19. Juni 2009: Window-Dressing zum Quartalsende




Knapp 4 Prozent hat der S&P 500 in den ersten drei Tagen dieser Woche verloren. Gestern kam wieder etwas Kaufinteresse auf. Interessant ist auch die Entwicklung im NDX - hier ist am 1. Juni eine Kurslücke unterhalb von 1448 entstanden. Sie wurde in der ersten Wochenhälfte "angehandelt", am Dienstag schloss der Index sogar knapp darin, aber vollständig geschlossen wurde das Gap nicht. Man hat den Eindruck, der Index wird mit Bedacht von dessen Unterseite bei gut 1435 weg gehalten - dazu später.

Während der NDX auf Schlusskurs-Basis sein Topp am 9. Juni gebildet hat, ließ sich der S&P500, schon etwas gequält, bis zum 12. Juni Zeit. Anlass für die Gewinnmitnahmen waren Makrodaten, die die Frage aufwarfen, ob man nicht in zu kurzer Zeit zu viele Aktien gekauft hat.

Die "V"-förmige Kurserholung bei Aktien spiegelt die Erwartung einer ebensolchen Konjunkturbelebung wider. Diese Wette steht nun auf dem Prüfstand. Mancher Beobachter rechnet denn auch mit einer Korrektur der Aktienkurse um rund 10 Prozent.

Die neuesten Daten vom US-Haussektor weisen auf eine gewisse Stabilisierung hin. So stiegen die "Housing-Starts" um 7,5 Prozent im Mai, aber steigende Hypotheken-Zinsen und hohe Lagerbestände sprechen gegen allzu viel Optimismus. Die Industrieproduktion (Chart!) jedoch fiel im Mai um 1,1 Prozent, sie liegt jetzt auf einem Niveau wie im Sommer 1998. Auch die Kapazitätsauslastung ging zurück, und zwar auf das Niveau von 1967.

Auch von Seiten der Inflation kamen eher schlechte Nachrichten. Der PPI ist im Mai um 0,2 Prozent gestiegen, erwartet wurde ein Anstieg von 0,6 Prozent; die Kernrate ist sogar um 0,1 Prozent gefallen. Die US-Verbraucherpreise sind im Mai nur um 0,1 Prozent gestiegen, erwartet wurden plus 0,3 Prozent. Im Jahresvergleich sank der CPI um 1,3 Prozent. Damit ist der Inflationsausblick weniger stark als "gehofft", was den Aktien-Bullen angesichts der exorbitanten Bewertungen ein Argument nimmt.

Mark Thoma schreibt zum Thema Inflation, ein Drittel der den CPI bildenden Preise falle jetzt. Zudem sei ihre Zahl im Vergleich zum Vorjahr angestiegen. Das sei zwar noch keine Deflation, aber dennoch ein ernstes Signal.

Mit der Frage der V-förmigen Erholung hatte ich mich zuletzt am 5. Juni 2009 im Artikel "V W vvvvvvv?" beschäftigt. Wir haben nicht einfach eine "normale" Rezession, die ein "V" rechtfertigen könnte.

Je weiter die Aktien-Kurse steigen, je mehr steht die Wette auf eine V-förmige Erholung auf dem Prüfstand. Sie benötigt permanente Bestätigung. Bleibt die aus, dann kann es rasch zu Kursbewegungen kommen, die über reine Gewinnmitnahmen hinausgehen.

Gestern hatten die Akteure zunächst etwas Mühe, den aktuellen Makrodaten bullische Energie abzugewinnen. Schließlich gelang es, allerdings zeigt das niedrige Volumen, dass die Unterstützung der bullischen Seite so breit nicht war.

Verzerrt wird die Preisbildung in den Finanzmärkten aktuell noch durch den Hexensabbat. In den Tagen davor kommt es meist zu erhöhter Volatilität, die zum Stichtag hin nachlässt. Eine klarere Richtung entwickelt sich erst danach. Hinzu kommt, dass die großen Akteure zum Quartals- und Halbjahresschluss natürlich Window-Dressing betreiben. Daher dürfte die Wahrscheinlichkeit hoch sein, dass sich die Kurse nochmals eher an den jüngst markierten Hochs orientieren. Aber danach ist alles offen.

Die angelegentlichen Versuche, den NDX von der Unterseite seines Gaps wegzuhalten, interpretiere ich in diesem Zusammenhang kurzfristig genau als Bestätigung für den durch Window-Dressing bedingten Kaufzwang vor Quartalsende. Übergeordnet sehe ich das allerdings eher bärisch. Bleibt die Kurslücke nämlich offen, bleibt Unsicherheit. Man kann es auch rumdrehen: Wenn sie jetzt nicht geschlossen wird, ist das ein Zeichen bullischer Schwäche. Und man kann fast sicher sein, dass das Gap recht bald nach Quartalsende geschlossen wird.

