06. Nov 2008: Obama, die Sparquote und Keynes




Die Wahl des 44. Präsidenten der USA ist gelaufen - der Demokrat Barack Obama hat gewonnen. Zudem hat seine Partei die Mehrheit in beiden Häusern. Wofür steht dieser Ausgang? Obama steht für "Change", er steht dafür, wie flexibel die amerikanische Gesellschaft letztlich doch ist, steht dafür, dass die US-Bevölkerung ihr Land wieder "oben auf" sehen will, er steht für Rückbesinnung auf die inneren Verhältnisse, für weniger außenpolitisches Herumlavieren, für ein Rückbesinnen auf die eigene Stärke.

In der ersten Rede nach seiner Wahl wies der begnadete Redner vor allem darauf hin, dass sehr schwierige Zeiten voraus liegen. So lange er sein Versprechen hält, aufrichtig zu sein, dürfte es ihm sicher lange Zeit gelingen, größere Unmutsäußerungen der Amerikaner über die aktuelle Lage zu neutralisieren und deren Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu lenken. Ob Obama sich letztlich als Demagoge entpuppt, der lediglich alten Wein in neuen Schläuchen serviert? Das muss die Geschichte zeigen.

Erst einmal wird international Raum frei z.B. für Hegemonie-Gelüste anderer. Gleichzeitig sorgt die Ausrichtung aber wohl dafür, dass das Land relativ schnell wieder Tritt fasst. Das heißt nicht, dass Finanzkrise und Rezession praktisch schon beendet sind, aber es wird hier schneller gehen, als z.B. in der amorphen Ansammlung von Staaten, auch Europäische Union genannt. Ökonomisch nennt man das einen Wettbewerbsvorteil.

Mit den Eckpfeilern der Wirtschaftsvorhaben Obamas werde ich mich in einem gesonderten, am Wochenende erscheinenden Artikel beschäftigen.

Die Hoffnung der meisten Wirtschaftskommentatoren richtet sich aktuell darauf, dass die Bush-Administration nun den Plänen der Demokraten um Obama nicht im Wege steht, wenn es um die zügige Implementierung eines großen Konjunkturprogramms geht. In diesem Zusammenhang wird jetzt viel von Keynes geredet. Anlass genug, sich mit den Grundzügen seiner Theorie zu beschäftigen.

Im Unterschied zu vielen seiner Vorgänger und Zeitgenossen betrachtete John Maynard Keynes (1883-1946) in seiner 1936 erstmals erschienenen "Allgemeinen Theorie" zyklische Krisen im Kapitalismus als immanent. Zentraler Punkt hierbei sind die Bewegungen von Angebot und Nachfrage bei Kapitalgütern mit den in diesem Markt herrschenden Erwartungen: Im Verlauf eines Aufschwungs kommt es zu Überinvestitionen. Der Abschwung wird eingeleitet durch die Befürchtung, dass Investitionen nicht mehr lohnen. Wenn die "Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals", also die durch zusätzlich investiertes Kapital erzielbare Rendite, unter den "Zinsfuß" fällt, wird Geld aus der produzierenden Wirtschaft abgezogen.

Da im Kapitalismus durch den Zinseszins-Effekt zwangläufig Kapital angehäuft wird, muss die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals tendenziell sinken. Solange der Zinsfuß größer als Null ist und das Kapital in einer Wirtschaft wächst, kommt es daher immer wieder zu sich verschärfenden Krisen mit langfristiger Unterbeschäftigung. Durch Zinssenkungen sollte sich einer solchen Entwicklung eigentlich schnell und effektiv gegensteuern lassen, wenn da nicht die "unlenkbare und unfügsame Psychologie der Geschäftswelt" wäre, wie Keynes schreibt.

