08. Oktober 2010: QE2




"Quantitative easing", der nächste Akt! Das ist das Thema der vergangenen Tage. Zumindest wird es jetzt laut thematisiert. Zuvor war es unterschwellig spätestens seit dem 21. September präsent, dem Termin der jüngsten FOMC-Sitzung.

Und die Hoffnung darauf dürfte auch dafür verantwortlich sein, dass die Reaktion auf die enttäuschenden US-Arbeitsmarktdaten für September heute Nachmittag so lau ausfiel. Die Zahl der Beschäftigten (ohne Landwirtschaft) ist um 95.000 zurückgegangen. Erwartet wurde ein Minus von lediglich 8.000. Die Stellen im privaten Sektor sind zwar um 64.000 angestiegen, das lag aber ebenfalls unter den Erwartungen und zudem unter dem Zuwachs von August und Juli. Demzufolge zeigt der Chart der Entwicklung der Arbeitsplätze in den USA einen sehr fragilen Zustand (siehe Chart!).

Am Montag dieser Woche hatte die Bank of Japan in ungewöhnlich aggressiver Form auf die anhaltende Yen-Stärke reagiert und beschlossen, für weitere 60 Mrd. Dollar Assets, etwa jap. Treasuries oder ABS, zu kaufen. Das Volumen des laufenden QE-Programms wird damit um rund 20 % ausgeweitet. Außerdem wurde der Leitzins auf 0,0 bis 0,1 Prozent reduziert. Und ... die BoJ will börsennotierte Investmentfonds (ETFs) kaufen!

Als weiterer Hinweis wird gewertet, dass die australische Zentralbank ebenfalls am Montag die Leitzinsen entgegen den auf weiter steigende Zinsen ausgerichteten Erwartungen konstant gelassen hat. Sie galt mit einer "Cash Rate" von 4,5 % bisher als Vorreiter einer strafferen Geldpolitik.

Fed-Chef Bernanke hatte ebenfalls zu Wochenbeginn darauf hingewiesen, dass die Fed-Käufe von TBonds zuletzt dazu beigetragen hatten, die Kreditkosten zu senken und weitere Käufe weiter in diese Richtung wirken könnten. Gleichzeitig mahnte er einen entschlossenen Kampf gegen das Haushaltsdefizit an. Allerdings lasse die gegenwärtige Wirtschaftslage kaum Spielraum, um das Defizit in den nächsten ein bis zwei Jahren spürbar zu verringern, sagte er. Ein zu frühes Gegensteuern könnte sogar die konjunkturelle Erholung gefährden. Soso!

Das zusammen genommen wurde von den Akteuren als Hinweis auf weitere geldpolitische Lockerungen interpretiert und am Dienstag dieser Woche mit einem deutlichen Kurssprung begrüßt.

Die Entscheidung der BoJ wirkte auf Dollar/Yen allerdings nicht einmal einen halben Tag, bevor das Währungspaar wieder die Richtung wieder aufnahm, die es nun schon so lange kennt, nach unten. Daraus kann geschlossen werden, dass die Akteure an den Finanzmärkten mehr sehen wollen.

Tadashi Nakamae, Nomura, schreibt dazu, der Yen sei unterbewertet. Der nominale Kurs sei bezogen auf Mitte der 1990er Jahre wenig verändert, wegen der Deflation lägen die Preise in Japan heute jedoch 43 % niedriger als in den USA. Daher müssten Währungsinterventionen letztlich scheitern. Die einzige Möglichkeit, den Yen unterbewertet zu halten, sei das Zinsdifferential. Weiteres QE der Fed sei aus globaler Sicht extrem schädlich. Es zwinge die BoJ zu zusätzlichen geldpolitischen Lockerungen.

Derweil erteilt EU-Kommissar Joaquín Almunia dem Ausstieg aus Rettungsprogrammen eine Absage, die ursprünglich Ende 2010 auslaufen sollten. Die EU-Regierungen dürften auch 2011 mit der finanziellen Unterstützung von Banken und Unternehmen fortfahren. Angesichts der Probleme in den deutschen und irischen Bank-Sektoren könne man nicht zur Normalität zurückkehren.

Wolfgang Münchau schreibt in der FT Deutschland, der starke Anstieg des Euro sei die fast unausweichliche Konsequenz der geldpolitischen Entscheidungen (oder deren Vorboten) in den USA. Die EZB sei dadurch in einer schwierigen Situation, weil sie gleichzeitig Ausstiegssignale aussende. Das führe zu einem Überschießen von Euro/Dollar und könne die wirtschaftliche Erholung in der Euro-Zone abwürgen.

Das Washingtoner Institute for International Finance (IIF) warnt vor einem Dollar-Crash, wenn die Fed weitere geldpolitische Lockerungen beschließt. Statt dessen sollte sie eine Politik verfolgen, die ausländische Nachfrage nach US-Gütern unterstützt. Das IIF erhöht die vorliegende Schätzung des aus den USA strömenden Kapitals für 2010 von 709 auf 825 Mrd. Dollar.

Paul Krugman sagt, die Vorwärts- Indikatoren für Zinsen und Inflation stiegen von niedrigem Niveau aus. Dies lässt sich auch schön am Chart "Inflations-Erwartungen" ablesen (siehe Chart!). Das sei ein Hinweis darauf, dass QE "eingepreist" wird.

Ich denke, es stimmt: Alles läuft auf einen neuen Liquiditätsschub der Notenbanken hinaus, dem sich die EZB nicht entziehen kann (wenn sie wollte...). Was sind die Folgen?

