Timothy Snyder – 20 Thesen gegen Tyrannei

Timothy Snyder warnt uns vor einem drohenden Rückfall in düstere Zeiten. Der bekannte Historiker befasst sich in seinem neuen Buch „Über Tyrannei“ mit rechtspopulistischen „Führern“. Trump wird mit keiner Silbe erwähnt und ist doch auf jeder der 126 Seiten präsent. Snyder entwickelt 20 Lektionen für den Widerstand.

Die erste lautet: „Leiste keinen vorauseilenden Gehorsam.“ Darin warnt Snyder, dem Autoritarismus aus freien Stücken einen Großteil der Macht zu übereignen. Wenn sich genügend Menschen freiwillig in den Dienst der neuen Führung stellen, erkennt sie erst, wie schnell sie einen vollständigen Regimewechsel umsetzen kann, warnt er. Die letzte Lektion ist die logische Konsequenz der 19 Thesen zuvor: „Sei so mutig wie möglich“. Snyder führt aus: „Wenn niemand von uns bereit ist, für die Freiheit zu sterben, dann werden wir alle unter der Tyrannei umkommen.“

Im Prolog bezeichnet Snyder die Geschichte der modernen Demokratie als die von Verfall, Untergang und dem Zusammenbruch moralischer Werte. Ganz gewöhnliche Menschen hätten im 20. Jahrhundert plötzlich mit einer Waffe in der Hand an Todesgruben gestanden. Snyder fragt nach dem warum. Faschismus und Kommunismus seien Reaktionen auf die Globalisierung, auf durch sie geschaffene reale oder eingebildete Ungleichheiten. Die Faschisten lehnten Vernunft ab und leugneten die objektive Wahrheit (die heutigen „Fake-News“ also), sie beschworen stattdessen einen Mythos von der Verschwörung gegen die Nation. Die Kommunisten verfolgten ein Herrschaftsmodell, in dem eine Parteielite das Monopol auf die Vernunft hat und so die Gesellschaft entlang historischer Gesetzmäßigkeiten in eine wunderbare Zukunft führt.

Beide Richtungen führten zur Abschaffung der Demokratie. Die Amerikaner sind heute nicht klüger als die Europäer im 20. Jahrhundert, aber sie könnten aus den noch frischen Erfahrungen lernen, schreibt Snyder und ordnet diese Lehren in 20 Kapiteln.

Eine solche Lektion lautet „Verteidige die Institutionen“. Snyder warnt davor, zu meinen, Machthaber, die durch Institutionen des demokratischen Staates an die Macht gekommen sind, könnten genau diese nicht verändern oder abschaffen. Gerichte, Gesetze und Gewerkschaften schützen sich nicht selbst, das ist Aufgabe der Bürger. Ein Blick etwa nach Polen oder Ungarn zeigt, wie dort legal an die Macht gekommene Regierungen die Institutionen und Rechtsgrundlagen kastrieren.

Im Epilog entwickelt er seine Kritik an zwei politischen Geisteshaltungen, die gleichermassen fatal sind in Bezug auf den Fortbestand der Demokratie. Da ist zum einen die Politik der Unausweichlichkeit, ein Konzept, in dem die Geschichte wie auf Schienen läuft, die Globalisierung sich immer weiter entwickelt, der Wohlstand stetig wächst. Und die immer weiter um sich greifende Vernunft lässt keine Alternative zum eingeschlagenen Weg zu. Zum anderen ist da die Politik der Ewigkeit, die die Vergangenheit mystifiziert, indem sie der Nation eine immerwährende Opferrolle andichtet. Ein permanentes Bedrohungsszenario verhindert Zukunftsplanung und so geht es in der praktischen Ewigkeits-Politik eher um Gut und Böse und weniger um mögliche Lösungen für reale Probleme.

Die erste Geisteshaltung ist wie ein Koma, schreibt Snyder, die zweite ist wie eine durch die Leier des endlos vorgetragenen Mythos erzeugte Hypnose, die die Bürger zunächst ebenso „bewusstlos“ hält. Beide bedingen die Untätigkeit des einzelnen Bürgers. Seine Indifferenz, die schweigende, inaktive, amorphe Mehrheit ist nach Hannah Arendt Grundbedingung für das reibungslose Funktionieren dessen, was wir mit Demokratie bezeichnen.

Snyder sieht die USA der Gefahr ausgesetzt, von der Politik der Unausweichlichkeit mit ihrer naiven, mangelhaften Form der Demokratie zur Politik der Ewigkeit überzugehen mit einer konfusen und zynischen Form von Oligarchie. Die Politik der Unausweichlichkeit ist schockanfällig. Ist der Schock erst groß genug, scheint das, was bisher noch alternativlos vorgezeichnet war, plötzlich zerbrochen. Die Masse der Bürger, die vorher untätig war, weil ja der Fortschritt unausweichlich war, kann es zunächst bleiben im Umschwenken auf die Geisteshaltung der die Geschichte hypnotisch um denselben Vergangenheitsmythos kreisen lassenden Ewigkeitspolitik. Bis der Führer sie schließlich „zu den Waffen“ ruft und das tun lässt, was er befielt.

Hitler wusste sehr genau um die Wirksamkeit eines großen Schocks, einer plötzlichen Katastrophe. Der Reichstagsbrand von 1933, ob von den Nazis selbst gelegt oder nicht, bot den willkommenen Anlass für die Abschaffung der Gewaltenteilung, die Auflösung von Oppositionsparteien, die Einschränkung der Meinungsfreiheit und sonstiger Rechtsstaatlichkeit. Heutzutage bieten terroristische Anschläge die willkommene Gelegenheit zur allumfassenden Kontrolle der Bürger. Vor wenigen Tagen erst hat die britische Premierministerin May gesagt, zur Eindämmung des Terrors müssten auch die bürgerlichen Freiheiten eingeschränkt werden.

Die junge Generation ist im Klima der Geisteshaltung der Unausweichlichkeit aufgewachsen, meint Snyder. Sie hat nicht gelernt, dass Demokratie nichts Selbstverständliches ist, sondern jeden Tag neu erstritten werden muss, um bewahrt zu werden. Es liegt in der Verantwortung jedes einzelnen Bürgers, die Geschichte zu gestalten und eine Tyrannei zu verhindern – das ist die Botschaft von Snyders hoch aktuellem Buch.

Timothy Snyder, Jahrgang 1969, ist ein US-amerikanischer Professor für Zeitgeschichte an der Yale University. Er beschäftigt sich vor allem mit dem Holocaust, Totalitarismus und der Geschichte Osteuropas. In Deutschland erregte er Aufsehen vor allem mit seinen Büchern „Bloodlands“ und „Black Earth“.



Timothy Snyder: Über Tyrannei. Zwanzig Lektionen für den Widerstand.
Aus dem Amerikanischen von Andreas Wirthenson
C.H. Beck, München 2017

Nachtrag:
(18.6.17) In einer Umfrage der Harvard Univerität und der Unversität von Melbourne wurde unlängst gefragt, wie essentiell es ist, in einer Demokratie zu leben. Diesen Gedanken bejahten in den USA weniger als 30% der Millenials (geboren zwischen den frühen 1980er und späten 1990er Jahren). Einer von sechs US-Amerikanern hält eine militärische Staatsführung für gut bis sehr gut – diese Quote lag 1995 noch bei eins zu sechzehn. Je jünger die Befragten sind, je geringer wird die Bedeutung der Demokratie eingeschätzt.

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