Wachstum – Demographie – Ökologie

Thema Wachstum – in den USA stieg das BIP im ersten Quartal in der endgültigen Fassung um lediglich annualisiert 1,4%, in Deutschland warnen Stimmen vor Konjunkturüberhitzung. Während sich in der Eurozone aktuell nach Jahren weitgehender Stagnation eher eine zyklische Belebung abzeichnet, bestätigt sich in den USA der seit der Jahrtausendwende graduell feststellbare und sich seit der Finanzkrise verstärkende Trend einer strukturellen Wachstumsschwäche.

Das Rezept dagegen ist spätestens seit Keynes immer das gleiche: Vorgeschlagen werden staatliche Konjunkturprogramme, Subventionen, Steuersenkungen, sowie auf der geldpolitischen Seite Zinssenkungen und Geldschöpfung. Reformen sollen die Märkte entfesseln und von Verkrustungen befreien. Die EU ist schon lange auf den „Trick“ verfallen, in neuen Beitrittsländern Industrieansiedlungen zu subventionieren und so die Löhne im gesamten Gebiet unter Druck zu halten. Zuletzt setzte man Hoffungen in Zuwanderung.

Besondere Wachstumsimpulse konnten diese Maßnahmen alle nicht produzieren. Die BIP-Zuwächse in den entwickelten Volkswirtschaften sinken, die Schulden nehmen hingegen zu. Gleichzeitig kommt es zunehmend zu von der offiziellen Politik unerwarteten und unerwünschten Konsequenzen auf sozialer, kultureller und ökologischer Ebene. Eine durchaus erwünschte (und beabsichtigte) Nebenwirkung ist der Auftrieb vieler Asset-Preise durch die Geldflut der Zentralbanken.

Bisher galt immer das Credo „Wachstum ist alles – ohne Wachstum ist alles nichts“. Für die vorherrschende Ideologie ist Wirtschaftswachstum eine heilige Kuh, an dem Glauben daran wird nicht gerüttelt. Wie sehr die Wachstumsreligion zu den Grundfesten unserer Gesellschaft gehört, zeigt dass „angemessenes Wachstum“ gesetzlich und institutionell verankert ist, z.B. im deutschen Stabilitätsgesetz von 1967.

Mit dieser quasi-religiösen Einstellung zum Wachstum werden immer die gleichen Maßnahmen angewendet. Und wenn frühere maßvolle Dosen davon nicht mehr helfen, wird eben geklotzt statt gekleckert – siehe die Geldflut der großen Notenbanken. Dabei hat das Beispiel Japan seit den 1990er Jahren klar deren Wirkungslosigkeit hinsichtlich nachhaltigen Wachstums vor Augen geführt (siehe z.B. hier!).

Das Streben nach immer gleichen Wachstumsraten bedeutet, eine Jahr für Jahr immer größere Masse an Gütern zu produzieren, so dass sich das BIP exponentiell entwickelt. Dies beinhaltet für sich selbst schon den Kern des Scheiterns einer Politik endlosen Wachstums. Wirtschaftswachstum ist auf einem begrenzten Planeten nur im Rahmen der Regenerationsfähigkeit seiner Ökosysteme möglich.

Wird dieser Zusammenhang missachtet, führt das zu veränderten globalen Rahmenbedingungen, die ökonomisch gesehen die volkswirtschaftlichen Kosten stark erhöhen. Eine „altvordere“ Wirtschaftspolitik, die versucht, die betriebswirtschaftlichen Kosten weiterhin gering zu halten, muss dann einen immer größeren Teil dieser Kosten dem Staat und damit den Bürgern aufbürden.

Natürlich ist nicht genau zu bestimmen, wo der Punkt liegt, ab dem das Wirtschaftswachstum den vom Planeten gesetzten Rahmen überspannt – zum einen, weil man diesen nicht genau kennt. Zum anderen mildert eine ökologischere Art zu wirtschaften die Spannung zwischen den beiden Polen ab. Es ist prinzipiell denkbar, dass künftige Innovationen helfen können, Armut zu beseitigen und Umweltprobleme zu lösen.

