Kassandra stinkt (zum Himmel)

In Deutschland werden täglich neue Inzidenz-Rekorde gemeldet. Sehen wir mal davon ab, dass „Inzidenz“ ebenfalls zum Sammelsurium der falschen Begriffe in dieser „Pandemie“ gehört. Denn der wissenschaftliche Begriff der Inzidenz bezieht sich auf die Häufigkeit von Neuerkrankungen. Das, was uns täglich um die Ohren gehauen und als Inzidenz verkauft wird, ist aber die Häufigkeit von gefundenen Gen-Merkmalen, die (möglicherweise) auf ein bestimmtes Virus hindeuten. Ich erspare mir, das Wort „Inzidenz“ im folgenden in Gänsefüßchen zu setzen.

Also, der Inzidenz-Rekord liegt aktuell bei rund 230 „Fällen" pro 100.000 Einwohner pro sieben Tage oder auch bei 0,23%. Wer viel testet, findet viel: Die Zahl der Tests läuft seit Mitte September mehr oder weniger seitwärts bei unter 1,8 pro 1000 Einwohner – damit korrigiert kommt man auf eine Inzidenz von etwa 130. Die Inzidenz hat sich im angegebenen Zeitraum verdreifacht. Ein düsteres Bild sollte man meinen. Die Zahl der neuen Todesfälle („an“ oder „mit“ Corona) hat sich im gleichen Zeitraum mit dem Faktor 2,7 entwickelt und liegt auf niedrigem Niveau jetzt bei 1,34 pro eine Million Einwohner (gemittelt über sieben Tage).

Vergleichen wir die Situation des aktuellen Inzidenz-Rekords mit dem aus dem vergangenen Jahr, der am 23. Dezember oberhalb von 200 erreicht wurde. Zu diesem Zeitpunkt kam die Zahl der neuen Todesfälle auf 7,4 pro eine Million Einwohner, lag also 2,7 mal höher als heute.

Mitte Januar war bei 10,3 Todesfällen pro eine Million Einwohner der Gipfel der zweiten Welle (nach Verlauf der Todesfälle). Aktuell stehen wir, wie gesagt, bei 1,34. Nach dem Verlauf der Todesfälle befinden wir uns momentan (vielleicht) am Anfang der dritten Welle. Alle Welt krakeelt in Deutschland von einer vierten Welle. Auf die kommt man aber nur, wenn man die Inzidenzen betrachtet. Die wiederum haben nur einen geringen Aussagewert. Und wie soll man die Entwicklung einer Infektion anders beurteilen als nach der Zahl der Opfer?

Ganz offensichtlich haben sich der Verlauf der Inzidenz und der der Todesfälle entkoppelt. Im Herbst/Winter 2020 war noch eine deutliche Synchronität festzustellen. Auch im Frühjahr 2021 war der Zusammenhang schon nur noch locker. Das kann durchaus an der seit Jahresbeginn zunehmenden Verbreitung der Delta-Variante liegen, die als ansteckender, aber weniger gefährlich gilt. Gleiches lässt sich auch in anderen Ländern feststellen, ich zeige hier England und Schweden. Bei Schweden fällt auf, dass beide Zeitreihen am Boden sind, und das „obwohl“ in diesem Land so gut wie keine „Restriktionen“ bestehen. Das schwedische Beispiel…

Nun wird auch schon wieder geschrieen, dass eine Überlastung der Krankenhäuser und der Intensivstationen droht. Der Thüringer Ministerpräsident hat sich sogar zu einer Aussage der übelsten Sorte verstiegen, nämlich, dass Ungeimpfte nicht mehr behandelt werden könnten/sollten – siehe hier. Dieser sogenannte Linke hat das dann zwar wieder weich gekocht. Aber neben seiner Aussage bleibt, dass er für einen eventuellen Notstand selbst die Verantwortung trägt, weil die Kapazitäten unter seiner Regierung in der angeblich schlimmsten Pandemie deutlich reduziert wurden.

Das folgende Bild zeigt, dass die Gesamtkapazität der Intensivpflege seit August 2020 um gut 7.000 Betten abgebaut wurde. Aktuell sind von gut 19.000 Betten 2.533 mit Covid-Fällen belegt. Unklar ist (und wird von DIVI auch bewusst nicht veröffentlicht), wie viele davon tatsächlich mit COVID-19 als Hauptdiagnose eingewiesen wurden.