1. Die Liquiditätsflut bisher hat es nicht vermocht, die Realwirtschaft wieder auf Kurs zu bringen. Sie wird es auch dieses Mal nicht schaffen. Es stimmt, was Joseph Stiglitz sagt: Die lose Geldpolitik der Fed und der EZB treibt die Welt ins Chaos. Sie dient den Banken lediglich zur Bilanzreparatur und der Jagd nach (noch) mehr Profit. Sie bringt Instabilität in die Währungsmärkte, genau das, was weltweite operierende Unternehmen nicht brauchen können.

2. Wie Gavyn Davies richtig schreibt, treibt eine neue QE-Runde in den USA Kapital in die Emerging Markets (siehe den fallenden Dollar). Diese müssten zum Schutz ihres Exports mit dem Verkauf der eigenen Währungen reagieren. Zwar könnten diese Effekte durch gleichzeitigen Verkauf heimischer TBills sterilisiert werden, das verhindere aber nicht, dass die Liquidität in den jeweiligen Finanzsektoren wachse. Das treibe die Asset-Preise hoch, führe zu einer Blase.

3. Das wiederum heizt die Spekulationen eines beschleunigten Wirtschaftsaufschwungs in den Emerging Markets weiter an. Das treibt auch die Rohstoffpreise weiter hoch und kann deflationäre Effekte in den USA (und anderswo) zeitweilig konterkarrieren. Allerdings ist eine solchermaßen getriebener Verbraucherpreis "ungesund" (siehe Chart!). Da die Unternehmen wegen der (u.a. durch hohe Arbeitslosigkeit und hohe Schuldenquote) schwachen kaufkräftigen Nachfrage auf den Endmärkten über geringe Marktmacht verfügen, kommen ihre Gewinne durch die steigenden Kosten unter Druck, was in der Folge auf die Kurse drückt (cetteri paribus).

4. Zeitweilig können die solchermaßen ausgelösten Inflations-Erwartungen Asset-Preise (Aktien) aber stützen. Die umgekehrte Logik der "modernen" Volkswirtschaft im Spät-Finanzkapitalismus verweist gerne darauf, dass steigende Asset-Preise über Wohlstandseffekt, leichteren Zugang zu Krediten und bessere Stimmungswerte zu volkswirtschaftlichem Wachstum führt. Sehr wahrscheinlich stecken auch solche Überlegungen hinter der etwas kryptischen Bemerkung im Kommunique der jüngsten FOMC-Sitzung. Dort hatte es seinerzeit geheißen: "Man halte sich Maßnahmen offen, um die derzeit gedämpfte Inflationsentwicklung wieder auf ein höheres Niveau zu bringen, das besser für Preisstabilität und Vollbeschäftigung sei".

5. RGE (Roubini) weisen auf die Möglichkeit hin, dass mit "QE2" eine Phase beginnt, in der "Hoffnung" über "Analyse" gestellt wird und die Skalen von "Angst" auf "Gier" verstellt werden. "QE2" sei aber unter den gegenwärtigen Umständen kein All-Heil-Mittel, sondern lediglich ein Palliativ.

Zu den Märkten: Ich hatte zuletzt an dieser Stelle damit gerechnet, dass die Aktienmärkte mit dem Beginn des Oktober eine konsolidierende Pause einlegen. Sie fiel jedoch extrem kurz aus. Denn schon am Montag drehte der S&P 500 kurz über der Nackenlinie einer vermuteten inversen SKS-Formation bei 1130 wieder ab und schoss am Dienstag über den Widerstand bei 1150. Aktuell sieht es danach aus, als würden die schwachen Arbeitsmarktdaten per QE-Hoffnung in steigende Kurse umgesetzt.

Einige wichtige technische Markt-Merkmale zeigen Ähnlichkeit mit der Situation Ende März 2010, wie auch mit der von Anfang April 2009. Die VIX-Auswertung zeigt solide "Greed" (siehe Chart!), die Volumenverteilung befindet sich in fortgeschrittener Akkumulation (siehe Chart!). Die Auswertung viel beachteter technischer Indikatoren unterstreicht einen bullischen Zustand (siehe Chart!).

Wenn die SKS-Formation im S&P 500 "zieht", ergibt sich daraus ein Kurspotenzial bis rund 1240, das Jahreshoch liegt gegenwärtig bei knapp 1220 (siehe Chart!). Beim NDX lässt sich eine ähnliche Konstellation hineinsehen mit Potenzial bis über 2100 (siehe Chart!), kurzfristiger Widerstand bei 2024. Die hier vor einiger Zeit angesprochene Formation "Aufwärtsdreieck" (Artikel vom 9. Sep 2010) findet sich z.B. auch im DAX (siehe Chart!). Wird der Pegel 6350 gebrochen, kann das ein Potenzial bis rund 7000 Punkte auslösen.

Die Bullen setzen auf genau diese Szenarien - und auf "QE2". Dumm nur, dass die nächste FOMC-Sitzung erst in den ersten Novembertagen stattfindet. Vielleicht heißt es jetzt: "Buy the rumors." Und dann: "Sell the facts."

Denken Sie angesichts der sehr weit gelaufenen Rohstoffe und insbesondere Edelmetalle auch mal an eine Asset-Rotation: Raus aus den einen, rein in die anderen (Aktien).

Ein kleines "Schmankerl" zum Schluss: Wen Jiabao, der chinesische Ministerpräsident, sagt zum Druck auf China, die eigene Währung abzuwerten: "Do not work to pressurise us on the renminbi rate... Many of our exporting companies would have to close down, migrant workers would have to return to their villages. If China saw social and economic turbulence, then it would be a disaster for the world."


Wichtige Hinweise

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