Energie: Die letzte Front des Ukraine-Krieges

Der Ukraine-Krieg hat den alten Energiekonflikt zwischen Russland und den USA verschärft. Das Endergebnis dieses Kampfes ist ungewiss, aber es ist nicht zu erwarten, dass die Hauptverbündeten der USA, also Europa, gut abschneiden.

Nachfolgend bringe ich die leicht gekürzte Übersetzung eines Artikels von Oscar Silva-Valladares mit dem Titel „Energy: The Last Frontier of the Ukraine War“, der auf der Web-Seite des Ron-Paul-Institute erschienen ist.

Fossile Brennstoffe (Kohle, Erdöl und Erdgas) sind die Hauptenergiequellen der Welt, sie decken 80% des weltweiten Verbrauchs. In Europa werden trotz langjähriger politischer, gesellschaftlicher und medialer Initiativen zugunsten grüner Energie im Jahr 2021 70,6% des gesamten Energieverbrauchs aus fossilen Brennstoffen und nur 12,3% aus erneuerbaren Energien gedeckt.

Historisch gesehen ist Europa auf russische Brennstoffe angewiesen. Im Mai 2022 machten die russischen Ölimporte 23,7% der europäischen Ölnachfrage und 16,1% der Gesamtimporte der OECD-Länder aus. Russisches Gas machte 2021 71,7% der gesamten europäischen Gaseinfuhren über Pipelines und 49% der gesamten Gaseinfuhren aus.

Als Ausdruck eines tiefgreifenden strukturellen Wandels der Wirtschaftskraft hat sich das Kräfteverhältnis auf den Weltenergiemärkten in den letzten Jahrzehnten zu Ungunsten des Westens verändert. 2021 belief sich die Energieproduktion der BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) auf 37,9% der weltweiten Energieproduktion gegenüber 21,6% der G7-Staaten und 4% der EU. Der Energieverbrauch der BRICS-Staaten betrug 40,1% der weltweiten Energieproduktion, 25% wurden in den G7-Staaten und 9,4% von der EU verbraucht.

Das Energiegewicht der USA und von Russland wird dadurch gestützt, dass beide über die weltweit größten Reserven an fossilen Brennstoffen verfügen – jeweils etwa 14% der weltweiten Reserven im Jahr 2020. Die USA produzierten in 2020 15,9%, Russland 11,8% der gesamten Energie der Welt.

In den USA gibt es eine alte symbiotische Beziehung zwischen der Regierungspolitik und den multinationalen Ölkonzernen, bei der geopolitische Vorteile und Unternehmensgewinne Hand in Hand gehen. (…) Die Preiskonkurrenz durch Russland veranlasste Exxon 1959, die Ölpreise zu senken, ohne die Gastländer zu konsultieren, woraufhin die Produzenten im Jahr darauf die OPEC gründeten.

Von den 1920er bis zu den 1950er Jahren bauten die USA ihre Ölpräsenz im Nahen Osten auf Kosten Frankreichs und Russlands aus. 1955 produzierten die fünf großen US-Ölgesellschaften zwei Drittel des Weltöls. Obwohl die UdSSR der größte Ölproduzent war, hatte sie nur begrenzten Einfluss auf den Markt, da ein Viertel ihrer Produktion an ihre osteuropäischen Verbündeten ging. Dennoch spielte sie eine wachsende geopolitische Rolle, beispielsweise durch die militärische Unterstützung von Oberst Gaddafi in Libyen, der 1970 gegen Occidental Petroleum die erste Ölpreiserhöhung eines Förderlandes organisierte.

Nach dem zweiten Ölschock von 1979 legte die Carter-Regierung eine Energiepolitik fest, die angeblich die Bühne für die modernen geopolitischen Initiativen der USA bereitete. Die von den USA angeführten Interventionen im Kosovo, in Afghanistan, im Irak, in Kuwait, in Libyen und in Syrien zielten letztlich darauf ab, den eurasischen Energieraum für die „strategisch kompatiblen Partner" der USA zu sichern, wie der ehemalige nationale Sicherheitsberater der USA, Brzezinski, 1997 betonte.

„Globaler Krieg gegen den Terror", „Assad muss weg" und „regelbasierte internationale Ordnung" wurden als Euphemismen für die US-Politik in Frage gestellt, die auf geopolitische Hegemonie durch die Kontrolle von Energiequellen und Transportwegen abzielt.