Aber alleine das immer noch weitergehende Bevölkerungswachstum auf der Welt verschärft die Situation schon jeden Tag weiter. Daher sollte man im Zweifel eher auf die Begrenztheit der Rahmenbedingungen unseres Planeten schauen als auf Wachstum um jeden Preis zu setzen. Das ist seit der Aufkündigung des Pariser Klimaschutzabkommens durch die US-Regierung unter Trump nur noch drängender.

Wenn das Wachstum aus Gründen schwindet, die sich den überkommenen Maßnahmen entziehen, muss man entweder neue er- oder sich mit dem Unvermeidlichen abfinden. Wenn das aber unvermeidlich ist – welche langfristigen strukturellen Ursachen hat die Wachstumsschwäche? (Zu Entwicklung von Welthandel und Welt-BIP siehe z.B. hier!)

Der Demograph Reiner Klingholz und sein Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung versuchen in einer neuen Studie eine Antwort auf diese Frage. Wachstum, so wie wir es kennen, gibt es erst seit wenigen Jahrhunderten, heißt es. In der Anfangsphase der wirtschaftlichen und industriellen Enwticklung war es eng mit dem Bevölkerungswachstum verknüpft. Mehr Menschen bedeuteten mehr Konsumenten, Produzenten und Innovationskräfte. Die steigende Nachfrage trieb das Wachstum an.

Jetzt aber wird der demographische Wandel zum Wachstumshemmnis Nr. 1. Wenn die Kinderzahlen gesunken und die letzten geburtenstarken Jahrgänge ins Erwerbsalter hineingewachsen sind, steht der Gesellschaft eine überproportional große Zahl von Produktivkräften zur Verfügung. Weil dann anteilsmäßig nicht nur weniger Kinder zu versorgen sind als zuvor, sondern weil es auch noch nicht so viele von der Gesellschaft abhängige Ältere gibt, können die Erwerbsfähigen bei ausreichender Qualifizierung und genügend Arbeitsplätzen auch erwerbstätig werden und so einen regelrechten Wirtschaftsboom auslösen. Diese demografische Dividende ist aber ein Einmaleffekt, dieses Zeitfenster steht jeder sich entwickelnden Volkswirtschaft nur etwa 40 Jahre offen.

Deutschland und alle entwickelten Volkswirtschaften haben das längst hinter sich. Der Anteil der nicht mehr produktiven, abhängigen Älteren steigt jetzt rapide an. Japan mit der weltweit stärksten demographischen Alterung macht es seit zwei Jahrzehnten vor. Mitte der 1990er Jahre erreichte die Gruppe der Ausbildung- und Erwerbsfähigen ihre Maximum. Setdem steigt die Anzahl der über 64-jährigen unaufhörlich. Aber auch in den sich entwickelnden Ländern schließt sich das Zeitfenster der demographischen Dividende bald. Die armen Länder sind jetzt die letzte Hoffnung dafür, dass von deren Entwicklung Wachstum auf die Industrienationen überschwappt.

Zum Thema Demographie und Wachstum siehe auch hier!

Das Wachstumshemmnis Nr. 2 ist der Studie zufolge, dass die Produktivität, verstanden als Verhältnis zwischen produzierten Gütern und Aufwand, immer langsamer steigt. In den USA haben sich die Steigerungen der Arbeitsproduktivität zwischen 2005 und 2015 mit 1,3% gegenüber der Phase zwischen 1995 und 2004 mit 2,8% mehr als halbiert.

Der Ökonom Robert J. Gordon erklärt das damit, dass die wesentlichen Erfindungen ihre Wirkung bereits vor längerer Zeit entfaltet haben, aktuelle Neuerungen sind zwar groß in ihrer Anzahl, aber eher bescheiden in ihrer Wirkung. Heutige Unternehmen werfen demnach weniger innovative Produkte auf den Markt, die ihnen die Verbraucher aus den Händen reißen.

Im Gegensatz dazu vertritt Lawrence „Larry“ Summers in seiner Theorie von der säkularen Stagnation die Meinung, seit der Finanzkrise werde zu viel gespart und zu wenig investiert. Der Staat müsse mit Investitionen in Infrastruktur, Forschung und Bildung einspringen – ein altbekanntes Reaktionsmuster.

Eine weitere Erklärung liegt in der immer stärkeren Dienstleistungs-Orientierung. Da die Möglichkeiten, Dienstleistungen zu automatisieren, schlechter sind als in der Produktion, sinken die Produktivitäts-Zuwächse mit wachsendem Anteil des Service-Sektors.

