Was macht denn Gold?

Gold – in den zurückliegenden Tagen hörte man immer wieder etwas über einen bevorstehenden Ausbruch beim Goldpreis. Manchmal ging die Argumentation auch so: Aktien crashen, also muss Gold steigen, verdammt.

Ende Dezember formierte sich im Dollar-Goldpreis ein „Golden Cross“ – die EMA50 schnitt die EMA200 von unten nach oben. Vorausgegangen war eine längere Periode, in der diese Schnitte häufiger passierten, mal von unten nach oben, dann von oben nach unten. Nach jedem „Golden Cross“ markierte der Preis ein lokales Maximum, das schnell verkauft wurde. Deren Verbindung bildet die Oberseite eines seitwärts gerichteten Dreiecks. Aktuell ist der Preis knapp unter die zugehörige Unterseite gefallen, wie auch unter die EMA200. Die EMA50 tendiert nun abwärts (Chartquelle).

Die Umkehr fand am Mittwoch statt, am Abend wurde das Ergebnis der FOMC-Sitzung verkündet. Zahlreiche Akteure an den Finanzmärkten sahen plötzlich die Möglichkeit, dass es in diesem Jahr nicht nur drei oder vier Zinsschritte, sondern vielleicht fünf geben könnte. Der Dollar stieg in der Folge steil an, der Goldpreis schmierte ab. Die Rendite der 10yr-TNotes reagierte zwar zunächst auch aufwärts, zwei Tage später war aber wieder das Ausbruchsniveau erreicht. Ob sich der Dollar-Index über 97 wird halten können, ist auch noch nicht ausgemacht. Scheint so, als hätten Renditen und Dollar überreagiert. Das könnte den Goldpreis ganz kurzfristig stützen.

Unter Intermarketaspekten entwickelt sich der Goldpreis in einem Kontext steigender Renditen normalerweise schwächer, das gilt auch bei einem festeren Dollar. Gold wird auch als „Versicherung“ gegen allen möglichen Unbill gesehen, so auch gegen Inflation. In diesem Zusammenhang ist es bemerkenswert, dass sich der Goldpreis angesichts der weit über der Zielmarke von 2% liegenden jährlichen Preisentwicklung nicht stärker zeigt. Womöglich schätzen die Akteure an Finanzmärkten die Inflation als wenig nachhaltig ein und/oder sie sehen momentan einfach deutlich rentablere Anlageformen.

Meine Interpretation der Goldpreisentwicklung (in Dollar) seit März 2020 ist die: Angetrieben durch die allgemeine Unsicherheit, wie sich die „Pandemie“, bzw. die Maßnahmen dagegen auswirken, stieg der Preis von knapp 1500 per Anfang August 2020 bis auf rund 2050. Dann kristallierte sich heraus, dass die anfänglichen Bedenken übertrieben waren, die US-Wirtschaft konnte gemesen an der BIP-Entwicklung im zweiten Quartal 2020 wieder Tritt fassen.

Im März 2021 begann sich die inflationäre Entwicklung in Makrodaten wie etwa dem US-CPI niederzuschlagen. Der Goldpreis fand bei knapp 1700 einen Boden und reagierte mit einer Aufwärtsbewegung bis 1900 (Juni 2021). Ab diesem Zeitpunkt gab es widerstrebende Einflüsse auf den Goldpreis, mal war es die Zinsentwicklung, mal waren es Sorgen hinsichtlich der wirtschaftlichen Entwicklung, mal waren es unerwartet starke Inflationsdaten. Dieses hin und her führte über abnehmende Preisamplituden zu einem Seitwärts-Dreieck, der Goldpreis befindet sich aktuell recht nahe an dessen Spitze.

Damit steht der Goldpreis vor einer Entscheidung, gewöhnlich ist die auf eine solche Chart-Situation folgende Bewegung recht dynamisch. Sieht man in einer solchen Formation ein Fortsetzungssignal, würde der nächste Schub nach unten führen. Das würde auch naheliegen, wenn man den aktuellen Kurs im Verhältnis zur EMA50 und EMA200 einbezieht. Andererseits ist das noch nicht wirklich signifikant.

Als Phantasie für eine Aufwärtsbewegung hat die Inflation aus meiner Sicht zunächst ausgedient. Zum einen nimmt der Basiseffekt weiter ab. Zum anderen legt die Entwicklung der Rohstoffpreise nahe, dass sich die Inflation erst einmal beruhigen dürfte. Bemerkenswerterweise ist der Sub-Index der Preise im ISM-Index im Dezember deutlich gefallen.

Allerdings findet man beim Kupferpreis eine dem Goldpreis ähnliche Chart-Konstellation (siehe den folgenden Chart des "Copper Index").

Sieht man im Kupferpreis das Seitwärtsdreieck ebenfalls als Fortsetzungs-Formation, so dürfte hier (in einigen Wochen) eher ein Ausbruch nach oben anstehen. Das dürfte dann signalisieren, dass die Inflation erneut Fahrt aufnimmt.

Insgesamt erscheint mir die Wahrscheinlichkeit einer Abwärtsbewegung beim Goldpreis in Dollar zunächst höher zu sein als ein Ausbruch nach oben. Als potentieller Anlass für eine Gegenbewegung bei Gold bleiben allerdings die geopolitischen Spannungen (Stichwort „Ukraine“). Die hatten bisher jedoch keinen anhaltenden Einfluss. Ob Gold mit dem vermuteten Kupfer-Szenario wieder auf die Beine kommt, bleibt abzuwarten.

[30.1.22 ~13:00: Der Artikel wurde am Schluss ergänzt]

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