US-Erdgas ist ein Nachzügler in diesem Konflikt. Im Jahr 2000 machten die US-Gasexporte nur 1,2% der weltweiten Gesamtmenge aus, doch bis 2021 haben sie einen Anteil von 17,5% erreicht und sind mit einem Anteil von 28,5% an den gesamten LNG-Importen zur wichtigsten Quelle für Europa geworden. Mit dem wachsenden Potenzial von US-Erdgas fielen die zunehmenden Anwürfe der USA gegen die Auswirkungen russischen Gases auf die Sicherheit Europas zusammen, wie sie beispielsweise von der damaligen US-Außenministerin Rice im Jahr 2014 und vom damaligen US-Präsidenten Trump geäußert wurden. Es ging darum, Russland Konkurrenz zu machen und es zu verdrängen.

Der Ukraine-Konflikt hat das Blatt in den geopolitischen und energiepolitischen Auseinandersetzungen gewendet. Für die USA ist der Krieg eine Gelegenheit, die Energieabhängigkeit Europas von Russland ein für alle Mal zu beenden, die alte russisch-deutsche Wirtschaftspartnerschaft, die auf billiger russischer Energie basierte, zu zerstören und Europa zunehmend abhängiger von der „Energieplattform USA" zu machen, wie Rice betonte.

Der Krieg hat auch die russisch-norwegischen Versuche gestoppt, US-LNG durch niedrigere Preise zu kontern. Die Sanktionen, die angeblich die russischen Energieexporte lahmlegen und die Finanzierung der Kriegsmaschinerie stoppen sollten, zielten auch darauf ab, den Kreml zu destabilisieren und einen Regimewechsel herbeizuführen. Das ist der ultimative geopolitische Preis für den Rückzug der US-Ölgesellschaften aus Russland.

Europa, das über keine fossilen Brennstoffreserven außer Kohle verfügt, ist der US-Politik blind gefolgt und leidet unter einem Teufelskreis bestehend aus Unterbrechungen der Energieversorgung, stark steigenden Energiepreisen mit direkten Auswirkungen auf den Wohlstand der Bevölkerung, sinkender industrieller Wettbewerbsfähigkeit, die zu Unternehmensschließungen und Arbeitsplatzverlusten führt. Hinzu kommt die Verschlechterung der finanziellen Bedingungen.

Unterschiedliche Maßnahmen verhindern eine einheitliche europäische Reaktion im Energiebereich, darunter einseitige Hilfen für die Energiekosten der Verbraucher (Deutschland), sowie Versuche, russische Sanktionen aus bevorzugten Sektoren wie dem Öltransport (Griechenland) und dem Kernbrennstoff (Frankreich) herauszulösen. Die europäischen Politiker erkennen, dass US-Gas in Europa zu Preisen verkauft wird, die viermal höher sind als im Inland. Der britische Premierminister ist gerade das erste Opfer einer fehlgeleiteten Wirtschaftspolitik geworden, mit der die steigenden Energiekosten eingedämmt werden sollen.

Europas Vorliebe für den Kauf von Erdgas über Börsennotierungen anstelle über langfristige Verträge verschärft die Versorgungsunsicherheit. Große Anbieter wie Katar und Nigeria -die zusammen 32,8% der LNG-Importe des Jahres 2021 ausmachen- bestehen auf vertraglichen Vereinbarungen. So werden die LNG-Lieferanten veranlasst, an den Meistbietenden zu verkaufen. Europa sieht durch seine eigenen Ambivalenzen und Widersprüche in der Energiepolitik wie gelähmt aus. Dazu kommt der Kampf des Großkapitals gegen die grüne Agenda und die zukünftige Rolle von Kernenergie und Kohle.

Russland scheint den Energiekrieg nicht zu verlieren. Es kann aufgrund höherer Einnahmen aus Energieexporten einen Leistungsbilanzüberschuss von 198,4 Mrd. Dollar für den Zeitraum Januar bis September 2022 vorweisen. Er ist 2,6 Mal höher ist als 2021. Japan, das 7,1% seines Energiebedarfs aus russischen Fossilien deckt, wurde praktischerweise von einer geplanten russischen Ölpreisobergrenze ausgenommen.

