24. Okt 2008: Bank-Reserven: Bringt das Fass zum Überlaufen!




Die USA startet einen Fonds im Volumen von bis zu 600 Mrd. Dollar, der den Geldmarkt aus seiner Kältestarre erlösen soll. Die Maßnahme gilt zusätzlich zu TARP.

Die Lage auf den US-Kreditmärkten entspannte sich zur Wochenmitte, die 3m-LIBOR-Rate fällt deutlich auf 3,54 Prozent am Mittwoch nach 4,05 am Montag und 4,81 am 10. Oktober. Noch aber liegt sie klar über dem Niveau vor dem Bankrott von Lehman Brothers. Der TED-Spread notiert bei 2,54 Prozent nach 4,64 im Hoch zuletzt und 1,2 Anfang September. Der Krisenindikator der TimePattern meldet für jetzt das Ende des Stress im US-Finanzsystem. Auf den europäischen Geldmärkten geht die Normalisierung spürbar langsamer. Der Euribor liegt bei 4,9 Prozent nach 5,4 am "schwarzen Freitag" 2008 und 5 Prozent per Anfang September.

Zum Wochenschluss hin allerdings gerät die Entspannung diesseits und jenseits des Atlantik wieder ins Stocken. Und das liegt daran, dass inmitten schlechter Quartalszahlen, schwacher Unternehmensausblicke und fallender Rohstoffpreise die Aktienkurse weiter fallen, ja stürzen.

Jetzt fokussiert man die Rezession - ein wenig spät, wie ich finde, heißt es doch, die Aktienmärkte nehmen künftige Entwicklungen immer einige Monate vorweg. So weit scheint es nicht her zu sein mit der "efficient-market"-Theorie.

Nach landläufiger Meinung liegt eine Rezession vor, wenn das BIP zwei Quartale in Folge schrumpft. Berücksichtigt man jedoch die Entwicklung von BIP, Realeinkommen, Beschäftigung, Industrieproduktion und Einzelhandel zusammen, sieht das anders aus. Der hieraus gebildete Index der "coincident indicators" des Conference Board liegt mittlerweile 1,2 Prozent unter seinem Hoch aus Okt 2007. Brad de Long zeigt in seinem Blog, dass der in zurückliegenden Rezessionen immer um mindestens 1 Prozent gefallen ist. De Long schließt daraus, dass sich die USA bereits seit Jahresanfang in einer Rezession befinden. Die erwähnten Zeitreihen können Sie über diesen Link einsehen.

Vermehrt wird jetzt gefragt, wie lange die Rezession dauern wird. Die kritischen Beobachter werden sich zunehmend einiger - sie wird lang und schwer, Schätzungen reichen bis zu 24 Monaten Dauer.

Finanzkrise und Rezession verflechten sich, mit der Bankenrettung wird nur ein Teil des Problems adressiert. Schon werden überall Rufe nach Konjunkturprogrammen laut. Bernanke hatte erst am Montag ein solches bei seiner Anhörung vor dem Abgeordnetenhaus der USA angeregt.

Einwände gegen die "schönen" Finanzmarkt-Rettungspakete in Deutschland und anderswo gibt es genug. Man kann z.B. bei der Citigroup zu Recht fragen, wie lange die 25 Mrd. Dollar, die das Institut aus dem TARP-Programm erhält, wohl reichen. Per Ende Juni hatte die Bank 2,1 Bill. Dollar an Assets bei gerade einmal 136 Mrd. Dollar an Kapital. Das neue Kapital macht 1,2 Prozent der Assets aus. Wenn die Preise der Vermögensgegenstände weiter fallen, kann das Insolvenzrisiko schnell weitere Mittelzuflüsse erforderlich machen.

Das amerikanische TARP-Programm kontrastiert zu anderen Hilfspaketen, etwa dem in Großbritannien, vor allem dadurch, dass der Einfluss des Staates auch nach geflossenen Hilfszahlungen gering bleibt. Die anderen Anteilseigner bleiben weitgehend unbehelligt, der Staat gibt sich mit einer Dividendenzahlung von 5 Prozent zufrieden. Zum Vergleich: Warren Buffett bekommt für seinen Einstieg bei Goldman Sachs das Doppelte und kann stimmberechtigte Aktien zum Sonderpreis kaufen.

