29. Jan 2010: Bullen - Land unter?
Ich komme noch einmal auf den Anlass der laufenden Korrektur an den Aktienmärkten zurück. Obama hatte weitreichende Pläne vorgestellt, den Bankensektor umzukrempeln. Insgesamt laufen sie darauf hinaus, die Gewinnmöglichkeiten der Banken zu beschneiden. Das Konzept dürfte keine Chance auf Umsetzung haben, insofern ist ein Abverkauf von Aktien aus diesem Grund ziemlich unsinnig (aber es gibt natürlich genügend andere).
Eigentlich ist auch egal, warum Obama genau zu diesem Zeitpunkt den Vorstoß unternahm, sei es aus Frust darüber, dass seine Popularität beständig fällt, sei es, dass unmittelbar zuvor Morgan Stanley gemeldet hatte, den Löwenanteil der erzielten Gewinne als Boni auszuschütten, sei es aus tiefer Sorge um die Erpressbarkeit des Steuerzahlers. Die Vorschläge zielen darauf, dem "too big too fail"-Argument die Spitze zu nehmen und das von zu großen Banken ausgehende systemische Risiko zu verringern. So weit, so gut.
Die Art, wie das versucht wird, ist ein weiteres Mal typisch bürokratisch und setzt auf der operativen Ebene der Märkte an - Amtsstuben-Change. Das ist ja auch gerade modern, deswegen jedoch genauso wenig sinnvoll wie neoliberales Laissez-faire. Sinnvoller und effektiver wäre es, die Eigenkapitalquote der Banken heraufzusetzen, und zwar überproportional zur Größe einer Bank. Damit steuert sich die Risiko-Neigung von ganz alleine. Darüber hinaus ist die schiere Größe einer Bank nicht alles. Wenn zehn kleinere Banken sich in gleicher Art mit unverantwortlichem Risiko aus dem Fenster lehnen, kommt das auf dasselbe heraus, wie wenn das eine große täte.
Zum systemischen Risiko wäre noch anzumerken, dass in Europa neun Banken größere Bilanzsummen als die jeweiligen BIPs ihre Standort-Länder haben. Durchaus zum Thema passend: Die Hypo Real Estate hat angekündigt, eine Bad Bank mit einem Volumen von bis zu 210 Mrd. Euro zu gründen. Hier sollen u.a. all die "Assets" einfließen, die der Bank Milliardenverluste einbrachten.
Konnte man bis zur vergangener Woche noch davon sprechen, dass die Aktienkurse lediglich durch Gewinnmitnahmen gedrückt wurden, so überwiegen mittlerweile bärische Position. Nach dem Verlauf der fraktalen Oszillatoren der TimePatternAnalysis ist die aktuelle Situation nun vergleichbar mit der von Anfang Juli 2009 (siehe Chart!). Wenn es sich tatsächlich so weiterentwickelt, dürfte der Abverkauf noch einige Tage weitergehen. Ohnehin konnte gestern der wichtige Pegel bei 1085 im S&P 500 nur mühsam zurückerobert werden. Nächster Halt an der Unterseite wäre 1072 (siehe Chart!). Sollte allerdings die 1098 überwunden werden, dürften die Bullen relativ schnell wieder Tritt fassen.
Im Unterschied zu Anfang Juli 2009 zeigt z.B. das Sentiment nach VIX einen extrem bärischen Ausschlag (siehe Chart!). Das ist in der aktuellen Situation eine wichtige Rahmenbedingung. Zudem hat sich in bärischem Extrem eine bisher noch kleine Umkehr gebildet. Ein Extrem alleine ist kein Handelssignal, zusammen mit belastbaren Wendepunkten aber schon.
Waren die Vorschläge von Herrn Change der Anlass, so kommen jetzt einige Aspekte hinzu, die von etwas mehr Gewicht sein können. Die Quartalssaison ist zwar bisher von der Gewinnentwicklung so gelaufen, wie erwartet - geholfen hat da auch der Basiseffekt aus dem sehr schlechten vierten Quartal 2008 -, so nahmen die Akteure die oftmals verhaltenen Ausblicke der Unternehmen auf die kommenden zwölf Monate zum Anlass, um sich weiter zurückzuziehen. Hinzu kommt die Sorge, Griechenlands Staatsschulden könnten einen Dominoeffekt auslösen. Die nächsten Verdächtigen, Spanien und Portugal, sind schon ins Visier genommen.