Russland ist dabei, alternative Märkte für seine Energievorräte zu erschließen, wobei China und Indien als Käufer für den Eigenbedarf und als Zwischenhändler für Drittländer immer wichtiger werden. Indien, das früher fast kein russisches Öl kaufte, importierte im Juli 2022 etwa 1% des weltweiten Ölangebots aus Russland.

Die schwache Marktposition Europas dürfte die Auswirkungen der Energiesanktionen gegen Russland neutralisieren, da Russland die vom Westen geplante Ölpreisbegrenzung wahrscheinlich durch alternative Transport- und Versicherungsvereinbarungen umgehen wird. Europäische Beamte räumen ein, dass der Westen „die Kontrolle über den globalen Ölhandel überschätzt". Russische, US-amerikanische und norwegische Unternehmen steigern ihre Energiegewinne.

Russland hat mehrere Initiativen auf den Weg gebracht, die darauf abzielen, energiebezogene politisch-wirtschaftliche Partnerschaften zu erweitern und zu stärken, wie z.B. einen geplanten Gasknotenpunkt in der Türkei. Der könnte zu einem wichtigen Energieknotenpunkt werden, der Europa in Kombination mit zentralasiatischen Quellen möglicherweise wieder Zugang zu russischem Gas ermöglicht.

Die jüngste Entscheidung der OPEC+, die Ölproduktion zu drosseln, wurde mit der Notwendigkeit begründet, die Marktstabilität zu erhalten, ist aber auch eine Reaktion auf die versuchte russische Ölpreisbegrenzung. Die wird als gefährlicher Präzedenzfall angesehen, der auch gegen andere Produzenten oder sogar andere Rohstoffe eingesetzt werden könnte.

Die USA haben den Produktionsrückgang der OPEC+ vollständig Saudi-Arabien angelastet. Das Land hat einen Anteil von 25% an der Produktion des Kartells. Die USA erwägen, alte Kartellgesetze zu nutzen, um die Immunität des Staates aufzuheben und es zu ermöglichen, Öl produzierende Länder vor US-Gerichten wegen Marktmanipulation zu verklagen.

Es wäre nicht das erste Mal, dass die USA diese Gesetzgebung zur Verfolgung geopolitischer Ziele einsetzen, aber die OPEC+-Staaten ins Visier zu nehmen, könnte die Glaubwürdigkeit der USA weiter zerstören. Das könnte die betroffenen Regierungen zudem veranlassen, sich zu schützen, z.B. durch die Veräußerung von US-Finanzbeteiligungen in Höhe von derzeit über 200 Mrd. Dollar.

Die Regierung Biden scheint das Öl jedoch nicht nur zur Verfolgung langfristiger geopolitischer Ziele, sondern auch zur Unterstützung ihrer kurzfristigen Agenda einzusetzen. Die Strategische Erdölreserve der USA, ein 1973 angelegter Notvorrat, wurde auf das Niveau der frühen 1980er Jahre gesenkt, um die inländischen Preise unter Kontrolle zu halten und die Wähler vor den kommenden Zwischenwahlen zufrieden zu stellen.

Die Explosionen an den Nord-Stream-Gaspipelines haben den Energiekrieg auf ein bisher unbekanntes Niveau gehoben, da sie Deutschland eine Energieversorgungsalternative genommen haben (billiger als russische Gasimporte über die Ukraine). Sie haben die diplomatische Option für den Ukraine-Krieg stark geschwächt und eine weitere Abhängigkeit Europas von US-Gas ermöglicht, wie US-Außenminister Blinken zugab.

Der Verdacht, dass die USA der Hauptnutznießer dieser Ereignisse sind, wird die Befürchtungen nur noch verstärken und letztlich das noch vorhandene Vertrauen in die guten Absichten der USA gegenüber Europa zerstören. Leider wird diese Episode nicht die letzte Eskalationsstufe auf dem Energietheater sein, da der Krieg in der Ukraine weitergeht.

[Quelle: „Energy: The Last Frontier of the Ukraine War“]

Der Verfasser, Oscar Silva-Valladares, ist ein ehemaliger Investmentbanker, der in Nord- und Lateinamerika, West- und Osteuropa, Saudi-Arabien, Japan, auf den Philippinen und in Westafrika gelebt und gearbeitet hat. Derzeit ist er als strategischer Berater für Finanzfragen in den Schwellenländern tätig.

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