Und wenn die Digitalisierung in immer höher qualifizierte Berufe vordringt, könnte die Produktivität zwar einen erneuten Schub bekommen. Aber diese Entwicklung könnte sehr negative Nachfrageeffekte nach sich ziehen, und zwar dann, wenn keine neuen Berufe mit hoher Qualifikation in ausreichender Anzahl entstehen.

Theoretisch könnte die Produktivität zwar so stark steigen, dass sie die negativen Effekte des demographischen Wandels kompensiert. Aus heutiger Sicht scheint das aber wenig wahrscheinlich. Die Digitalisierung begünstigt den Trend zu „immateriellen“ Gütern, es wird vergleichsweise wenig in Maschinen und physische Vorprodukte investiert und vergleichsweise wenig Personal benötigt.

Das Wachstumshemmnis Nr. 3 ist die wachsende Ungleichheit in der Gesellschaft (siehe z.B. hier!). Einkommen und Vermögen verteilen sich immer ungleicher. Höhere Einkommensgruppen profitieren immer stärker, einkommensschwache Haushalte werden immer mehr abgehängt. Die Konsumquote der weniger Verdienenden ist vergleichsweise hoch, wenn ihr Nachfragepotenzial sinkt, drückt das das gesamtgesellschaftliche Wachstumspotenzial. Das wird durch die Entwicklung der besser Verdienenden ab einem bestimmten Punkt nicht mehr ausgeglichen und so sinken die BIP-Wachstumsraten.

Das Wachstumshemmnis Nr. 4 betrifft Bremseffekte durch ökologische Schäden. Zerstörerische ökologische Nebenwirkungen bremsen das Wirtschaftswachstum bereits und werden künftig womöglich katastrophale Folgen haben. Laut „Stern-Report“ aus dem Jahre 2006 belaufen sich die langfristigen jährlichen Kosten eines ungebremsten Klimawandels auf mindestens fünf Prozent des globalen BIP. Das würde aus heutiger Sicht bereits zu Negativ-Wachstum führen.

Die beschriebenen vier Faktoren treten zusammen auf und verstärken sich teilweise gegenseitig. So ist der demographische Wandel Ergebnis des Wohlstands, besserer Bildung und Gesundheit. Die Reproduktionsrate fällt damit zusammenhängend aber unter das bestandserhaltende Niveau und die Lebenserwartung steigt. Das Renteneintrittsalter müsste im gleichen Masse steigen, um die Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaft zu erhalten. Vereinfacht heißt es in der Studie: Weil es den Menschen immer besser geht, verlangsamt sich das Wirtschaftswachstum.

Dieser strukturelle Wandel ließe sich umkehren durch einen Innovationsschub oder auch durch kriegerische Zerstörung. Neuaufbau nach Kriegen oder Katastrophen verschaffte immer schon die größten Wachstumsschübe. Auf jeden Fall versagen gegen diese strukturellen Hemmnisse die politischen Instrumente, die das Ende des Zeitalters des Wachstums mit einer Konjunkturdelle verwechseln, so die Studie.

Der Verweis auf die Rolle der Innovationen führt zur aus meiner Sicht zutreffenden Theorie der langen Wirtschaftszyklen von Kondratieff (siehe z.B. hier!). Diese beschreibt sehr klar die Rolle, die zentrale Erfindungen im gesamten wirtschaftlichen, sozialen, finanziellen und politischen Geschehen innerhalb einer Episode von jeweils rund sechs Dekaden spielen. Die Studie von Klingholz und Kollegen stellt sich im Vergleich dazu als zeitlich übergeordnet dar, bei der die Kondratieff-Zyklen nur einen Umstand in der Wachstumsentwicklung beschreiben, die ansonsten wesentlich von der demographischen und der ökologischen Entwicklung geprägt ist.

Die Studie schlägt einen „Plan B“ einer „ökosozialen Marktwirtschaft“ vor. Damit will ich mich in einem weiteren Beitrag beschäftigen.

(Die Studie mit zahlreichen Charts und vielen Fakten kann hier eingesehen werden!]

Nachtrag:
(17.6.18) Auf dieser Webseite kann die Bevölkerungsentwicklung mit Prognosen bis 2050 für viele Länder der Erde angesehen werden – Worldlifeexpectancy

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