26. Mrz 2010: Reversal-Tag, Peanuts und Monatsende
Aus charttechnischer Sicht zeigte der Kurs-Verlauf in den US-Aktienindices gestern einen klassischen Reversal-Tag. Der Dow z.B. hatte die 11000 schon fast in der Tasche, als ihm die Luft ausging und er gerade noch hauchzart im Plus schloss. Und das geschah just dort, wo der Index Mitte Juli 2008 sein Tief ausbildete (siehe Chart!). Von dort aus gab es damals einen zähen Anstieg bis Mitte August und von dort dann einen sich schließlich dramatisch beschleunigenden Absturz. Im Mai 2008 hatte der Dow noch bei 13000 Punkten notiert.
Nach Lehrbuch ist der Ausblick damit kurzfristig eher abwärts gerichtet. Für den längerfristigen Verlauf muss man einige andere Gesichtpunkte mit hinzunehmen. Da ist zum einen die Volumenverteilung im S&P 500, die seit Mitte Februar Akkumulation zeigt (siehe Chart!). Die hatte sich zuletzt noch beschleunigt, ihr überdehnter Zustand ist jetzt aber beendet, was auf Tempoverlust hindeutet. Das, die Tatsache, dass die mittlere Phasendauer erreicht ist, sowie das mittlerweile stark erweiterte zugehörige Bollingerband sprechen dafür, dass die Verteilung in Kürze in Distribution kippen sollte.
Das allein bedeutet nicht zwangsläufig, dass nach einem Monat steigender Kurse mit einem Umschlag in Distribution die Abwärtsrichtung angesagt ist. Entscheidend ist das Sentiment der breiten Masse, dargestellt durch den VIX (siehe Chart!). Wichtige Pegel sind hier 16,47 und 17,39. Der erste wurde vor einigen Tagen erreicht, er entspricht dem Niveau von Mitte Mai 2008. Der zweite ist mittlerweile überwunden, ein erstes Zeichen, dass die Bären allmählich wieder Fuß fassen. Über 18,30, erst recht über 18,70 dürften die Bären Oberwasser bekommen - der VIX beendete den gestrigen Handel bei 18,40.
Noch ist es nicht so weit, der Markt operiert noch in Akkumulation. Die großen Akteure haben in den zurückliegenden Tagen durch heftige TBond-Verkäufe und neue Dollar/Yen-Carry-Trades (signalisiert durch einen stark gestiegenen Dollar/Yen) liquide Mittel angehäuft. Die liefen gestern zum Teil in Aktien, wie das deutlich angestiegene Volumen im S&P 500 zeigte. Da die Kurse dabei nicht mehr stiegen, gab es also offenbar schon zahlreiche Verkäufer. Damit weist das gestiegene Volumen auf massive Kursstützung hin. Offenbar sollen die Kurse möglichst bis Quartalsende noch frisiert werden. Das geht jedoch meist kurz vor dem Ziel "in die Hose" - wir werden sehen. Der März endet am kommenden Mittwoch…
Über den Umfang der zu erwartenden Kurs-Kontraktion hatte ich mich schon ausgelassen: Bis zu rund 200 Punkten im S&P500 (siehe Chart!).
Einerseits erscheint ein solcher Verlauf aus "technischen" Gründen fällig. Neben den oben angeführten Umständen zeigt auch die Auswertung des Verlaufs langer Zyklen (>=63 Tage), dass diese sich auf hohem Niveau im Bereich ihrer oberen Wendezone befinden. Je nach Zykluslänge ist die Wende in dieser Woche entweder schon vollzogen oder sie steht für die nächsten Tage an. Zudem zeigt die fraktale Diagnose der TimePattern ein stark ausgereiztes bullisches Szenario.
Natürlich kann man jetzt das "Treibstoff"-Argument anführen: Liquidität ist im Überfluss vorhanden - darf es nicht ein wenig mehr sein? (siehe Chart!). Aber wer wird selbst (fast) kostenlose Liquidität investieren, wenn keine wesentlichen kurzfristigen Kurssteigerungen mehr zu erwarten sind, weil zuvor kräftig akkumuliert wurde und jetzt erst einmal ansteht, Gewinne zu realisieren? Da ist es sinnvoller, einen besseren Zeitpunkt abzupassen, also abzuwarten, die Liquidität zu parken.