Die zyklischen Prognosen der TimePatternAnalysis wiesen bei Aktien nur auf einen weniger spektakulären Rücksetzer hin und zeigen jetzt ein weitgehend ausgeschöpftes Restpotenzial auf der Unterseite. Die Marktindikatoren zeigen bei Aktien ein mäßig bärisches Bild mit einzelnen Hinweisen, dass es nicht mehr bärischer wird. Der VIX orientiert sich wieder nach unten - ein eher bullisches Signal. Auch dass der DAX die 4800 zwar angekratzt, aber nicht nachhaltig durchbrochen hat, ist kurzfristig eher bullisch zu sehen.

Aus dem Gesagten ergibt sich auf Sicht der nächsten sechs Wochen für mich folgendes Szenario bei Aktien: Zunächst nervös seit-, aufwärts bis zu den letzten Hochs. Nach Quartalsende dann allgemeine Kontraktion der Finanzmärkte, jedoch nicht "bodenlos". Die überreichliche Liquidität dürfte vorerst noch weiter stützen (Chart!).

Dass die Aktien-Märkte sich dem Normalzustand der zyklischen Bewegungen wieder etwas mehr annähern, darauf weist auch das von der TimePatternAnalysis gemessene Zyklusniveau hin. Beim DAX lag es am 8. Juni bei 0,10, am 16. Juni wurden 0,23 erreicht, gestern kam es auf 0,32. Der maximal mögliche Wertebereich liegt zwischen 0 und eins, der Normalbereich zwischen 0,25 und 0,50.

So weit zum Aktienmarkt.

Die Regierungen aller Länder werden unterdessen nicht müde, aus der Finanzkrise die falschen Konsequenzen zu ziehen.

Beispiel 1: Den Plänen von Obama zufolge soll die Fed künftig große, System-relevante und untereinander verbundene Firmen ("too big to fail") überwachen. Besser wäre es, Dinosaurier gar nicht erst entstehen zu lassen - und wenn sie schon da sein, sollte man sie "schlachten", sprich zerlegen. Vielleicht wäre es aber noch besser, die Fed abzuschaffen, wie Jim Rogers einmal vorgeschlagen hatte. Die Politik des billigen Geldes hat die Krise erst möglich gemacht - früher, wie heute. Ausufernde Regulierung bis tief herunter ins operative Geschäft verhindert die nächste Krise jedenfalls nicht.

Beispiel 2: Die chinesische Regierung hat für Anschaffungen im Rahmen des nationalen Konjunkturpakets die strikte Bevorzugung chinesischer Produkte angeordnet. Ausländische Erzeugnisse dürften nur mit Genehmigung der zentralen Planungsagentur oder anderen betroffenen Behörden angeschafft werden. Eine ähnliche Klausel im US-Konjunkturpaket für die Bevorzugung von einheimischem Erz und Stahl hatte China noch im Feb kritisiert.

Beispiel 3: Die versammelte deutsche Politiker-Gilde glaubt weiter daran, dass die starke Exportorientierung zusammen mit hoher Wettbewerbsfähigkeit dem Land einen guten Start aus der Krise verschaffe. Fast zwei Drittel von Deutschlands Topp-Managern sehen das einer Umfrage zufolge anders: Sie glauben, dass das Land nicht zu den hohen Export-Raten zurückkehren werde wie vor der Krise, das Wachstum werde viel geringer sein als vorher. Bart van Ark, ein Experte in der Produktivitäts-Forschung, sagt dazu, der Erfolg Deutschlands vor der Krise sei von Kostensenkungen getrieben worden, nicht von Innovationen.

Noch etwas zum Thema Wirtschaftserholung: Die Weltbank hat ihre Erwartungen für das Wirtschaftswachstum in China nach oben korrigiert. Angesichts eines durch das 590-Mrd.-Dollar-Programm der Regierung angekurbelte "beachtliche" Wachstums gehe man nun von einer Zunahme in Höhe von 7,2 Prozent im laufenden Jahr aus, heißt es. Im letzten Bericht war noch von 6,5 Prozent Wachstum die Rede. Die Regierung in Peking hält an ihrer 8-Prozent-Prognose fest.

Diese Aussichten stützen natürlich bullische Konjunkturerwartungen und darüber z.B. auch die Rohstoffpreise. Öl notiert auf Jahreshöchststand und dem Vernehmen nach fahren die Öltanker, die das Rohöl in die Verbraucherländer bringen, schon wieder langsamer. Warum? Bezahlt wird nach Tagespreis bei Löschung - steigen die Preise, steigt auch der erzielbare Gewinn. Das war schon einmal so - vor einem Jahr.


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