Von Corona zu S&P 500

Der S&P 500 hat auf Wochensicht 2,9% verloren. Allein am letzten Tag der Woche büßte er 2,4% ein, er schloss bei 3009. Die Medien geben als Anlass eine deutliche Steigerung der Corona-Zahlen in den USA an.

Zu diesem Punkt muss ich etwas ausholen. Die Zahlen für die USA wurden in den zurückliegenden Tagen wieder einmal deutlich revidiert und das über Wochen zurück. Das betrifft nicht nur die Zahl der täglichen Neuinfektionen, sondern auch die Zahl der Corona zugeschriebenen Todesfälle. Das lässt an der „Belastbarkeit“ der Datenerhebung zweifeln.

Abgesehen davon taugen die Zahlen sowieso „keinen Schuß Pulver“, wie man so sagt. Die Zahl der Neuinfektionen sagt so lange überhaupt nichts aus, so lange sie nicht zumindest ins Verhältnis zur Anzahl der Tests gesetzt wird. Aber selbst dann ist ihr Aussagewert zur Verbreitung der Krankheit begrenzt, insbesondere deshalb, weil üblicherweise nur diejenigen Personen getestet werden, die Symptome einer Beeinträchtigung der Lunge zeigen.

Die statistisch korrekte Methode wäre demgegenüber, regelmäßig eine Stichprobe der Bevölkerung zu testen, unabhängig davon, ob die Personen Symptome aufweisen oder nicht. Solche Verfahren werden z.B. bei Meinungsumfragen („Sonntagsfrage“) eingesetzt. Ich hatte das hier in verschiedenen Artikeln über die zurückliegenden Monate thematisiert.

So, wie es jetzt gemacht wird, eignen sich die täglichen Corona-Zahlen gut zur Stimmungsmache, man kann je nach Belieben (etwa durch schnelles Ausweiten der Tests) Ängste schüren oder den Angst-Level auch wieder sinken lassen. Mit statistischen Taschenspieler-Tricks wird man das wirkliche Ausmaß einer Pandemie (die nie da war…) jedenfalls nicht korrekt erfassen können – falls man das überhaupt will. Es ist schon erstaunlich, wie eine ganze Herde von Epidemologen jeglichen wissenschaftlichen Anspruch auf dem Altar politischer Interessen opfert.

Und was die Anzahl der Todesfälle angeht, so wird auch hier Schindluder betrieben. Es wird nicht sorgsam unterschieden, ob jemand an oder mit oder ohne Corona gestorben ist. Die Symptomatik reicht oft aus, um einen Todesfall zu klassifizieren. Da ähnliche Symptome auch bei Grippe/Influenza auftreten, dürften viele Influenzafälle oder auch Fälle anderer akuter Lungenerkrankungen Corona zugeschrieben werden.

Selbst dann ist die Zahl der Todesfälle, die diesem Virus zugeschrieben wird, geringer als das, was bei einer mittleren Grippewelle zu verzeichnen ist. 2017/2018 gab es eine starke Grippewelle. Innerhalb von acht Wochen starben daran seinerzeit in Deutschland 25.100, Corona werden bis heute 9.000 Tote zugeschrieben. Damals wurden weltweit 1,5 Millionen Grippetote erfasst, hinsichtlich Corona kommt die Zahl aktuell auf knapp 500.000. Nach Giovanni Mancarella von der Europäischen Seuchenbehörde (ECDC) sterben im langfristigen Mittel in jeder Grippe-Saison bis zu 646.000 Menschen weltweit an Influenza. In Europa haben jährlich bis zu 50 Millionen Menschen Grippesymptome, zwischen 15.000 und 70.000 sterben daran.

Die Zuverlässigkeit der PCR-Tests ist ein weiteres Thema. Es gibt sehr unterschiedliche Meinungen zu der Frage, wie hoch der Prozentsatz der falsch-positiven oder auch der falsch-negativen Ergebnisse ist. Hinzu kommt, dass der Test keine Aussage darüber machen kann, ob die gefundenen, SARS-CoV2 zugeordneten Gen-Stücke tatsächlich zu einem ansteckenden Virus gehört haben.

Mit all diesen Kritikpunkten an der Art der Corona-Datenerhebung zurück zur Entwicklung in den USA: In der Tat kommt es seit dem 11. Juni zu einem deutlichen Anstieg der Gesamtzahl der Corona-Infektionen von 2,09 auf 2,55 Millionen. Diese Bewegung ist gerade noch nicht so heftig, dass man von einem sich selbst verstärkenden Verlauf (exponentieller Verlauf) ausgehen muss. Der folgende Chart stellt den Verlauf der täglichen Neu-Infektionen dar.

