30. Aug 2008: US-BIP - wunderbare Nachrichten?
Seit vier Wochen setzen die Aktienbullen auf Zeichen einer wirtschaftlichen Stabilisierung in den USA - und hatten bisher nur mit Widrigkeiten zu kämpfen. Was ihren Glauben aufrecht erhielt, waren die fallenden Ölpreise. Jetzt -ENDLICH- kamen erlösende Nachrichten: Das amerikanische BIP ist im zweiten Quartal mit annualisiert plus 3,3 % stärker gestiegen als erwartet und wurde gegenüber der ersten Vorab-Schätzung von plus 1,9 % kräftig nach oben revidiert.
Träger der besser als erwarteten Entwicklung waren die Verbraucherausgaben, die Exporte und die Entwicklung der Investitionen. Die Verbraucherausgaben stiegen um 1,7 Prozent (vorab geschätzt 1,5 Prozent). Die Exporte legten um 13,2 Prozent auf das Jahr gerechnet zu (vorab geschätzt 9,2 Prozent). Die Brutto-Investitionen sanken im Jahresvergleich um 12 % (vorab geschätzt minus 14, 8%).
Also nichts mit Rezession und Finanzkrise? Werfen wir einen Blick hinter die Kulissen.
Die Verbraucherausgaben schafften es trotz Steuerschecks im Gesamtumfang von jenseits der 100 Mrd. Dollar im zweiten Quartal nicht, über 2 % im Vergleich zum Vorjahr zu wachsen. Im Jahresverlauf 2007 mittelte sich das Wachstum noch auf 2,3 %, Das jüngste Hoch war im Verlauf des Jahres 1999 mit gut 5 % erreicht worden. Das aktuelle Wachstum ist das schwächste 1991.
Das Handelsbilanzdefizit weist jetzt mit 376,6 Mrd. Dollar den niedrigsten Wert der vergangenen acht Jahre auf. Es trug 3,1 Prozent zum BIP-Wachstum bei, die gestiegenen Export waren dabei für 1,65 %, also für mehr als die Hälfte des BIP-Wachstums zuständig. Die rückläufigen Importe beruhen sowohl auf der schwachen Inlands-Nachfrage, wie auf der flachen Produktionsseite, ihr Wachstumsbeitrag ist mit 1,45 % sogar größer als der der Verbraucherausgaben mit 1,24 %.
Die Brutto-Inlands-Investitionen bleiben ein Belastungsfaktor, sie stellen mit minus 1,82 % den größten Negativbeitrag zur BIP-Entwicklung dar. Die Verbesserung gegenüber der Vorab-Schätzung geht im wesentlichen auf die Entwicklung der Lagerbestände zurück, die um annualisiert 49,4 Mrd. Dollar sanken (vorab geschätzt minus 62,2 Mrd. Dollar). Weiterhin belastend zeigt sich der Haussektor, er fiel um annualisiert 15,7 Prozent. Das ist immerhin bezogen auf den Durch schnitt der zurückliegenden drei Quartale von minus 24 % eine Verbesserung.
Unter dem Strich: Die Entwicklung der Inlandsnachfrage zeigt rezessive Tendenzen, die Brutto-Inlands-Investitionen fallen mit einer Rate, die der der beiden zurückliegenden Rezessionen von 2001 und 1991 entspricht. Die Außenhandels-Zahlen haben es für dieses Mal herausgerissen.
Die Zahlen sind Vergangenheit - wie geht es weiter?
Steuerschecks wird es zunächst einmal nicht mehr geben. Obama hat zwar bereits ein weiteres staatliches Anreizprogramm im Umfang jenseits der 100 Mrd. Dollar angekündigt, sollte er zum nächsten Präsident der USA gekürt werden. Der republikanische Gegner wird ähnliches veranlassen. Aber bis dahin ist es noch ein Stück. Und, wie gesehen: Die Steuerschecks haben das Ruder im zweiten Quartal nicht herumgerissen. Immerhin kommt die Sparquote auf 2,4 %. Die Konsumseite wird wohl vorerst schwach bleiben.