Der US-Staat vertraut voll darauf, dass die Finanzindustrie das Richtige tut und verantwortungsvoll mit den Mitteln des Steuerzahlers umgeht. Das ist konsequent im Sinne der bisherigen politischen Linie. Von irgendwelchen Plänen, staatlicherseits neue, sinnvolle Rahmenbedingungen zu setzen, hört man nicht viel. Die Betonung liegt auf "Rahmen" - wie viel direkte, operative Eingriffe des Staates bringen, konnte man erst beim kürzlich erlassenen Verbot von Leerverkäufen wieder sehen. Der Crash wurde damit jedenfalls nicht verhindert.

Trotz aller Unterschiede - die Hilfsprogramme weltweit haben eine Gemeinsamkeit. Sie setzen am Finanzbereich an und scheinen, salopp gesagt, von der Erwartung geprägt, dass man die Banken nur so lange mit Geld voll stopfen muss, bis es überläuft und sich seinen Weg in die Realwirtschaft bahnt. Am Beispiel der Entwicklung der Reserven des US-Banksystems wird das sehr deutlich: Sie liegen per September bei fast 103 Mrd. Dollar nach gut 44 Mrd. zu Jahresanfang. Die Reserven sind u.a. die Grundlage für die Kreditvergabe und das Kalkül ist, diese so weit zu erhöhen, dass selbst bei laufendem "deleveraging process" noch Spielraum für vermehrte Ausleihungen bleibt.

Das ist nichts weiter, wie in zig Krisen vorher - die Wirtschaft wird mit Liquidität geflutet. Die Probleme sollen ertränkt werden, gelöst werden sie damit nicht. Ob das dieses Mal auch wieder klappt?

Bei Keynes lief es noch anders - da wurde die Realwirtschaft direkt subventioniert, wodurch schließlich auch der Finanzbereich profitierte. Aber so, wie es heute geht, spiegelt es die vertauschten Rollen wider - die Finanzwirtschaft hat sich vom Diener zum Herren der Realwirtschaft gemausert. Und zunächst muss der Herr gesättigt werden, die Dienerschaft bekommt die Reste.

Vergleichen wir die Bankreserven einmal mit der Entwicklung der monetären Basis M0 einerseits und dem BIP der USA andererseits. Während die Anfang 1994 mit 62 Mrd. Dollar für die folgenden 18 Jahre das Hoch markieren, verdoppelte sich M0 von fast 400 auf 830 Mrd. Dollar per Anfang 2008. Im gleichen Zeitraum stieg das reale BIP von 7,7 auf 11,6 Bill. Dollar, nominal ergab sich eine Verdoppelung auf rund 14 Bill. Dollar.

Wirtschaftsleistung gestiegen, M0 gestiegen, Reserven gesunken - Koloss auf tönernen Füßen, mehr fällt mir dazu nicht ein. Erst mit den zuletzt hochgeschossenen Reserven kommen die Verhältnisse wieder in Richtung 1994 - und ob die damals wirklich solide waren, steht auf einem anderen Blatt.

Die Entwicklung der Reserven, absolut und erst recht in Relation zur Wirtschaftstätigkeit, zeigt sehr schön den kontinuierlich zunehmendem Multiplikator, mit dem die Finanzindustrie in den vergangenen fast zwei Dekaden operierte. Wie heißt es so bezeichnend in einer Mail eines Mitarbeiters der Rating-Agentur Standard & Poor's aus dem Jahre 2006: "Lasst uns hoffen, dass wir beim Zusammenbruch des Kartenhauses alle vermögend und bereits pensioniert sein werden." (zitiert nach www.zeitenwende.ch)

Europäische Nationen mit großen Finanzsektoren stehen in der aktuellen Situation besonders schlecht da, auch weil die hiesigen Hebel der Finanzinstitute immer noch deutlich über denen in den USA liegen (siehe Artikel vom 2. Okt. 2008). Von diesen geht weiterhin eine besondere Gefahr für das globale Finanzsystem aus. Dies erklärt auch, warum die Normalisierung der Geldmärkte in den USA schneller vonstatten geht.