Keynes verneint die Knappheit des Kapitals in entwickelten Volkswirtschaften, womit Zinsen aus diesem Grund nicht zu begründen seien, ganz im Unterschied zur Landpacht. Er sieht im Zins eine als Belohnung für die Aufgabe der Liquidität hauptsächlich psychologisch bedingte Größe. Er unterschied folglich nicht zwischen monetären und nicht-monetären Faktoren und sah auch keinen engen Zusammenhang zwischen Sparen und Investitionen. In einem idealen Markt-getriebenen Finanzsystem würde vermehrtes Sparen über sinkende Zinsen zusätzliche Investitionen finanzieren. Sein "Spar-Paradox" besagt demgegenüber, dass zusätzliches Sparen in einem Abschwung durch negativen Effekt auf die volkswirtschaftliche Nachfrage diesen nur verschärft. Das durch vermehrtes Sparen erhöhte Kapitalangebot schafft aus sich heraus keine Investitionsanreize.

Das aus der Produktion abgezogene und das durch Sparen vermehrte Kapital läuft durch Hortung langsamer um und wird vermehrt zur Spekulation eingesetzt, so lange die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals unter dem "Zinsfuß" liegt. Keynes glaubte, "die Rentierseite des Kapitalismus (sei) ... eine vorübergehende Phase." So lange aber könne man dem Zustand der Vollbeschäftigung nur durch zusätzliche staatliche Nachfrage nahe kommen.

Die Finanzkrise wurde ausgelöst durch die Implosion des Immobilien-Kartenhauses, also durch einen aus Sicht der Produktion exogenen Schock. Das ließ die Geldnachfrage explodieren und zog durch Kreditverknappung Kapital aus der Produktion ab. Wir haben es also nicht mit sinkenden Gewinnerwartungen zu tun, der klassischen Krisen-Ursache, wie Keynes sie beschrieben hat. Ja, eigentlich müsste sich die aktuelle Lage auf dem Markt für Kapitalgüter nach Keynes sogar eher von selbst verbessern. Wenn da nicht das Spar-Paradox wäre.

Und tatsächlich: Die US-Sparquote ist seit Juni deutlich angestiegen auf zuletzt 2,3 Prozent (siehe Chart unter Makrodaten auf www.timepatternanalysis.de). Die realen Konsumausgaben sind im dritten Quartal (nach erster Schätzung) um 3,1 Prozent zurückgegangen. Die Ausgaben für dauerhafte Verbrauchsgüter fielen sogar um 14 Prozent. Die gefürchtete Kapitulation des amerikanischen Verbrauchers kommt zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, jetzt, da die US-Wirtschaft ins Liquiditätsloch fällt.

Abebbende Wohlstandseffekte und steigende Arbeitslosigkeit dürften das Sparen weiter forcieren. Dem könnte die Fed unter normalen Umständen gut begegnen, indem sie die Zinsen senkt. Da sie aber schon zuvor auf die Finanzkrise reagiert hat, ist sie mittlerweile bei einem Leitzins von einem Prozent angekommen. Damit erscheint die Geldpolitik jetzt mehr oder weniger unfähig, einer Konsum-induzierten Rezession noch etwas entgegenzusetzen. Das zeigt sich auch daran, dass die Zinsen für Hypotheken und Unternehmenskredite im Jahresverlauf sogar noch gestiegen sind - die Kreditklemme wirkt.

Zuletzt hatten die Konsumausgaben 1991 etwas nachgegeben, so stark wie aktuell gingen sie 1980 zurück - in einer Rezession mit starker Inflation. Damals sparten die Amerikaner noch rund 10 Prozent ihres Einkommens. Zuletzt lag die Sparquote jedoch permanent unter 2 Prozent, teilweise war sie sogar negativ. Gleichzeitig ist die Verschuldung der Verbraucher auf 98 Prozent des BIP gestiegen - das ist doppelt so hoch wie in den 1980ern.

Fazit: Die amerikanischen Verbraucher haben in ihrer Gesamtheit völlig überzogen - längst bevor Banken Hypotheken und andere Kredite fällig stellten. Und das trägt zum besonderen Ernst der Lage bei.

Der diesjährige Wirtschafts-Nobel-Preisträger Krugman fordert im Verein mit vielen anderen ein staatliches Anreizprogramm. Das sollte nicht, wie im zweiten Quartal, in der Form von Steuerschecks direkt an die Verbraucher gehen, weil diese Mittel wahrscheinlich nicht ausgegeben, sondern gespart würden. Stattdessen sollte es ganz im Sinne von Keynes über staatliche Investitionen Nachfrage schaffen.

