Schlechte Aussichten?

Die Enttäuschung über das Ergebnis des EU-Gipfels hält an, mehr noch die Enttäuschung darüber, dass die EZB bisher keinerlei Anstalten gemacht hat, ihr Bond-Ankaufprogramm auszuweiten (Stimmen nach dem EU-Gipfel). Reuters zitiert einen US-Beobachter: Die EU habe absolut versagt, eine Lösung ihrer Krise zu finden. Sie ist wieder da, wo sie vor zwei Jahren angefangen hat. Die Gipfel haben uns nach nirgendwo gebracht, bald werden wir den Preis dafür bezahlen.

Hinzu kommt die Enttäuschung darüber, dass die Fed auf ihrer FOMC-Sitzung am Dienstag keinerlei geldpolitische Anreize beschlossen hat.

Technologie-Aktien agieren mit relativer Schwäche, Intel und Texas Instruments hatten in den zurückliegenden Tagen ihre Ausblicke reduziert. Auch andere Unternehmen haben in den zurückliegenden Tagen mit Äußerungen dazu beigetragen, dass immer mehr Beobachter Zeichen einer schwachen Wirtschaftsentwicklung sehen. Die Aktie von Caterpillar, weltweites Investitionsbarometer, fällt gestern um 4,4%.

US-Beobachter sagen, überall auf der Welt kühle das Geschäftsklima ab, die USA könnten da nicht lange gegenhalten. Hier waren zuletzt verbesserte Makrodaten festgestellt worden, insbesondere Stimmungsindikatoren hellten sich auf. Enttäuschend hingegen in dieser Woche die Einzelhandelsdaten für November, die weniger stark gestiegen sind als erwartet.

Diese Gemengelage führt zu Risikoaversion, das drückt Rohstoffpreise: Kupfer fällt fast auf ein drei-Jahres-Tief, Aluminium auf ein 17-Monats-Tief, Zinn auf ein drei-Monats-Tief. Öl kollabierte gestern.

Als Zeichen für die andauernde Euro-Krise haben Italiens fünf-jährige Bond-Zinsen mit 6,47% gestern ein Europa-Hoch erreicht. Die aktuellen Charts für zehnjährige Renditen und für Italien-CDS.

Italien belegt nach Auswertung der OECD-Projektion für 2012 je nach Aspekt den dritt-, bzw. viertschlechtesten Platz auf der Verschuldungs-Rangliste. Italien ist die drittgrößte Volkswirtschaft der EU, das Land muss in den nächsten zwei Jahren 400 Mrd. Euro an Staatsschulden refinanzieren. Bei Italien handelt es sich im Gegensatz zu Griechenland nicht um „Peanuts“. (Und eigentlich ist auch Griechenland mittlerweile nach mehr als 18 Monaten permanenter „Rettung“ kein „Peanuts“ mehr).

Der Euro fällt gestern auf ein 11-Monats-Tief gegen den Dollar. Das wird als klarster Ausdruck der „Investoren“ und ihrer Enttäuschung über die Tatenlosigkeit der EZB gewertet. Entsprechend steigt der Dollar-Index über 80,30, einem langfristigen wichtigen Pegel (siehe auch: Dollar-Index bricht aus).

Der S&P 500 hat gestern die EMA50 gebrochen, zugleich notiert er jetzt wieder unter dem wichtigen Retracement bei 1220.

Gold fällt auf den tiefsten Stand seit früh im Oktober, eine Dollar-Klemme vor dem Jahresende sorgte für aggressive Verkäufe (siehe auch: Gold-Hausse vorbei?). Zudem setzt der stärkere Dollar die Rohstoffpreise insgesamt unter Druck. Die Jahres-Tiefs vom 26. September liegen um 1530 für Gold und 26 für Silber.

