Teure Spione

In den zurückliegenden fünf Handelstagen haben die Aktien der fünf größten US-Technologie-Unternehmen so viel an Marktkapitalisierung verloren, dass man davon den weltgrößten Flugzeugbauer Boeing kaufen könnte. Die Kurse von Apple, Amazon, Facebook, Google, Microsoft haben intraday bis zu 10% nachgegeben. Heute, am sechsten Tag, scheint die Rutsch-Partie noch nicht beendet.

Diese Aktien waren zuvor über weite Strecken für die Out-Performance des technologielastigen Nasdaq-Index verantwortlich. Sie sind auch Schwergewichte z.B. im S&P 500. Beobachter glauben, dass es sich bei dem Kursrutsch um Gewinnmitnahmen handelt. Mag sein, dann zeigt sich hierbei ein weiteres Mal, was geschieht, wenn es am Börsenausgang eng wird. Die Titel sind immer noch sehr hoch bewertet.

Mit Facebook, Amazon und Google sind in dieser Gruppe Unternehmen vertreten, die potentiell die größte Bedrohung für die Privatspäre darstellen.

Facebook jedenfalls kennt die Nutzer und ihre Freunde in- und auswendig, ihre Vorlieben und Abneigungen, es kennt vielerlei sonstige Verflechtungen zwischen den Nutzern des Netzwerks. Mit Sicherheit lassen sich aus diesen Daten auch politische Ausrichtungen ableiten.

Amazon kennt die Einkaufsgewohnheiten seiner Nutzer, welche Literatur sie vorziehen, welche Filme sie sehen, welche Vitaminpräperate sie nachfragen und vieles andere mehr. Auch das erlaubt mittels Data-Mining ein klares Bild über die Kunden des grössten Internet-Einzelhändlers der Welt.

Google kennt alle Suchbegriffe, nach denen jemals gesucht wurde und kennt meist auch die Personen dazu. Auch mit diesen Daten und dem Wissen, was der Suchende sonst noch angeclickt hat, lassen sich aussagekräftige persönliche Profile konstruieren. Ganz zu schweigen vom „geschwätzigen“ Android-Betriebssystem.

Apple kann man getrost ebenfalls hier einreihen – das Unternehmen spielt in der Lieferung von medialem Content eine herausragende Rolle, und was es (dabei) an weiteren Erkenntnissen über die Nutzer seiner Mobiltelephone gewinnt – wer weiss.

Die NSA überwacht den Datenverkehr der Server dieser Unternehmen. Nicht nur den, sondern den aller Amerikaner, sowie den von Freund und Feind der USA im Ausland. Die Enthüllungen von Edward Snowden zeigen, dass die Überwachung in den USA umfassender ist als in jedem totalitären Land. Die Berechtigung zur Zerstörung der (elektronischen) Privatspäre kommt vom „Kampf gegen den Terror“ – der sogenannte Patriot Act ging geräuschlos durch den US-Kongress und legalisiert diese Praxis seit vielen Jahren.

Also kennt die US-Regierung jeden ihrer Bürger und ihre Beziehungen untereinander, sie kennt ihre politischen Einstellungen und sonstigen Vorlieben. Macht nichts, kann man sagen, ich habe mir nichts vorzuwerfen. Mag sein, aber wenn ich nach Hause gehe, mache ich auch die Türe zu, ich möchte nicht, dass jemand aus- und eingeht, um zu beobachten, was ich da tue.

Schlimmer: Wenn eine Regierung das Ruder übernimmt, die, sagen wir mal, weniger wohlwollend ist als die bisherige, dann weiß auch diese Regierung alles. Durch die mobilen Telekommunikationsgeräte wird praktisch jeder Aspekt unseres Lebens aufgezeichnet. Und kann gegen missliebige Bürger verwendet werden. Und wenn diese andere Regierung restriktiver wird, die bürgerlichen Rechte immer weiter einschränkt, wird das, was man sich im legalen Sinne nicht vorwerfen kann, immer weniger. Womit sich dann das obige Argument selber ad absurdum führt.

Ich finde den Zusammenhang interessant zwischen der Kursentwicklung, bzw. dem Gewicht (nach Marktkapitalisierung), und der Rolle, die diese Unternehmen beim „Erkenntnisgewinn“ über die Bürger spielen. Diese Unternehmen sind nach dem „too big to fail“ der Großbanken „too important to fail“. Ihre Profitabilität spielt dabei eine untergeordnete Rolle, sie sind so wichtig, dass sie nicht scheitern werden.

Ist es Zufall, dass diese Unternehmen im Fokus der Wall Street stehen?

[Unter Verwendung von Material aus „The 10th Man – 1984 Was a Warning, Not an Instruction Manual“]

Ergänzung:
Hier wird dargestellt, wie hoch der Anteil der genannten Aktien am Kursgewinn von NDX und S&P 500 seit Jahresbeginn ist (55%, bzw. 37%).

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