Zu Zeiten des vorherigen Inzidenz-Rekords um Weihnachten 2020 herum lagen über 5.700 Covid-Fälle auf der Intensivstation, also mehr als doppelt so viele wie heute. Aktuell werden 45 Personen pro eine Million Einwohner pro Woche mit Covid hospitalisiert, um Weihnachten 2020 herum waren es über 150, also mehr als drei mal so viele. Die täglich auf Intensivstationen überwiesenen Covid-Fälle liegt heute in etwa so hoch wie seinerzeit, bei rund 90. Dabei ist zu bedenken, dass es insbesondere bei einem dynamischen Geschehen zu doppelter Erfassung kommen kann, wie die Verantwortlichen des DIVI selbst sagen. Außerdem geschieht dies aktuell auf vergleichsweise niedrigem Niveau.

Wenn Engpässe in der intensivmedizinischen Pflege entstehen sollten (was derzeit überregional nicht zu sehen ist), so liegt das in allererster Linie daran, dass (nicht nur in Thüringen) Intensivkapazität abgebaut worden ist – eben über 7.000 Betten seit August 2020. Und der nächste Grund liegt in der katastrophalen personellen Ausstattung. An der Situation der dort Beschäftigten hat sich nichts geändert – die Bezahlung ist trotz vollmundiger Ankündigung weiter schlecht, die Überlastung immens.

Der Bundesrechnungshof hatte im Mai ermittelt, dass die Bundesregierung bereits im Februar 2020 gut 14.200 Beatmungsgeräte zusätzlich besorgt hat. Davon sind von den Krankenhäusern lediglich 4.500 abgerufen worden. Auch wurden ihnen 600 Mio. Euro für die Neuanschaffung von etwa 6.000 bis 7.000 Intensivbetten zur Verfügung gestellt. Diese so geschaffenen neuen Intensivbetten sind für den Rechnungshof aber nicht auffindbar. Zudem hat er seinerzeit festgestellt, dass es seit Ausrufung der Corona-Pandemie zu keinem Zeitpunkt eine Intensivbettenkrise gab (siehe hier!). Und hat damit Aussagen von Prof. Schrappe bestätigt, über den deswegen seinrzeit ein Shitstorm hinweg gefegt war.

Die Kassandra-Rufe stinken zum Himmel.

Ergänzung:
Die Autorengruppe zu Corona um Prof. Schrappe schreibt: "Aber schauen wir uns heute die Situation mit Ruhe und kritischer Distanz an: es versterben von 100 hospitalisierten CoViD-19-Patienten in etwa genauso viel wie von 100 hospitalisierten Patienten mit einer ambulant erworbenen Pneumonie gleichen Alters. In diesem Kontext hält sich CoViD-19 durchaus „im Rahmen“, auf jeden Fall besteht keine katastrophale Situation, die es erlauben würde, alle gesellschaftlich konstituierende Grundsätze außer Kraft zu setzen."

Im aktuellen Interview mit Cicero sagt Prof. Schrappe in Bezug auf die wie schon im Herbst 2020 kursierenden Meldungen, nach denen die Krankenhäuser allmählich an ihre Grenzen stießen: „Das stinkt zum Himmel.“ Leider hinter einer Bezahlschranke…

Nachtrag:
Hier der Vergleich in Tabellenform. Die Daten (31.10.21 vs 20.12.20) entsprechen nicht ganz denen im Text, weil nicht für jeden Tag vollständige Informationen vorliegen.

(13.11.21) "Eigentlich" sollte die Inzidenz ja keine entscheidende Rolle mehr spielen. Aber sie eignet sich gerade wieder so gut zur Panikmache. Der Verlauf der wöchentlichen Hospitalisierungsrate, im folgenden Chart mit dunkelblauen Punkten markiert, zeigt folgendes: Am 20.12.20 war in Deutschland ein Hochpunkt bei 152 pro eine Million Einwohner erreicht worden. Der nächste Hochpunkt lag am 25.4.21 bei 96. Zu beiden Zeitpunkten hatte es keine Überlastung des Gesundheitswesens gegeben – dies hatte z.B. auch der Bundesrechnungsrechnungshof bestätigt (s.o.!). Beim jüngsten Wert vom 31.10.21 mit 45 kann dann davon erst recht keine Rede sein – es sei, denn, die Kapazitäten sind mittlerweile drastisch reduziert worden. Dann gehören die dafür Verantwortlichen vom Hof gejagt.



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