Keynesianische Konjunkturprogramme haben wesentliche Schönheitsfehler: Staatsapparate sind zwar effizient beim Eintreiben von Steuern, wenn dieses Geld aber sinnvoll ausgegeben werden soll, werden 30 Prozent und mehr verschwendet. Das geschieht einerseits direkt durch eine ineffiziente Bürokratie, andererseits durch eine Fehlsteuerung von Investitionen. Durch staatliche Investitionsprogramme ergibt sich zunächst eine Ausweitung des BIP, aber auf längere Sicht handelt es dabei eher um Effekte eines nicht nachhaltigen staatlichen Verbrauchs. Die Produktivitätswirkung solcher Programme bleibt gering. Zudem führen sie zu einer suboptimalen Allokation von Produktionsmitteln.

Aber nicht nur das: Solche Programme führen gewöhnlich zu einer zeitweiligen Aufwertung der Währung des betreffenden Landes. Das begünstigt im Warenverkehr Importe, erschwert Exporte. Damit profitieren zu einem großen Teil die internationalen Wirtschaftspartner, der stimulierende Effekt auf die nationale Wirtschaft hingegen wird durch die Währungseffekte geschwächt, sprich, es werden auch hierdurch Mittel verschwendet.

Damit sind Keynesianische Subventionsprogramme in Ländern mit einem starken Außenhandelsdefizit (wie die USA) besonders kritisch zu sehen. Da müssten dann schon die Handelspartner ähnliche, bzw. sogar umfangreichere Programme auflegen. Oder man greift zu protektionistischen Mitteln, was bei Obama zeitweilig anklingt.

Ob solche Programme prinzipiell geeignet sind, eine Rezession abzukürzen, muss bezweifelt werden. Zwar kann es kurzlebige Effekte geben, die das so scheinen lassen, aber besonders die Gefahr der Fehlallokation von Mitteln ist so groß wie die Tragweite dieser Fehlsteuerung. Mit solchen Programmen setzt sich nur das fort, was mit den Rettungspaketen für die Finanzindustrie eingeleitet wurde - der zunehmende direkte staatliche Einfluss auf die Wirtschaft. Staatskapitalismus hatten wir schon, jenseits eines Vorhangs, der mal der "Eiserne" hieß. Er hat sich nicht bewährt.

Immer mehr Beobachter treffen die Feststellung, dass die Geldpolitik aktuell nicht mehr weiter hilft. Damit hat sich (vorerst) auch die immer wieder fälschlicherweise Bernanke zugeschriebene Helikopter-Analogie erledigt. Der Monetarist Milton Friedman hatte in den 1970ern plakativ behauptet, einer Deflation könne man notfalls dadurch begegnen, dass man Dollars aus Hubschraubern abwirft. Entscheidend ist eben nicht die Geldmenge an sich, entscheidend ist, wo die Mittel sind und wozu sie verwendet werden.

Zu den Märkten: Nachdem die Aktienkurse im Vorfeld der US-Wahl noch angestiegen waren, wurden schon am Tag danach Gewinne mitgenommen. Das liegt nicht daran, dass Wall-Street Obama und die Demokraten nicht leiden kann. In MarketWatch wird statistisch belegt, dass Wall-Street auch in den vielen Monaten vor diesem Termin Obama per Saldo indifferent gegenüber stand. Politische Änderungen haben eben weniger Einfluss auf die Finanzmärkte, als allgemein gedacht.

Ursache für die Gewinnmitnahmen ist "buy the rumors, sell the news", gepaart mit der Notwenigkeit, sich jetzt wieder auf die "grausame" Wirklichkeit zu konzentrieren. Und die aktuellen Makrodaten sind allesamt grottenschlecht, jetzt steht auch der NMI-Index des Dienstleistungssektors auf Rezessionsniveau. Da wundert es nicht, wenn die Akteure vor den Arbeitsmarktdaten am Freitag erst einmal wieder in Deckung gehen.


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