Ob die Exporte das US-BIP weiterhin stützen können, ist mehr als zweifelhaft. Die Währungsparität Euro/Dollar sah im zweiten Quartal ihr (vorläufiges?) Topp bei 1,60, im Mittel lag sie bei gut 1,56. Diese Entwicklung liegt auf einer Linie mit dem breiter gefassten Dollar-Index und verschaffte US-Produkten auf den Märkten in der Welt einen bedeutenden Wettbewerbsvorteil. Seitdem allerdings hat sich Euro/Dollar beständig abwärts entwickelt auf zuletzt knapp 1,47. Der Wechselkurs hat verdächtig oft den Pegel von 1,46 im Visier, eine wichtige Marke aus den Jahren 1992 und 1980 (übrigens auch zwei Daten in engem Zusammenhang mit US-Rezessionen). Gleichzeitig mehren sich im Juli die Anzeichen, dass die Wirtschaftsschwäche der USA auf andere Regionen in der Welt übergegriffen hat. So schwächelt jetzt z.B. der EU-Wachstumstreiber Deutschland im Verein mit Frankreich. Beides, die Dollar-Stärke und die Ausbreitung rezessiver Tendenzen in der Welt sind keine guten Vorzeichen für weiteres Export-getriebenes US-Wachstum.
Aus der Dollar-Schwäche im zweiten Quartal resultierte auch eine vergleichsweise günstige Entwicklung der Gewinne der US-Unternehmen. Sie sind im zweiten Quartal auf 1,361 Bill. Dollar angestiegen, das sind annualisiert 3,9 Prozent mehr als im ersten. Im Jahresvergleich aber sind sie um 5,9 Prozent gesunken, nach minus 3,1 % im ersten Quartal. Damit sind jetzt Werte erreicht wie kurz vor und kurz nach der Rezession 2001.
Das reale Brutto-Inlands-Einkommen, die von der Fed beachtete Größe GDI, zeigt für das zweite Quartal einen Anstieg um 1,9 % nach zuvor zwei Quartalen in Folge mit negativem Wachstum. Auch das lässt vermuten, dass die US-Wirtschaft deutlich schwächer wächst, als die jüngsten BIP-Daten nahe legen. So beträgt denn auch im Jahresvergleich das Wachstum des annualisierten BIP im zweiten Quartal nur noch 2,2 % nach plus 2,5 % im ersten.
Die am Freitag veröffentlichten US-Zahlen für die persönlichen Auslagen und Einkommen im Juli untermalen den eher negativen Ausblick. Im Jahresvergleich fiel das persönliche Einkommen auf plus 4,2 % nach plus 5,5 % im Juni. Die PCE-Inflation sprang auf plus 4,5 % Jahresrate von plus 4,0 % im Vormonat, die Kernrate stieg von 2,3 auf 2,4 %. Das führt dazu, das die realen Auslagen im Juli um 0,4 % gesunken sind, nach minus 0,1 % im Juni.
Da die zuletzt im Quartalsvergleich günstige BIP-Entwicklung in den USA besonders von den Exporten profitierte, lohnt ein Blick auf die wirtschaftlichen Perspektiven in anderen Teilen der Erde. Nouriel Roubini führt in einem Beitrag für www.project-syndicate.org aus, alle G7-Mitgliedsstaaten entweder in oder nahe an einer Rezession stehen. Andere entwickelte Länder, wie der Rest der Euro Zone; Neuseeland, Island, sowie einige osteuropäische Wirtschaftsgebiete näherten sich ebenfalls einer rezessiven harten Landung. Die hinlänglich bekannten Gründe reichten von der platzenden Kreditblase über den negativen Wohlstandseffekt aus fallenden Immobilien- und Aktienpreisen, über den Stagflations-Effekt hoher Rohstoffpreise bis hin zu den internationalen Auswirkungen der US-Wirtschaftsschwäche, die immer noch für 30 % des weltweiten BIP steht.
Hinsichtlich der USA bekräftigt Roubini, dass die Wirtschaft im ersten Quartal 2008 in eine Rezession abgerutscht ist, Im zweiten Quartal habe sie sich zwar dank Steuerschecks wieder etwas erholen können, aber das formiere nur einen W-förmigen Verlauf ("double-dip").