Andererseits gibt es neben den technischen Argumenten einige fundamentale Aspekte, die ein wenig mehr Risikoaversion aufkommen lassen. So konnte die Euro-Zone zwar gestern einen Kompromiss in Sachen Rettung Griechenlands erzielen. Der sieht vor, das die Mitgliedsstaaten im Verhältnis ihrer Kapitalanteile an der EZB zusammen mit dem IWF als kleinerem Partner Hilfe für die Staaten organisieren, die sich über den Kapitalmarkt nicht mehr zu vernünftigen Konditionen refinanzieren können. Voraussetzung ist und bleibt, dass die Pleitekandidaten sich einem strengen Sparregime unterwerfen. Dabei verspricht man sich vom IWF, dass der als Externer einen höheren Druck ausüben kann (so nach der Devise: "Wenn Du nicht brav bist, hole ich den Schwarzen Mann!"). Die Prozedur soll nicht nur für Griechenland gelten, sondern für alle künftigen (Un)-Fälle.
Der Euro kann von dieser Wendung nur bedingt profitieren. Er hatte im gestrigen späten Handel bei 1,3268 einen Tiefpunkt erreicht, nachdem Trichet frühere Äußerungen bekräftigte, wonach er als "sehr, sehr schlecht" empfindet, wenn der IWF bei Griechenland einspringt, statt der Euro-Zone selbst.. Das danach ausgehandelte Ergebnis des Gipfeltreffens führt bei Euro/Dollar heute zu einer gewissen Stabilisierung, aber echte Entspannung zeichnet sich bisher nicht ab.
Deutschland ist bei Griechenland mit 27(28) % dabei, Frankreich mit 20(21) %. Im Falle Griechenlands bleibt das bei einem geschätzten Bedarf von insgesamt 50 Mrd. Euro absolut überschaubar. Was aber kommt auf uns zu, wenn Spanien oder Italien in die gleichen Probleme laufen? Die Brocken sind dann jeweils um einen Faktor drei bis fünf größer. Spätestens dann kann man weder von "Peanuts", noch von "Portokasse" sprechen.
Ein weiterer Punkt ist, dass die Lösung des EU-Gipfeltreffens noch die "no bailout"-Klausel der Maastrichter Verträge umschiffen muss. Die Klage-erprobten, wenn auch bisher erfolglosen Euro-Gegner Hankel, Nölling, Schachtschneider und Starbatty werden nicht zögern, eine neue Klage einzureichen, wenn gegen diese Klausel verstossen wird. Sie sehen keine andere Möglichkeit, als das Länder in einer Situation wie Griechenland die Euro-Zone verlassen.
Ein wichtiger weiterer Umstand darf nicht übersehen werden: Die Kurse von US-Treasuries sind in den vergangenen beiden Tagen stark gefallen. Als Anlass werden entsprechend Auktion mit jeweils schwacher Nachfrage angegeben. Hier schient sich allmählich herumzusprechen, dass auch Staaten nicht zwangsläufig gute Schuldner sind. Schon wird befürchet, dass die steigenden Renditen auch die Hypothekenzinsen hochtreiben könnten, was für die Erholung des Hausbausektors (und der Gesamtwirtschaft) ungünstig wäre. Zudem stellt die Fed zum Monatsende den Ankauf von MBS ein, das hatte bislang die Kosten von Hypothekendarlehen rekordverdächtig tief gehalten und den Hausbausektor gestützt.
Ein weiterer Punkt sorgte für Irritationen und belastete den Bond-Markt: Der Bond-Versicherer Ambac zeigt sich offen für eine geordnete Insolvenz.
Schließlich setzt auch die chinesische Zentralbank ihren Kurs der geldpolitischen Straffung fort: In dieser Woche wurden 218 Mrd Yuan aus dem Geldmarkt abgezogen nach 213 Mrd Yuan in der Vorwoche.
Was die Entwicklung der tonangebenden 10-jährigen US-Staatsanleihe angeht, so bewegt sich ihre Rendite in den zurückliegenden neun Monaten zwischen fast 3,2 und fast 4,0 Prozent. Aktuell schiebt sich die Rendite in einem Rhythmus "höhere Hochs - höhere Tiefs" nach oben (siehe Chart!), aktuell notiert sie bei 3,86. Wenn sie das obere Ende des genannten Bereichs tangiert, wird es ernst. Ein Ausbruch würde als Indiz gewertet werden, dass Schulden machen teuer wird. Und dann könnten plötzlich Parallelen zwischen Griechenland und den USA gezogen werden, ganz abgesehen von der Signalwirkung dieser Rendite-Entwicklung auch für Schulden anderer Staaten.
Und so reiht sich ein Punkt an den anderen. Zudem steht die nächste Saison der Quartalsberichte bevor. Im Vorfeld gab es etliche Unternehmensmeldungen, wonach von optimistischeren Ausblicken die Rede ist. Insbesondere der Halbleiterbereich spricht von starker Nachfrage, Allokation in der Lieferkette und von steigenden Preisen. Aber das dürfte zum großen Teil nun eingepreist sein. Und ohne neue Phantasie wird es dann erst einmal "eng".