Harari: Welt im Ausnahmezustand

In der Neuen Zürcher Zeitung schreibt Yuval Noah Harari unter der Überschrift „In der Corona-Krise stellen wir die Weichen für die Zukunft: Wir müssen den Totalitarismus bekämpfen und den Bürgersinn stärken“ (h/t J.K.): „Die Pandemie trifft die Welt in einer heiklen Phase: Biometrische Technologien, welche die Seuche einzudämmen versprechen, ermöglichen eine tiefgreifende Massenüberwachung. Doch wir brauchen unsere Freiheit nicht aufzugeben, um unsere Gesundheit zu bewahren. Dazu gibt es andere Mittel.“

Der Artikel ist zuerst in der „Financial Times“ erschienen. Die deutsche Version kann unter diesem Link eingesehen werden. Nachfolgend gebe ich eine Zusammenfassung.

Harari sieht die Welt im Ausnahmezustand, nicht selten verfestigen sich Notmassnahmen zu dauerhaften Regierungsmustern, warnt er: „Die Entscheide, die wir in den nächsten Wochen treffen, prägen die Welt wohl auf Jahre hinaus. Sie ändern nicht nur unser Gesundheitssystem, sondern auch die Wirtschaft, die Politik und die Kultur.“

Er schreibt weiter: „Wenn wir zwischen Alternativen wählen, müssen wir uns nicht nur fragen, wie wir gegen die akute Bedrohung kämpfen können, sondern auch, in welcher Welt wir leben, wenn der Sturm vorüber ist.“

Krisen spulen historische Prozesse im Schnellgang vorwärts. Entscheidungen, für die es in normalen Zeiten jahrelange Diskussionen braucht, fallen jetzt innerhalb von Stunden. Ganze Staaten dienen als Versuchskaninchen in grossangelegten sozialen Experimenten.

Wir sind vor die Entscheidung gestellt, ob wir totalitäre Überwachung oder republikanische Bürgerrechte wollen. Auch müssen wir wählen zwischen nationalistischer Isolation und globaler Solidarität.

Die heutige Technik erlaubt es zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte, alle Leute permanent zu überwachen. Die Regierungen brauchen keine Agenten und Spitzel mehr, sie nutzen allgegenwärtige Sensoren und allmächtige Algorithmen. Diese Technik kommt nicht nur im Fernen Osten zum Einsatz, schreibt Harari: „Der israelische Ministerpräsident Netanyahu ermächtigte den Geheimdienst, Überwachungsinstrumente, die er gewöhnlich für den Kampf gegen Terroristen braucht, zum Tracken von Viruskranken zu verwenden. Als sich die zuständige Parlamentskommission weigerte, diese Massnahme zu bewilligen, rammte Netanyahu sie mit einem «Notstandserlass» durch.“

In den letzten Jahren haben Regierungen und Konzerne immer ausgeklügeltere Technik zur Verfolgung und zur Manipulation von Menschen eingesetzt. Diese Epidemie könnte sich als wichtige Wasserscheide in der Geschichte der Überwachung erweisen, „…weil sie eine dramatische Transition von der Überwachung «über der Haut» zu jener «unter der Haut» bedeuten würde“, so Harari.

Wenn Konzerne und Regierungen mit der Begründung, sie möchten uns Sicherheit vor der Ausbreitung einer Infektion geben, unsere biometrischen Daten umfassend scannen, dann „… lernen sie uns besser kennen, als wir uns selber kennen, und sie können dann unsere Gefühle nicht nur identifizieren, sondern auch manipulieren und uns andrehen, was sie wollen, ob Produkt oder Politiker,“ so Harari. „Stellen wir uns Nordkorea im Jahr 2030 vor, wenn jeder Bürger rund um die Uhr ein Armband tragen muss. Wer eine Rede des Grossen Führers anhören muss und per Armband seinen Ärger verrät, der ist erledigt.“