Und weitere Meldungen machten gestern auch nicht gerade Mut, wieder auf der expansiven Seite einzusteigen:

Fitch hat fünf große Geschäftsbanken in Europa heruntergestuft. Die Banken würden von den Problemen der Eurozone erfasst, hieß es am späten Mittwoch. Die Institute arbeiteten in Kapitalmärkten, die nicht ausreichend funktionieren, und hätten im Gegensatz zu ihren Wettbewerbern nur eine ausreichende und keine hervorragende Kapitaldecke. Heruntergestuft wurden Credit Agricole, Banque Federative du Credit Mutuel, die OP Pohjola Group (Finnland), die Danske Bank (DK) und die Rabobank (NL). Fitch geht im Basisszenario nicht von einem Zerfall der Eurozone aus. Käme es aber doch so, hätte dies massive negative Folgen für die Ratings der Banken. Der jüngste EU-Gipfel habe wenig getan, um den Druck auf die Branche zu lindern. Damit gebe es weiterhin Potenzial für Marktvolatilität.

Die Credit Agricole wird im laufenden Jahr wegen Milliardenabschreibungen in Spanien und Portugal einen Verlust ausweisen.

Frankreichs Politik bereitet sich (und andere) auf den Verlust des AAA-Ratings vor.

Die Abkühlung in der chinesischen Industrie hält an. Im Dezember stieg der chinesische Einkaufsmanagerindex PMI der britischen Großbank HSBC nach Angaben vom Donnerstag zwar von 47,7 im November auf 49, blieb aber unter der Marke von 50 Punkten, die die Scheidelinie zwischen Kontraktion und Expansion darstellt.

Dem japanischen Tankan-Index zufolge sank die Stimmung bei japanischen Großunternehmen im Dezember auf einen Wert von minus vier. Vor drei Monaten waren noch plus zwei registriert worden.

Nach Eurointelligence ruft Deutschland dem Rest der Welt zu: Erwartet nicht, dass wir mehr tun, um die Eurokrise zu lösen. Zuvor hatte Merkel schon Spekulationen über eine Erhöhung der EFSF, bzw. des ESM, eine Absage erteilt (der ESM soll eine effektive Ausleihkapazität von 500 Mrd. Euro haben).

Bundesbank-Chef Weidmann sagt, er stelle wachsende Skepsis unter seinen EZB-Kollegen hinsichtlich Bond-Käufen fest. Er sagte auch, Italien könne eine zeitlang mit 7% für Staatsanleihen-Zinsen leben. Es sei an Monti, die nötige Konsolidierung zu liefern.

Merkel und Weidmann stimmen überein, dass die Bundesbank ihren Anteil an einer erweiterten Kreditlinie für den IWF erst auszahlen kann, wenn die nicht-Eurozonen-Länder, insbesondere die USA, mitmachen.

Der Dezember kann sehr volatil sein – Händler schließen ihre Bücher, Window-Dressing vor dem Jahresende spielt eine Rolle, auch steuerlich bedingte Verkäufe, um Verluste zu realisieren. Hinzu kommt, dass morgen der letzte große Verfallstag in diesem Jahr ist. In diesem Umfeld sollte daher zwar nicht jede starke Tagesbewegung als langfristiges Indiz genommen werden. Aber zum Auslaufen des Crack-up Booms seit dem offenen Ausbruch der Finanzkrise im Herbst 2008 kommt das extrem hohe Verschuldungsniveau der entwickelten Industrieländer hinzu, mit dem diese nur zurecht kommen können, wenn die Wirtschaft brummt.

Das ist aber nicht der Fall, besonders nicht in Europa, wo nun mit einer (milden?) Rezession gerechnet wird. Die Makrodaten in den USA hatten sich zwar zuletzt verbessert, auch das BIP-Wachstum lag mit rund 2% annualisiert wesentlich über dem der Eurozone mit 0,1%. Aber die USA werden sich so wenig einer schwachen Weltkonjunktur entziehen können, wie sich die Weltkonjunktur einer Wachstumsschwäche in den USA entgegenstellen kann. Noch halten sich die US-Aktienindices deutlich besser als z.B. ihre europäischen Pendants, und drücken damit die unterschiedlichen Konjunkturerwartungen aus.

Im Umfeld hoher Verschuldung kann bei nachlassender Wachstumsdynamik sehr schnell ein deflationäres Szenario einsetzen. In diesem Zusammenhang dürfte die heutige Veröffentlichung des PPI-Index der USA für November interessant werden.

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