Das ist auch der Grund für die nachhaltige Schwäche des Euro gegen Dollar. Das liegt ganz auf meiner langfristigen Linie, die das Währungspaar gegen die Parität laufen sieht. Die Währungsseite ist in zunehmender Unordnung (siehe Chart!). Vorbei die Zeit zwischen der Jahreswende 2003/2004 und Sommer 2007, als Euro/Dollar, Dollar/Yen und Euro/Yen in engen Grenzen parallel nach oben liefen, treu begleitet von Aktienindices, im Bild von S&P 500 und EuroStoxx50. Das Bild ist mittlerweile wieder ähnlich zerfasert wie bis Ende 2002. Das steht für Unsicherheit und gemessen am Verlauf wird die Unsicherheit nicht kleiner wie im Laufe des Jahres 2003, als der durch Immobilien-Inflation getriebene Bull-Run begann.
Im kurzfristigen Währungsbild fallen Bull-Keile bei Euro/Dollar und Dollar/Yen auf (siehe Chart!). Werden die regelgerecht nach oben aufgelöst (was aktuell bei Dollar/Yen zu geschehen scheint), wäre das eine für Aktien eher bullische Begleitmusik, weil solche Bewegungen über Liquiditätsbeschaffung gut korrelieren mit zunehmender Risiko-Bereitschaft in den Finanzmärkten.
Abgesehen von den "griechischen Verhältnissen" sorgt sich die EU-Kommission um den Fortbestand der europäischen Währungsunion. Die unterschiedliche Wettbewerbsfähigkeit der Mitgliedsländer führe zu starkem Ungleichgewicht in der Euro-Zone. Die Kombination aus nachlassender Wettbewerbsfähigkeit und exzessiver Anhäufung von Staatsschulden sei beunruhigend, heißt es. Europäische Regierungen müssen sich in 2010 wohl 2,2 Bill. Euro leihen.
Das sind natürlich alles keine guten Nachrichten für den Euro der Brüsseler Bürokraten. Und was für eine Welt, in der Griechenland hoffte, China könnte Staatsanleihen im Volumen von fünf bis zehn Mrd. Euro kaufen! China hat dem eine Absage erteilt, die Nachricht ließ die Rendite der entsprechenden Papiere nochmals deutlich steigen. 10jährige erreichten ein Rekordhoch von 6,92 %, 3,56 % höher als deutsche Bunds.
Noch einmal zu Währungen: Ein solider Expansionskurs der Finanzmärkte wird angezeigt, wenn Euro/Dollar, Dollar/Yen und Euro/Yen simultan steigen. Eine Kontraktion wird indiziert durch sinkende Währungspaare. Eine gefährliche Gemengelage ergibt sich, wenn der Yen nachhaltige Stärke aufbaut. Das dürfte auch als Signal dafür gewertet werden, dass Japan die deflationären Impulse nicht aufheben kann und die BoJ verleiten, weitere Liquidität bereit zu stellen. Wenn das dann aber nicht zu einer Wiederbelebung von Carry-Trades in Yen und damit zu sinkendem Yen führt, wäre das ein deutliches Warnzeichen für die Verfassung der Finanzmärkte.
Ein kurzer Blick auf aktuelle Makrodaten: Das US-Verbrauchervertrauen ist im Jan den dritten Monat in Folge gestiegen und erreicht mit 55,90 den höchsten Wert seit Sep 2008 (siehe Chart!). Eine weitere leichte Aufwärtstendenz scheint möglich. Der wirklich kritische langfristige Pegel liegt bei 62, der historische Mittelwert bei 92. Das zuletzt erreichte Maximum liegt bei 111,90 (Juli 2007).
Der Case/Shiller-Hauspreisindex CSXR tendiert seit August 2009 flach (siehe Chart!). Der aktuelle Wert für November zeigt 158,49. Hier scheint sich eher wieder eine Abwärtstendenz zu etablieren. Im Mai 2009 war der Index bis 33 % unter sein Topp aus 2006 gefallen und hatte sich von dort aus etwas erholen können. "Aus dem Schneider" ist die Entwicklung jedenfalls nicht.
Der Baltic Dry Index gilt als guter Frühindikator der weltwirtschaftlichen Entwicklung. Seine Aufwärtsbewegung seit Jahreswechsel 2008/2009 ist intakt - es werden jeweils höhere Tiefs markiert (siehe Chart!). Allerdings fällt zuletzt die Dynamik nach dem jüngsten Tief zur Jahreswende nur bescheiden aus - zumindest ein Warnzeichen, allerdings saisonal auch nicht unüblich - schließlich ist das Weihnachtsgeschäft vorbei und die Handelstätigkeit flacht erst einmal ab.