25. Sep 2009: G20 - Banker mit Boni und Gier zum Psychiater?




Die Regierungs-Oberen der G20 tagen in Pittsburgh. Auf der Tagesordnung stehen Themen wie Boni für Banker. Gibt es nichts Wichtigeres?

Nein, Frau Merkel, z.Zt. Pittsburgh, sonst Berlin, beklagt sogar ausdrücklich, dass die G20 sich nicht mit Ersatz-Themen wie globale Ungleichgewichte befassen sollten, sondern mit den wirklich wichtigen Dingen. Nämlich mit der Regulierung der Finanzmärkte und insbesondere mit den Banker-Boni.

Im Vorfeld waren bei der Bezahlung der Bankmanager unterschiedliche Auffassungen erkennbar geworden. Während z.B. Deutschland und Frankreich auf eine klar definierte Begrenzung drängen, setzen sich die USA und England für eine flexiblere Regelung ein. Das Ergebnis wird wohl so aussehen: Obergrenzen für Boni soll es nicht geben, die nationalen Finanzaufsichtsbehörden sollen eine zentrale Rolle bei Festlegung der Gehaltspläne spielen.

Die G20 sind offenbar der Meinung, dass ein solches "Wischi-waschi"-Ergebnis die Stabilität des globalen Finanzsystems festigt. Übermäßige Prämien verleiten zu einer exzessiven Risikoübernahme, also müssen sie begrenzt werden, so die Logik. Die Finanzkrise wird zu einem psychologischen Problem von Gier und menschlicher Unzulänglichkeit zurecht gestutzt.

Gegen solcherlei Mangelhaftigkeiten helfen entweder Psychiater oder bürokratische Vorschriften. Oder beides - vielleicht wird demnächst noch vorgeschrieben, dass Bank-Manager einmal pro Woche zum Börsenpsychologen müssen. Die Kosten müssen sie selbstverständlich von ihren Boni bezahlen. Dafür wird auf dem nächsten G20-Gipfel deren Höchstgrenze herauf gesetzt.

Die Politiker dieser Welt "bekämpfen" die Finanzkrise nicht an der Wurzel, der übermäßigen Kreditausweitung, sondern an irgendeiner (völlig unwesentlichen) Randerscheinung. Es wäre einfach, durch Erhöhung der Mindestreserversätze und ggfs. andere, längst etablierte Möglichkeiten den Rahmen für eine Kreditausweitung zu begrenzen und so das Risiko zu steuern.

Anmerkung: Genau diese Mittel standen auch schon vor dem Ausbruch der Finanzkrise zur Verfügung. Die "Gier" hat nur den (viel zu weiten) Rahmen ausgefüllt, den Politik und Notenbanken geschaffen hatten.

Aber typisch Bürokratie wird statt dessen eine neue Vorschrift gebacken und ein weiteres Mal auf operativer Ebene in das Marktgeschehen eingegriffen. In diesem Fall (und nur in diesem einen Fall!) kann man froh sein, dass in den USA nach wie vor Neoliberale am Werke sind, die gegen die rigiden europäischen Vorstellungen sind.

Ach ja, auf dem G20-Gipfel steht auch das Thema der Eigenkapitalausstattung der Banken an. Man ist sich einig, dass man hier strengere Vorschriften anwenden will - aber vorerst mal nicht. Vielleicht 2011 - "mer waases net," sagt der Mainzer.

G7, G8, G20 - mal wieder wird unter großem publizistischem Tamtam eine kleine Maus geboren. Ansonsten wird weiterhin Feuer mit Benzin gelöscht. Siehe die Politik der Liquiditätsschwemme der Zentralbanken, siehe die staatlichen, kreditfinanzierten Anreizprogramme usw. Es wird noch weiter gehen: Allgemein wird davon ausgegangen, dass im ersten Quartal 2010 nach Vorlage der 2009er Unternehmensbilanzen viele Bankkredite auf den Prüfstand kommen, weil sie nach Basel II nicht mehr sicher genug sind. Gehen wir also mal schon jetzt davon aus, dass die Vorschriften bis dahin aufgeweicht werden und somit die Kreditblase weiter aufgeblasen wird.

Joseph Stiglitz, Wirtschafts-Nobelpreisträger, erklärte kürzlich, die USA hätten versäumt, die Grundprobleme ihres Bankensystems zu lösen. Daher seien die Probleme nun größer als vor der Lehman-Pleite. In den USA und vielen anderen Ländern seien die "systemrelevanten Banken", die man für zu groß halte, um sie pleite gehen zu lassen, noch größer geworden.

