S&P 500 unter 1355/1360: Ausbruch oder Rückzug?

Wie gut die Stimmung unter Finanzexperten ist, zeigt der jüngste ZEW-Index: Der Index steigt um 27 auf 5,4 Punkte. Damit notiert er erstmals seit Mai 2011 wieder auf positiven Territorium. Fragt sich nur, ob die Stimmung den Kursverlauf oder doch eher der Kursverlauf die Stimmung macht. Und es fragt sich, ob die Stimmung mittlerweile nicht zu gut ist, also nun als zeitnaher Kontraindikator taugt. Jedenfalls korrespondiert die ZEW-Stimmung schön zum Angst-Indikator, der aus der technischen Bewertung des Kursverlaufs einiger ETFs erzeugt wird.



Jetzt geht es bei Aktien um die Zone 1355-1360 im S&P 500. Wird die nach oben durchbrochen, wäre das auf jeden Fall ein bullisches Zeichen. Allerdings kann ich mir aufgrund der massiven Überkauftheit nicht vorstellen, dass dies nachhaltig sein wird. Und andersherum: Je öfter der Index jetzt hier stecken bleibt, je größer die Wahrscheinlichkeit, dass er stärker nach unten abdreht.

Es gibt Indizien für den Versuch eines solchen Ausbruchs. Allem voran die Volumenverteilung an der NYSE – wir sehen hier mit dem Schlusskurs vom Dienstag klaren Tempoverlust in Distribution (türkise Linie). Kippt die Veranstaltung in Akkumulation, ist das per se bullisch zu werten.

Dass auch andere Indikatoren mit wenig Dynamik unterwegs sind, stützt die Möglichkeit eines solchen Ausbruchs. Da ist das VIX-„Klima“, das seit einigen Tagen an der Grenze zwischen Greed und Acceptance seitwärts läuft:

Die Marktindikatoren sind insgesamt weiterhin leicht bullisch. Also auch von der Summe aller Indikatoren keine eindeutig bärische Orientierung.

Hinzu kommt der IRX. Er zeigt seit Anfang Januar einen klaren Auswärtstrend. Das bedeutet Liquiditätstransfer vom „Parkplatz“ der 13wöchigen TBills in Assets.

Bleiben die fraktalen Oszillatoren. Zyklische Merkmale sind über alle Basiswerte hinweg bei der Kursbildung nicht relevant, das ist seit 4. Januar so. Das Kursgeschehen ist von linearen Faktoren getrieben. Das kann verschiedene Ursachen haben, im aktuellen Kontext ist es ein Hinweis auf liquiditätsgetriebenes Geschehen (siehe IRX).

Der Inflow und die expansive Ausrichtung nehmen aktuell ab. Die Differenz zwischen beiden ist sehr gering UND das Niveau ist hoch. Der harte Anschlag bei eins (bei der Konstruktion der Oszillatoren so vorgegeben) ist noch etwas weg. Aber der aktuelle Level des „Inflow“ ist zwei Standardabweichungen höher als sein Mittelwert. Das entspricht etwa 95% der Grundgesamtheit. Eine ähnliche statistische Konstellation hatten wir zuletzt Ende Juli 2011. Aus statistischer Sicht kann zwar nicht gesagt werden, dass es zu einem ähnlichen scharfen Einbruch kommt wie seinerzeit. Aber es kann sehr wohl gesagt werden, dass die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Expansion sehr gering ist.

„Glockenkurven-Statistik“, der Mandelbrotsche „milde Zufall“, funktioniert zwar in normalen Zeiten der Finanzmärkte (wenn sie im stationären Zustand sind) leidlich gut. Im „wilden Zufall“, dem chaotischen Zustand, funktioniert solche Statistik nicht. In den Finanzmärkten ist die Häufigkeit solch extremer Zustände größer als nach Gauss anzunehmen – das sind eben die berühmten „Ohren“ an den Rändern der Glockenkurve. Von daher sind selbst „zwei Standardabweichungen“ in Extremsituationen durchaus einige Tage möglich.

Meine Hypothese: Ein expansiver „Überschwinger“ ist möglich, ein nachhaltiger Ausbruch ist unwahrscheinlich. Ich glaube demzufolge auch nicht, dass F. Zulauf sein Szenario jetzt wird überdenken müssen, bei dem er davon ausgeht, dass der S&P 500 jetzt unter 1370 bleibt und im Laufe des Jahres rund 20% verlieren wird.

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