. Interessant ist, dass Scholz zum ersten Mal von verletzten Lieferverpflichtungen sprach, als er sich ausgerechnet am 3. August vor der Turbine in Mülheim ablichten ließ.

Es wäre nichts einfacher als die vermeintlichen oder tatsächlichen technischen Probleme von Nord Stream 1 zu umgehen, wenn man die voll funktionsfähige Pipeline Nord Stream 2 in Betrieb nähme. Doch Wirtschaftsminister Habeck will darüber nicht einmal nachdenken. Also erfrieren vielleicht bald alte Menschen. Hauptsache, wir wahren unser nationales Gesicht und ärgern Putin. Hart bleiben…

Aus Norwegen bekommt Deutschland trotz Bitten von Kanzler Scholz auch nicht mehr Erdgas geliefert, weil das Land hierfür sehr langfristige Verträge will (siehe hier!). Deutschlands Energiedoktrin sieht aber fossile Energieträger nur noch als Übergang an, als Übergang in die schöne neue Welt der Dekarbonisierung der Energieerzeugung. Also kein norwegisches Gas – wir frieren lieber.

Hat es wenigstens was genutzt, geht es den Russen schlecht, ist Putin am Ende wegen all unserer schönen Sanktionen? Nein, den Russen geht es dem Vernehmen nach gut. Putin sitzt fest im Sattel. Der Rubel ist heute etwa 1,5 mal stärker gegen Euro als zu Jahresbeginn, im Vergleich zum Beginn des russischen Einmarschs in der Ukraine im Februar ist der Faktor sogar 2,3.

Als Konsequenz dieser multidimensionalen Untätig- oder Unfähigkeit erwartet uns also ein weiterer Winter des wirtschaftlichen Niedergangs: Unsere durch die Covid-Maßnahmen und Probleme in den Lieferketten immer noch geschwächte Wirtschaft wird ernsthaft schrumpfen. Viele Deutsche werden Probleme haben, ihre Wohnungen zu heizen, auch weil sie die exorbitant gestiegenen Gas-Preise nicht bezahlen können, und die Kommunen werden grundlegende Dienstleistungen weiter einschränken. Aber wenigstens tun wir Putin weh – irgendwie. Vielleicht aber eben auch nicht.

Es gibt „eigentlich“ nur zwei Erklärungen für diese, „unsere“ Politik:
Entweder sind alle in Berlin und anderswo unfassbar dumm, so unfassbar dumm, dass es die normalen Bürger nicht glauben können. Das Vertrauen in ein stabiles System zum Nutzen der Bürger ist wohl immer noch (zu) groß.
Oder es ist alles Teil einer gezielten Zerstörung von Infrastruktur zum Zwecke von, ja, von was? Eine industrielle Rolle rückwärts, damit Deutschland endlich die Quittung bekommt für 20+ Jahre Dominanz in der EU? Oder ist alles Teil einer gezielten Produktion von Chaos und Unsicherheit, um die „Normalos“ gefügig zu machen für die noch kommenden Zumutungen im Endspiel des Kapitalismus?
Vielleicht trifft beides zu: Unfassbar dumme Politiker sind besonders gut lenkbar.

Das deutsche Experiment mit erneuerbaren Energien – bis 2025 wird es bis zu 600 Mrd. Dollar verschlungen haben, der Strom wird dann vielleicht doppelt so teuer und zehnmal so kohlenstoffintensiv wie in Frankreich sein. Erneuerbare Energien sind für unser modernes Leben nicht gemacht. Die Stromversorgung benötigt zumindest eine solide Grundlast-Erzeugung mittels konventioneller Kraftwerke (Atom, Gas, Kohle, Fusion?) – genau die, von denen viele schon stillgelegt worden sind.

Schon Mitte Januar 2017 hatten wir bei kaltem, stark bewölkten und windstillen Wetter eine Situation, in der die Stabilität der Stromversorgung an ihre Grenzen kann. Und heute sind wir viel weiter im Abbau der Grundlast-Kraftwerke. Ein paar Tage ohne Sonne und Wind im kommenden Winter könnten reichen, um die Stromversorgung kollabieren zu lassen.

Zwei Anmerkungen zu Elektromobilität und Dekarbonisierung:
Was ist, wenn im Winter (keine Sonne, kein Wind) viele E-Auto gleichzeitig geladen werden? Und: Mit den explodierenden Strom-Preisen werden sich aller Voraussicht nach die Produktionskosten der Batterien für Elektroautos verdoppeln. Zusammen mit den Stromkosten wird das Fahren mit Elektrovehikeln dann richtig teuer. E-Autos sind vielleicht doch keine so gute Idee.
Die „Dekarbonisierung“ der Energieerzeugung wird lange nicht zur Verminderung des CO2-Ausstoßes führen, an dem angeblich alles hängt. Der überhastete, unkoordinierte Aufbau einer neuen, zusätzlich zu einer bestehenden intakten Infrastruktur führt genau zum Gegenteil.

Wie wäre es stattdessen mit synthetischen Kraftstoffen? Seit den 1920er Jahren gibt es die Fischer-Tropsch-Synthese, bei der Synthesegas (eine Mischung aus Wasserstoff und Kohlenmonoxid) in Kohlenwasserstoffe (=“Sprit“) umgesetzt wird. Das Synthesegas kann theoretisch aus dem CO2 der Luft und aus der Elektrolyse von Wasser gewonnen werden. CO2 gibt es (zur Genüge) in der Atmosphäre und die Elektrolyse kann mit der überschüssigen Energie von „Erneuerbaren“ betrieben werden. Synthetische Kraftstoffe sind hochgradig CO2-neutral, weil sie bei der Verbrennung nur wieder das CO2 ausstoßen, was bei der Herstellung zuvor der Luft entnommen wurde. Sie funktionieren mit herkömmlichen Verbrennungsmotoren. Das Verfahren ist erprobt, was fehlt, ist ein Prozess, mit dem große Mengen erzeugt werden können.

Lesenswert:

Ergänzung:
Wenn Sie wissen wollen, wie "umweltfreundlich" Windräder sind. In den meisten von ihnen ist SF6 enthalten, das umweltschädlichste Gas, das es gibt (siehe hier, Eintrag vom 18.8.22, ARD plusminis). Zur Auswirkung von Turbulenzen siehe hier (Eintrag vom 22.7.22, Tichys Einblick) oder hier (Eintrag vom 10.8.22, Ansage!).

Fußnoten:

  1. Im Juli lag die Stromproduktion aus Gaskraftwerken um 13,5% über dem Vorjahresmonat. Das bedeutet, dass im Juli etwa eine Terawattstunde (= eine Billion Wattstunde) mehr Gas zur Verstromung eingesetzt wurde. Eine Terawattstunde entspricht etwa 100 Millionen Kubikmetern Erdgas, das wiederum sind vier Promille des Gesamt-Volumens der deutschen Erdgas-Speicher. Hört sich erst einmal nicht viel an, ist aber auch nur die Menge eines Monats, aufs Jahr gerechnet wären das schon fünf Prozent. Außerdem: Wenn es Mangel gibt, ist jedes Bisschen viel. [↩]

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