Es mehren sich die Zeichen, dass sich bei den Kreditkarten-Krediten etwas Ähnliches entwickeln könnte wie bei den Subprimes. Hier wurde mit denselben "Werkzeugen" hantiert. Die Ausfälle in diesem Segment steigen von 4,6 im Aug 2007 auf zuletzt 6,8 Prozent, dies spiegelt sich auch in den schlechten Quartalszahlen von Amex wider. Nun könnten JP Morgan Chase oder auch die Bank of America angesteckt werden.

Dann kann der Funke schnell auf den angeschlagenen CDS-Markt überspringen. Hier steigen die Spreads insbesondere bei den Sub-Indices mit einem hohen Anteil an Schwellenländern auf zuletzt über 1000 Basispunkte. Das Risiko-Maß für europäische Unternehmens-Bonds, der itraxx-Crossover, steigt auf 800 Basispunkte, das ist ein Allzeithoch. Die entsprechenden amerikanischen CDX-Pendants stehen dem in nichts nach. Über fünf Jahre gerechnet, kostet damit eine Ausfallversicherung 40 Prozent der versicherten Assets. Teuer - besonders dann, wenn der Versicherer dann auch noch pleite geht.

Dass mit den Quartalszahlen kein "Blumentopf" zu gewinnen ist, ist jetzt klar. Die Unternehmen werden dazu neigen, alles Schlechte in die laufende Berichtssaison reinzupacken. Das werden Aktionäre an irgendeinem Punkt abhaken und sagen: "Es kann nur besser werden." Das kommt, aber ist auch bei der aktuellen technisch völlig ausgebombten Lage nicht zwangsläufig schon erreicht. Insbesondere, wenn neue Horror-Nachrichten aufkommen, dürfte das die Finanzmärkte noch weiter destabilisieren. Und die werden mit den stürzenden Kursen immer wahrscheinlicher.

Die hohe Nervosität spiegelt auch der VIX wider, der in dieser Woche mehrmals die zuletzt sowohl intraday, wie per Schlusskurs aufgestellten Rekorde bei über 80, bzw. 70 getestet hat. Die Auswertung des Verhältnisses SPX/VIX eröffnet zwar allmählich die Chance, dass der hieraus abgeleitete Indikator in Kürze nach oben wendet und dann auch ein bullisches Signal generiert. Aber so weit ist es noch nicht. (Chart in diesem Artikel auf der Web-Seite der TimePattern)

Die Auswertung der Fed-Funds-Futures zeigt eine Wahrscheinlichkeit von 80 Prozent, dass auf dem FOMC-Meeting in der kommenden Woche die Leitzinsen um 0,5 Prozent gesenkt werden. Am Montag lag die Wahrscheinlichkeit noch bei 48 Prozent, vor einer Woche bei 8 Prozent.

Ich kann nicht umhin, noch ein wenig politische Polemik anzuhängen:

Immer mehr Menschen zeigen sich verwundert, wie schnell die Politik in der Lage ist, gigantische Rettungspakete zu schnüren, wo es vorher immer hieß, es sei kein Geld da. So auch beim Anfang dieses Jahrtausends gesetzten Ziel der UN, die Armut in der Welt bis zur dritten Dekade zu halbieren. Erreicht wurde nichts - im Gegenteil. Die Armen dieser Welt werden immer drängender fragen, woran es wohl liegt, dass für sie nichts passiert. Auch im Bildungsbereich - da wird jahrelang erzählt, es sei kein Geld da, und damit unser wesentlicher Standortvorteil leichtfertig aufs Spiel gesetzt.

Mancher Beobachter fürchtet angesichts der Finanz- und Wirtschaftskrise, dass die Preise für Nahrungsmittel deutlich weiter steigen werden. Nun, gegen die zunehmende Schere zwischen arm und reich gibt es ja die im Zuge der Terroristenhatz geschaffenen Gesetze. Davon wird zwar auch keiner satt, aber die Mäuler werden (ver)gestopft.

Weiterhin weder Selbstkritik aus der Finanzbranche, noch sonst Anzeichen, kleinere Brötchen zu backen. Stattdessen arrogante Äußerungen von Ackermann, Chef der DB. Auch die Politik hält nichts von kritischer Rückschau auf ihre eigene Rolle, ihre Willfährigkeit bis hin zu offener Unterstützung den Finanz-Exzessen gegenüber. Das macht "Hoffnung"...


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