Harari weiter: „Natürlich lässt sich einwenden, die biometrische Überwachung solle es nur als temporäre Massnahme im Notstand geben. Sobald die Krise überwunden sei, werde sie aufgehoben. Aber temporäre Massnahmen haben die Eigenheit, den Notstand zu überdauern, weil ja stets ein neuer Notstand am Horizont droht.“

Selbst wenn die Infektionen durch das Coronavirus irgendwann erledigt sind, könnten Regierungen argumentieren, biometrische Überwachungssysteme würden weiter gebraucht, weil eine zweite Welle möglich sei oder irgendeine andere gesundheitliche Bedrohung komme. Und, so Harari, „…Menschen, die zwischen Freiheit und Gesundheit wählen müssen, entscheiden sich gewöhnlich für die Gesundheit.“

Entweder Freiheit oder Gesundheit – das ist die falsche Wahl. Harari: „Wir können unsere Gesundheit schützen und die Epidemie stoppen, indem wir den Bürgern nicht ein totalitäres Überwachungsregime aufzwingen, sondern sie ermächtigen.“

Südkorea, Taiwan und Singapur haben in den zurückliegenden Wochen erfolgreiche Anstrengungen zur Eindämmung der Corona-Epidemie unternommen. Dort wurden zwar auch Tracking-Apps eingesetzt, aber vor allem wurde auf aufwendiges Testen, auf ehrliches Reporting und auf die willige Kooperation einer wohlinformierten Bevölkerung gesetzt.

Wenn die Bürger die Fakten kennen und den Regierungen vertrauen, dann tun sie das Richtige, ohne dass ihnen Big Brother über die Schulter schauen müsste. „Eine eigenverantwortliche, aufgeklärte Bevölkerung bringt gewöhnlich viel mehr zustande als eine unwissende und gegängelte,“ so Harari.

Das unbedingt notwendige Vertrauen in Wissenschaft, Behörden und Medien haben unverantwortliche Politiker in den zurückliegenden Jahren bewusst untergraben. „Jetzt könnten dieselben Politiker in Versuchung geraten, die Schnellstrasse zum autoritären Staat zu nehmen, indem sie behaupten, wir könnten nicht darauf vertrauen, dass die Leute von sich aus das Richtige täten,“ warnt Harari. Gerade in Krisenzeiten könne verloren gegangenes Vertrauen der Menschen in Wissenschaft, Behörden und Medien aber rasch wieder aufgebaut werden.

Die zweite wichtige Entscheidung, zu der uns die gegenwärtige Situation zwingt, ist die zwischen nationalistischer Isolation und globaler Solidarität. Die Epidemie und die folgende Wirtschaftskrise sind globale Probleme, die nur mit globaler, vertrauensvoller Zusammenarbeit gelöst werden können. Die erforderliche globale Kooperation ist angesichts der globalen Arbeitsteilung auch in ökonomischen Angelegenheiten erforderlich.

Harari: „Unglücklicherweise tun die Staaten derzeit kaum etwas. Eine kollektive Lähmung hält die internationale Gemeinschaft im Griff. (…) Die Leader der G-7 führten aber erst letzte Woche eine Videokonferenz, und sie kamen zu keinem Plan.“

[Copyright © Yuval Noah Harari 2020. Die Originalfassung dieses Beitrags erschien in der «Financial Times». Die deutsche Übersetzung ist in der «Neuen Zürcher Zeitung» erschienen.]

Über den Autor:
Yuval Noah Harari wurde 1976 in Haifa, Israel, geboren. Nach Promotion an der Oxford University lehrt er derzeit an der Hebrew University in Jerusalem und beschäftigt sich mit Weltgeschichte und makrohistorischen Prozessen. Sein Weltbestseller „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ wurde in fast 40 Sprachen übersetzt.

Das könnte Sie auch interessieren:

Noch keine Stimmen.
Bitte warten...
Schlagwörter: ,