Die Regierungen kamen dem Ruf des Neoliberalismus seit 1970 bereitwillig nach, sich aus der Wirtschaft und dem Finanzwesen herauszuhalten. Genauso kommen sie jetzt dem Ruf des durch Fehlspekulation "notleidend" gewordenen Finanzsektors nach, sich gefälligst einzumischen. Und so stellen sie als Konsequenz aus der Krise ein paar Papp-Soldaten auf und arbeiten ansonsten fleißig daran, mit des Steuerzahlers Mitteln eine Kreditblase aufzubauen, die die letzte noch um einiges übertreffen wird. Das war das Wort zur Bundestagswahl.

Interessant: Von der Rolle der Regierungen und Notenbanken, ihrer Politik, die erst der Rahmen schuf für die Finanzkrise, wird laut geschwiegen. Im Gegenteil, die Verantwortlichen sind weiter am Ruder und sollen die Probleme lösen, die sie selbst entscheidend zu verantworten haben.

Frequenz und Amplitude der Blasenbildung in den Finanzmärkten scheinen seit dem Ende des Bretton Woods Systems zuzunehmen und gehen wohl allmählich in den exponentiellen Abschnitt über. Börsianer wissen, was am Ende einer solchen Fahnenstangen-Entwicklung steht - der Absturz.

Das bringt uns zum Thema Aktien: Die Fed lieferte in ihrem Kommunique zur FOMC-Sitzung am Mittwoch Abend den Anlass, Gewinne mitzunehmen. Sie hatte angekündigt, das Programm zum Rückkauf von Hypotheken-Verbriefungen zeitlich zu strecken. Das wurde als Zeichen für ein langsames Auslaufen der allzu lockeren Geldpolitik gewertet. Da das Quartalsende vor der Türe steht, sind die Kapitalanlagegesellschaften beim Window-Dressing. Nach den aufgelaufenen Gewinnen steigt die Tendenz, diese teilweise zu realisieren. Als dann gestern auch noch ungünstige Daten aus dem Haussektor der USA hereinkamen, verstärkte sie sich. Andererseits ist nicht ausgemacht, dass es nicht noch einen weiteren Versuch geben wird, die Kurse wieder anzublasen. Zu verlockend ist auch die Marke von 10.000 im Dow. Wie auch immer es kurzfristig ausgeht - die Gefahr eines technischen Betriebsunfalls, bei dem aus anfänglichen Gewinnmitnahmen eine kräftige Abwärtsbewegung wird, steigt. Die Auswertung des VIX zeigt "Gier" (siehe Chart!).

Die Bedenken, die Aktienkursentwicklung habe sich zu weit von der Entwicklung der Realwirtschaft entfernt, erhalten Nahrung durch den Verlauf des Baltic Dry Index. Der steht jetzt unter dem wichtigen Pegel von 2300 Punkten. Auch der CRB-Rohstoff-Index (siehe Chart!) ist wieder unter 253 gesunken. Und schließlich sind die Ölpreise förmlich abgestürzt. Bei CRB und Öl Brent (siehe Chart!) fällt eine ähnliche Chartformation auf: Die Begrenzungslinien der Kursbewegung seit Anfang März laufen auseinander. Mitte August erreichten beide ihr jüngstes Hoch, ohne nochmals an die obere Begrenzung vorstoßen zu können. Öl ist bereits unter die Untergrenze gestürzt, der CRB kämpft noch.

Beim Euro/Dollar (ECW - siehe Chart!) fällt auf, dass er zuletzt vor allem durch einen im Verhältnis zu Euro/Dollar (EYN) schwachen Dollar/Yen (JPY) gestützt wurde, gemäß ECW=EYN/JPY. Bullische Avancen im Aktienmarkt wurden zumindest seit 2003 stets von einem festeren Euro/Dollar bei gleichzeitig gegen Euro und Dollar sinkendem Yen begleitet. In diesem Sinne ist die zuletzt gesehene Aufwärtsbewegung von Euro/Dollar fragil und nicht konsistent mit einem stabilen bullischen Szenario.

Da Edelmetalle, wie Rohstoffe normalerweise eng mit Euro/Dollar korrelieren, ergibt sich auch aus dieser Perspektive für diese Asset-Klassen kurzfristig nicht unbedingt ein solide bullisches Szenario.

Übergeordnet dürfte die breit angelegte Expansion der Finanzmärkte allerdings noch weiter gehen. Insbesondere dann, wenn die Makrodaten sich nicht weiter verbessern. Denn dann bleibt die Hoffnung, die lockere Geldpolitik werde so bald noch nicht zu Ende gehen.


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