Gas – schlimmer geht immer

Wie soll man es nennen, wenn Menschen binnen kurzer Zeit mehr als 20% ihrer Lebensgrundlage verlieren? Ist es noch eine Krise oder schon eine Katastrophe? Welchen Namen man auch immer geben will – wir erleben gerade in Deutschland den wohl größten und breitesten Wohlstandsverlust, der sich seit der Hyperinflation vor 100 Jahren außerhalb der beiden Weltkriege ereignet hat. So zu lesen im „Cicero“.

Kam das überraschend? Nein. In einem RTL-Interview antwortete Bundeskanzler Scholz vor einigen Tagen auf die Frage „Können Sie versprechen, dass in Deutschland niemand frieren und pleite gehen muss?“: „Wir können jedenfalls sehr klar sagen, dass wir sehr früh angefangen haben, uns auf eine Situation mit schwierigen Energielieferungen einzustellen. Das habe ich schon im Dezember mit den Zuständigen aufgenommen (…) und deshalb konnte ich, als der Krieg ausbrach Ende Februar, sehr klar sagen, was wir tun werden. (…) Dass wir dafür sorgen, dass die Speicher gefüllt werden mit einem Gesetz.“

Also wusste Scholz bereits im Dezember, dass es zu Komplikationen bei der Gasversorgung kommt. Und schön, dass die Gasspeicher nun bald voll sind – mit einem Gesetz. Wenn man sonst nichts hat…

Und man hat nichts. Und tut auch sonst alles, um weiterhin nichts zu haben. Die Gasspeicher sind nur zu gut 60% gefüllt. Die Zielvorgabe, ein Speicherstand von 90% bis November, ist ohne zusätzliche Maßnahmen kaum mehr zu erreichen, wenn die russischen Gaslieferungen über die Nord Stream 1 Pipeline auf dem aktuell niedrigen Niveau von 40% verharren (siehe unten!).

Das ist nicht alleine der Bestrafung Putins zuzuschreiben, dessen Gas „bäh“ ist. Polen hatte schon länger beschlossen, sich per Jahresende von russischem Gas unabhängig zu machen. Stattdessen will man den Bedarf über die Baltic Pipe aus Norwegen decken, die jedoch frühestens im Oktober dieses Jahres einsatzbereit ist. Bis dahin will Polen das benötigte Gas in Deutschland einkaufen. Hierzu wird ein Teil des über die Pipeline Nord Stream 1 nach Deutschland transportierten Gases weitergeleitet nach Polen, obwohl es eigentlich für die deutsche Gasversorgung vorgesehen ist.

Im Ergebnis sind die deutschen Gasspeicher im Gesamtvolumen von rund 255.000 TWh noch weniger gefüllt als schon bedingt durch die Sanktionen und Gegensanktionen. Im ersten Halbjahr floss Gas im Brennwert von 20.000 TWh von Deutschland nach Polen. Das Ergebnis: Die polnischen Gasspeicher sind voll (Gesamtvolumen ca. 40.000 TWh) (siehe hier!).

Es wird noch problematischer: Ab dem 11. Juli wird der Transport über Nord Stream 1 komplett eingestellt – jährliche Wartungsarbeiten stehen an, sie sollen regulär zwei Wochen dauern. Fünf Turbinen mit einer Förderleistung von je 33 Mio. cbm pro Tag sorgen für den Gastransport. Davon sind gegenwärtig nur zwei im Einsatz, woraus sich 40% der theoretischen Maximalkapazität ergeben. Eine Turbine sitzt wegen Sanktionen bei der Wartungsfirma in Kanada fest, eine andere kann aus demselben Grund nicht gewartet werden, eine weitere musste wegen Überschreitung des Wartungsintervalls stillgelegt werden. Die Transportkapazität wird damit auf absehbare Zeit schon aus technischen Gründen so niedrig bleiben.

Die spannende Frage ist, ob es bei den vorgesehenen zwei Wochen Wartungspause bleibt oder ob Russland die reguläre Wartung zum Anlass nimmt, den Betrieb von Nord Stream 1 politisch motiviert länger als technisch nötig zu unterbrechen.

Eine Alternative wäre die Jamal-Pipeline, die von Westsibirien über Belarus und Polen nach Deutschland läuft. Sie wird gegenwärtig fast ausschließlich in umgekehrter Richtung für den Gastransport von Deutschland nach Polen genutzt (siehe oben!). Die Bundesregierung müsste nur entsprechenden Druck auf Polen ausüben…

Eine weitere Alternative wäre die Inbetriebnahme von Nord Stream 2. Damit aber würde sich die Bundesregierung in eine offene Konfrontation zu den USA begeben. So kuscht man lieber und sorgt dafür, dass Millionen Deutsche unter explodierenden Gaspreisen leiden und die deutsche Wirtschaft ruiniert wird. Physische Gassperren für Industrie und Haushalte im weiteren Jahresverlauf nicht ausgeschlossen.

Die Bundesregierung wird nicht müde, das Heil in LNG-Lieferungen zu suchen. Mal abgesehen davon, dass das keine kurzfristige Lösung darstellt – die deutschen Reeder haben Zweifel an der Umsetzbarkeit der Pläne für einen raschen Import von Flüssiggas (LNG) als Ersatz für russisches Erdgas geäußert. "In der deutschen Handelsflotte gibt es keine Gastanker, die LNG über Langstrecken transportieren können", sagt der Geschäftsführer des Verbands deutscher Reeder. Weltweit stünden insgesamt nur knapp 500 LNG-Tanker zur Verfügung, die Nachfrage aus anderen Regionen der Welt sei hoch.

Und wenn man schon bei der Auswahl seiner Energielieferanten nach moralisch-ethischen Gesichtspunkten vorgeht, macht es wenig Sinn, Russland abzukippen und sich stattdessen mit anderen Staaten ins Bett zu legen, die genauso völkerrechtswidrige Kriege führen. Allen voran die USA – Katar und Saudi-Arabien sind auch nicht besser. Das „schöne“ Fracking-LNG der USA ist dabei noch eine spezielle Kategorie – sündhaft teuer und alles andere als „klimafreundlich“.

Die Bundesregierung aber jammert, Putin sei für alles verantwortlich und die Medien fordern noch mehr Sanktionen. Wann besinnt sich die Bevölkerung mal endlich auf ihre eigenen Interessen und lässt sich nicht länger ver…?

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