Wenn sich die rezessive Entwicklung in den entwickelten Wirtschaftsräumen auf der Welt vollzieht, habe das deutliche Konsequenzen für Brasilien, Russland, Indien und China, sowie andere "emerging markets". Der globale Abschwung werde die Preise für Energie und Rohstoffe von der Spitze aus gesehen um bis zu 30 % drücken, schreibt Roubini, Das würde die Stagflations-Effekte zwar etwas reduzieren, andererseits seien längst Zweitrunden-Effekte angelaufen, durch die sich inflationäre Tendenzen verselbstständigen und den Reaktionsspielraum der Geldpolitik der Notenbanken zunächst einschränken könnten.
Zum Jahresende hin werde die Inflation in den entwickelten Wirtschaftsräumen jedoch abnehmen, da die kontrahierenden Produktmärkte die Preismacht der Unternehmen reduzieren und steigende Arbeitslosigkeit das Wachstum der Löhne in Schach hält. Die Rezession entwickele sich außerhalb der USA aber zu langsam, der Preisdruck bleibe daher zu lange hoch, so dass die Notenbanken dort zu spät und zu schwach reagieren würden, wodurch sich u.a. auch die Kreditkrise in den betroffenen Ländern weiter verschärft.
Was machen die amerikanischen Aktienmärkte aus der BIP-Entwicklung? Nachdem sie im Verlauf der zurückliegenden Woche in freudiger Erwartung vorgelaufen waren und das Ereignis am Donnerstag gebührend gefeiert hatten, gingen sie am Freitag wieder auf Tauchstation. Katalysator dürfte zum einen das um den Labour Day verlängerte Wochenende sein, zum anderen haben die am Freitag veröffentlichten Daten zu den persönlichen Auslagen und Einkommen (s.o.) dem aufgekommenen Optimismus einen kräftigen Dämpfer verpasst.
Charttechnisch dürfte eine Rolle gespielt haben, dass der S&P 500 per Schlusskurs am Donnerstag gerade wieder die Untergrenze eines Bärkeils erreicht hatte, aus dem er am Montag erst herausgefallen war. Die Nachrichtenlage ließ sich nicht gut genug interpretieren, um Gründe für weiteren Kursgewinn zu liefern und so endete die Woche mit einem Minus. Das Volumen war sowieso dünn, seine Entwicklung stützte die Kursentwicklung kaum. Zudem befindet sich der S&P 500 seit Mitte der Vorwoche in Distribution, was bedeutet, dass große Adressen der Seitenlinie gerne ihr zuvor seit Mitte Juli akkumuliertes Material überlassen möchten - wenn möglich natürlich zu hohen Preisen. Die Kehrseite der Medaille ist die, dass in einer solchen Situation die Verkaufsneigung häufig zu deutlichen Kursverlusten führt - dann nämlich, wenn die Seitenlinie nicht so mitspielt wie gedacht.
Überhaupt, der Labour Day: Der erste US-Feiertag im September markiert üblicherweise das Ende der Ferienzeit mit den fortlaufend ausdünnenden Volumina und zunehmend erratischeren Kursen. In diesem Jahr darf man besonders gespannt sein, was aus der makroönomischen Vorlage gemacht wird (die bei Licht betrachtet -siehe oben- wenig hält, von dem, was sie verspricht). Vor einem Jahr befanden sich die Aktienmärkte nach dem scharfen Einbruch als Folge des Ausbruchs der Kreditkrise am Beginn einer Akkumulationsphase, die bis Anfang Oktober anhielt und kurz vor dem Allzeithoch im S&P 500 bei 1565 endete.
Behalten Sie den kommenden Freitag im Auge, wenn die amerikanischen Arbeitsmarktdaten für August veröffentlicht werden. Zwar sind die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe in der zurückliegenden Woche um 10.000 auf 425.000 gefallen, auch der vier-Wochen-Schnitt sinkt um 6.000 auf 440.250. Aber mittlerweile beziehen 3,423 Millionen Amerikaner Arbeitslosenhilfe, 64.000 mehr als in der Vorwoche. Das ist nahe an einem fünf-Jahres-Hoch. Ihre Zahl ist binnen Monatsfrist sogar um 326.000 angestiegen. Das könnte ein düsteres Omen sein. Bis jetzt sind im laufenden Jahr fast eine Million Jobs abgebaut worden.
Und noch etwas: Nach einer aktuellen Umfrage ist das Vertrauen der US-Bevölkerung hinsichtlich des Arbeitsmarktes auf Werte gesunken wie in der Rezession 2001.