Aktuell werden in den USA fast 540.000 Tests pro Tag durchgeführt (1,63 pro 1000 Einwohner), am 11. Juni waren es 450.000 (1,36 pro 1000 Einwohner) – das ist eine Steigerung um 20% (siehe hier und hier!). Im selben Zeitraum ist die Gesamtzahl der Infektionen um 22% gestiegen. Damit lässt sich die Zunahme der Infektionen in diesem Zeitraum überwiegend (die zurückliegenden drei Tage fallen in ihrer Dynamik aus dem Rahmen) durch die gestiegene Anzahl der Tests erklären – genau das meinte ich oben mit den Taschenspieler-Tricks.

Die großen Akteure in den Finanzmärkten werden sich vermutlich weniger durch absolute, medial zelebrierte Infektions-Zahlen leiten lassen. Damit ist aus meiner Sicht der von den Medien für die Verluste im S&P 500 der zurückliegenden Tage verantwortlich gemachte Punkt für diese wohl eher ein willkommener Vorwand für Gewinnmitnahmen als eine Ursache. Die dürfte schlicht darin liegen, dass der Index technisch nicht mehr weiter hoch kam, es standen auf dem erreichten Kursniveau nicht mehr genügend Kaufwillige an der Seitenlinie.

Der Rückzug im S&P 500 am zurückliegenden Freitag fand unter hohem Volumen statt. Das ist per se ein Hinweis auf die Beteiligung großer Akteure. Zudem war die Verteilung der auf steigende und fallende Aktien entfallenden Volumina vor ein paar Tagen von Akkumulation in Distribution gekippt. Der TQual-Indikator, der die Aussagen der viel beachteten technischen Indikatoren Stochastik, RSI und MACD zusammenfasst, hat am 22. Juni seine Topp-Bildung bestätigt. Im VIX, dem Angstmesser an Wallstreet, kam es seit dem 11. Juni wiederholt zu Über- und Unterschreitungen der den mittfristigen Trend nachzeichnenden, flach verlaufenden EMA50. Auch konnte sich der VIX nicht dauerhaft unter der leicht steigenden, für den längerfristigen Trend zuständigen EMA200 festsetzen.

Was das Chartbild des S&P 500 angeht, so ist der Index Anfang Juni mit einem Fehlausbruch über einen Bärkeil in den statischen Widerstand bei rund 3215 hineingelaufen und kam dort nicht weiter. In der Folge ging es mit einem hohen Ein-Tages-Verlust abwärts, bei den „Tageskerzen“ entstand ein „Island Reversal“. Dieses blieb intakt, mehrere Versuche schlugen fehl, das Abwärts-Gap zu schließen. Am zurückliegenden Freitag hat der S&P 500 eine Wimpel-Formation nach unten verlassen. Er testete dabei seine EMA50 und schloss wenige Punkte darüber (Chartquelle).

An der Unterseite müsste man jetzt auf die bei 3004 verlaufende EMA50 schauen. Darunter liegt bei 2973 die EMA200. Bei 2936 kommt das 62er Retracement des Absturzes vom 21. Februar in den Blick. Das 50er Retracement ist bei 2794 angesiedelt, hier liegt auch der jüngste Tiefpunkt vom 14. Mai. An der Oberseite fällt die Zone zwischen 3165 und 3090 auf, dort laufen einige statische und dynamische Widerstände zusammen.

In Bull-Runs sind plötzliche Rückzüge, die rasch gekauft werden, nicht ungewöhnlich. Ob das jetzt wieder geschieht, erscheint mir zweifelhaft. Die erste Abwärts-Station dürfte bei unterhalb von 2950 liegen. Mag sein, dass hier bereits wieder Kaufinteresse aufkommt. Dann würde ich für die nächste Zeit eine volatile Seitwärtsbewegung in dem Bereich etwa 3150/2950 sehen. Sollte dieser Pegel nicht halten, dürfte zunächst zügig der Bereich um 2800 angesteuert werden.

In Zeiten übermäßiger Liquidität ist alles möglich, insbesondere auch „spontane“ Stützungsaktionen seitens der Fed. Darauf würde ich momentan allerdings nicht allzu viel setzen, so lange es nicht zu dramatischen Einbrüchen kommt.

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