Rating – wen juckt es?

Die Rating-Agentur Standard & Poor’s hat vor zwei Tagen für Deutschland, Frankreich und andere Euro-Länder einen negativen Ausblick auf ihr Kredit-Rating angekündigt. Gestern wurde auch die EFSF dazu gestellt.

Nimmt man im Falle Deutschlands die Entwicklung der Credit Default Swaps (Chart: Bloomberg) als Maßstab dafür, wie sehr sich die „Märkte“ von diesem Schritt betroffen fühlen, so bleibt: Interessiert hat das zu diesem Zeitpunkt niemanden.

Zwar erstarkte der Dollar-Index leicht, der Euro schwächelte ein wenig, aber auch hier eher die Botschaft: „Quem jucet.“

Wen juckt’s dann? In den Mainstream-Medien wurde das Thema landauf, landab breit diskutiert. Manchmal waren die Reaktionen auch hysterisch – fast so, als bahne sich da eine Katastrophe an.

Häufig ist ein breites Echo in den „normalen“ Medien ein Indiz dafür, dass das betreffende Thema durch ist. Wenn die Bildzeitung erst einmal in epischer Breite davon berichtet, dass Aktien „topp“ sind, ist das Ende der Aktienhausse meist nahe. Ist das mit dieser Rating-Geschichte genauso?

Es spricht einiges dafür. Dass eine Abstufung der Kreditwürdigkeit in näherer Zukunft ansteht, auch für Deutschland, kann man sich leicht ausrechnen. Dass im selben Atemzug dann auch die EFSF (oder was sonst auch immer auf europäischer Ebene) unter Downgrade-Druck kommt, ist nun auch nichts, worüber man sich wundern sollte.

Die Rating-Agentur, die vor kurzem schon Frankreich „versehentlich“ auf die Negativliste gesetzt hatte, hat keinen Hehl daraus gemacht, dass der Zeitpunkt ihres Schritts in engem Zusammenhang mit dem EU-Gipfel am Freitag steht. Es solle zusätzlich Druck ausgeübt werden, eine tragfähige politische Lösung zu produzieren, um der Eurokrise Herr zu werden.

Öfters stimmten die Mainstream-Medien zuletzt auch das Lied an von den bösen Rating-Agenturen, die auf Europa einschlagen, aber die USA weitgehend ungeschoren lassen. Einiges spricht dafür, dass dem so ist. Auch richtig, dass die Rating-Agenturen, zumindest die großen Drei, in den Hoch-Zeiten des US-Immobilienbooms Papiere mit Bestnoten ausstatteten, die den Schrott-Stempel verdient hatten.

Aber auch aktuell, in der Euro-Schuldenkrise, sind die Agenturen wieder sehr spät dran. Viel zu lange hatten sie an guten Beurteilungen z.B. für Griechenland festgehalten. Warum? Eine Antwort: Sie sind gewinnorientiert, verdienen an ihren Rating-„Stempeln“. Und da gibt es vor allem dann Umsatz, wenn die entsprechenden Papiere rege gehandelt werden.

Ist Deutschland eigentlich ein guter Schuldner? Bezogen auf die Jahreswirtschaftsleistung ist die Staatsverschuldung von rund 2 Bill. Euro grenzwertig. Legt man hingegen das „Volksvermögen“ zugrunde – eindeutig ja: 2009 betrug es 9 Bill. Euro, pro Kopf der Bevölkerung mithin mehr als 100.000 Euro brutto. Netto waren es immer noch rund 80.000 Euro.

Dumm nur, dass die Vermögensverteilung extrem ungleich ist. 2001 verfügten die 10% reichsten Bundesbürger über 57,9% des Gesamtvermögens, 2007 stieg der Wert auf 61,1%. Die zunehmende Staatsverschuldung trägt ihren Teil dazu bei, dass sich diese Entwicklung noch beschleunigt.

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