26. Feb 2010: Korrektur voraus?
Eine Serie negativer Nachrichten hat in der ausklingenden Woche den bullischen Akteuren an den Aktienmärkten zugesetzt.
Nein, ich meine nicht, dass Bundesbankpräsident Weber sich vehement gegen den Vorschlag des IWF-Chef-Volkswirts ausgesprochen hat, die Zentralbanken sollten ihre Inflationsziele deutlich heraufsetzen. Weiß Weber, der ja auch als künftiger EZB-Präsident im Gespräch ist, nicht, was angesagt ist? So wird er sich nicht gegen Mit-Kandidat Draghi durchsetzen, der von seiner Zeit bei Goldman Sachs da wohl eher weiß, was die Finanzindustrie möchte.
Ein scharfer Abfall des US-Verbrauchervertrauens im Februar auf ein zehn-Monats-Tief schürte am Dienstag Bedenken über den Erholungskur der Wirtschaft (siehe Chart!). Es wird vor allem durch die sich hinsichtlich Arbeitsmarkt verschlechternden Erwartungen herunter gezogen. So lange das Niveau bei 61 nicht überwunden ist, kann von dieser Seite keine Entwarnung gegeben werden.
Zu der eingetrübten Stimmung trug auch bei, dass der Case/Shiller-Hauspreisindex im Dezember leicht gesunken ist (siehe Chart!). Hier ist ein weiteres Absinken zu erwarten. Zu beachten ist auch die zurzeit verdeckt ablaufenden Korrekturen im Bereich der Geschäftsimmobilien (siehe Artikel v. 20. Nov 2009). Hier lauert noch Ungemach.
Dann wurde gemeldet, dass die Zahl verkaufter neuer Häuser auf einem 47-Jahres-Tief notiert. Auch die Auftragseingänge für dauerhafte Wirtschaftsgüter fielen, wenn man den stets sehr volatilen Transport-Sektor nicht berücksichtigt - auch das war nicht erwartet worden. Und schließlich stieg auch noch die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe in den USA auf 496.000. Hier hatte man eine Abnahme gegenüber den 474.000 der Vorwoche erwartet.
Bernanke gab in seiner regulären Anhörung vor dem US-Kongress am Mittwoch einen vergleichsweise düsteren Ausblick auf die Erholung der Wirtschaft und sprach von drohenden Rückschlägen für das Wachstum der US-Wirtschaft. Ein bedeutender Teil des Wirtschaftswachstums sei darauf zurückzuführen, dass Unternehmen übermäßig Lagerbestände abgebaut hätten und dies nun durch steigende Produktion korrigiert würde (siehe meinen Artikel vom 5.2.10). Es müsse zu einer Belebung des Konsums kommen, aber da zeige sich der Arbeitsmarkt schwach. Besonders besorgniserregend sei die zunehmende Zahl der Langzeitarbeitslosen. Mehr als 40 Prozent der Arbeitslosen seien mehr als sechs Monate ohne Arbeit, sagte er.
Die Worte Bernankes beinhalten die verdeckte Warnung, dass es wegen ausfallenden Konsums zu einer "double-dip"-Rezession kommen könnte. Gleichzeitig versicherte er erneut (und immer wieder), dass die Leitzinsen in den USA noch für einen ausgedehnten Zeitraum niedrig bleiben. Von der Bekräftigung weiter niedriger Zinsen profitierten die zinsempfindlichen Halbleiter-Aktien besonders.
Bei den von mir regelmäßig verfolgten Makrodaten liegt der Anteil der auf "Kontraktion" stehenden Indikatoren bei 56 %, 22 % sind "expansiv". Die "Erholung" hier ist z.T. darauf zurückzuführen, dass sie eine statistische Verbesserung im Vergleich zu den sehr schlechten Jahres-Vergleichszahlen widerspiegeln. Damit aber ist die Erholung hauptsächlich statistischer Art, also kein Aufbruch zu neuen Ufern und schon gar nicht zu den Wachstumsraten der "nach 2003-Ära". Dieser jetzt hoch kommende Basis-Effekt wird zur Jahresmitte abebben, wenn im Jahresvergleich die schon wieder stärker normalisierten Daten von Mitte 2009 herangezogen werden.
Dieser Basis-Effekt wird das eine oder andere Mal willkommene Gelegenheit zu bullischem Getrommel bieten. Da es sich allerdings um einen kosmetischen Effekt handelt, trägt das nicht lange. Ich sehe eher, dass die Lage am Arbeitsmarkt und demzufolge der weiter schwache Konsum die Märkte auf mittlere Sicht belastet und nun allmählich eine (sehr volatile) Korrektur einleitet.
Die Volumenverteilung im S&P 500 ist vor einigen Tagen von Distribution in Akkumulation gekippt. Das ist zwar grundsätzlich eher bullisch zu interpretieren, allerdings steigt gleichzeitig die statistische Unsicherheit. Das wird durch das sich erweiternde und überdurchschnittlich weite Bollingerband angezeigt (siehe Chart!). Eine ähnliche Situation bestand Anfang November 2008. Damals schloss sich eine mehrmonatige volatile Seitwärtsbewegung zwischen 935 und 750 an, die schließlich mit dem Tief von Anfang März 2009 bei knapp 680 gebrochen wurde.
Nimmt man die bedeutende Abwärtslinie aus Oktober 2007 als "Leitlinie", ist damit rechnen, dass etwa zum Halbjahresschluss ~950-930 erreicht werden (siehe Chart!). Hier liegen wichtige Pegel aus dem ersten Halbjahr 2009, sowie die Obergrenze der erwähnten Seitwärtsbewegung. Bedeutsam, dass hier auch das 50er Retracement der Spanne zwischen dem Tief aus März 2009 und dem Hoch aus Mitte Januar 2010 notiert. Gut möglich allerdings, dass es kurzfristig noch zu einem Aufbruch auf rund 1125 komm, dem übergeordneten 50er Retracement. An diesem Punkt dürfte es dann zu einer "Entscheidungsschlacht" kommen.
Der Chart des invers zum S&P 500 agierenden VIX entspricht diesem Szenario (siehe Chart!). Der "Angst-Messer" läuft in die Spitze einer längeren keilförmigen Formation. Aktuell notiert der Wert beim Psycho-Pegel 20. Nicht auszuschließen, dass er noch den Support bei rund 17,50 ins Visier nimmt, bevor er nach oben abdreht. Die Auswertung der Stimmung der breiten Masse steht an der Grenze zwischen "Acceptance" und "Greed" und tritt damit in die bullische Übertreibungszone ein (siehe Chart!).
Entwickelt sich die Korrektur beim S&P 500 so wie erwartet, dürfte beim DAX ein Kursziel von rund 4700/4800 zu erwarten sein (siehe Chart!).
Nachrichten von US-Einzelhändlern, sowie sich eintrübende Stimmungswerte in Europa tragen ebenfalls zu Pessimismus bei. Wenn sich der Ausblick auf die Stärke der Erholung eintrübt, dürften davon insbesondere Rohstoffe und Halbleiter betroffen werden.