Vor zehn Jahren – die Finanzkrise nimmt ihren Lauf

Vor zehn Jahren, Anfang April 2007, musste der amerikanische Immobilienfinanzierer New Century Insolvenz anmelden. Dies war der Startpunkt für den offenen Ausbruch der US-Hypothekenkrise, aus der sich rasch ein weltweiter Flächenbrand entwickelte.

Die Vorgänge, die zur Finanzkrise 2008 geführt haben, sind ziemlich gut erforscht. In der Bewältigung ihrer Folgen entsteht jedoch der Eindruck, dass wir in unserem kollektiven Handeln nichts gelernt haben. So schöpft die EZB etwa jeden Tag zwei Milliarden Euro, damit genügend Treibstoff vorhanden ist, um das Geldkasino am laufen zu halten.

„Niemand sollte so tun, als ob die Regulierung, die man seit 2008 auf beiden Seiten des Atlantiks geschaffen hat, das Finanzsystem stabiler gemacht hätte“, sagt Niall Ferguson, Historiker an Harvard. Im Gegenteil: Neue Gesetze und Verordnungen haben Banken zwar dazu angehalten, größere Kapitalpuffer zu bilden. Die überbordende Regulierung hat jedoch die Komplexität im Finanzsystem deutlich erhöht. „Außerdem läuft vieles genauso weiter wie vorher, zum Beispiel die Ratingagenturen, die Derivatemärkte und die überzogene Verschuldung“, so Ferguson.

Ist das ein Zeichen von Schwarmdummheit? Ich denke schon. Ein Zeichen von Schwarmintelligenz wäre, wenn die Bevölkerung in ihrer Mehrheit ein Ende des Wahnsinns um Geld und Gier forderte. Und Schwarmdummheit auf der Ebene der menschlichen Gesellschaft wiegt umso schwerer, je mehr bewusstes Wissen sich diese Gesellschaft aneignet.

Schwarmintelligenz – dieses gelegentlich auch in Zusammenhang mit „sozialen Netzwerken“ gebrauchte Wort bezeichnet den Umstand, dass eine Vielzahl von Individuen als Kollektiv gemeinsam erstaunliche, nützliche Dinge zustande bringen können.

Wenn man sich auf der Ebene eines Kollektivs bewegt, sehe ich „Intelligenz“ in engem Zusammenhang mit Leistungen, die geeignet sind, das Gemeinwesen zu sichern und voranzubringen. Als Paradebeispiel für Schwarmintelligenz gelten etwa Ameisen und Bienen. Ob diese beiden Tiere als Einzelwesen etwas aufweisen, was man mit Intelligenz bezeichnen kann, sei dahingestellt. Aber sie sind auch ohne bewusstes Wissen in Naturwissenschaft, Technik und ohne komplexe Verständigungsmittel wie etwa Sprache in der Lage, ein geordnetes Kollektiv zu bilden, das jedem Mitglied dieser Gemeinschaft eine sichere Existenz bietet. Sie handeln als Gemeinschaft intelligent.

Schwarmdummheit ist das Gegenteil. Hierbei handeln die Mitglieder einer Gemeinschaft im Kollektiv offenbar so, dass ihre Gemeinschaft und sie selbst gefährdet sind und Gefahr laufen, zugrunde zu gehen. Als Beispiel werden hierbei des öfteren Lemminge angeführt.

Die menschliche Gesellschaft ist von ihrem kollektiven Wissen mittlerweile sehr hoch entwickelt. Wir beherrschen hochkomplexe Technologien, die immer stärker Einzug in jede Verästelung des individuellen und kollektiven Lebens halten. Wir haben eine umfassende bewusste Vorstellung von den Bewegungsgesetzen des Makro- und des Mikrokosmos. Wir wissen um komplexe Zusammenhänge in der Natur, wir verstehen selbst so komplizierte Zusammenhänge, wie sie etwa hinter der Entwicklung des Klimas stehen.

Diesem Wissen um die Grundlagen von Natur und Gesellschaft steht jedoch oft ein Mangel an Informiertheit der einzelnen Mitglieder der Gesellschaft entgegen. Wir treiben jeden Tag ein neue Sau durchs Dorf sozialer Netze, beschäftigen uns kampagnenartig mit bestimmten Themen, die häufig nebensächlicher nicht sein können. Genauso schnell sind diese auch wieder vergessen und werden gegen neue ausgetauscht. Die Informiertheit der einzelnen Mitglieder der Gesellschaft beschränkt sich häufig oberflächlich auf bestimmte Fakten und Ereignisse, weniger auf Zusammenhänge und Hintergründe.

Warum sind Ameisen und Bienen ohne individuelle Intelligenz in der Lage, gemeinsam so zu handeln, dass ihre Existenz gesichert ist, Menschen mit individueller Intelligenz aber im Kollektiv anscheinend häufig nicht – siehe z.B. Nutzung der Atomenergie, atomare Rüstung, Untätigkeit dem Klimawandel gegenüber, überbordender Finanzkapitalismus, überbordende gesellschaftliche Verschuldung.

Ein Forscherteam der ETH Zürich hat in einem Experiment gezeigt, wie Schwarmintelligenz in Schwarmdummheit umschlagen kann. Das geschieht demnach offenbar dann, wenn Menschen erfahren, dass andere über ein Problem anders denken als sie selbst. Dann passen sie ihre eigene Meinung an. So näherten sich die einzelnen Probanden bei Schätzaufgaben einander an, der Mittelwert über alle Meinungen kam dem tatsächlichen Wert aber nicht näher. Die Forscher ziehen den Schluss, dass sozialer Einfluss die Diversität der Antworten verringert, nicht jedoch den kollektiven Fehler. Gleichzeitig wurden die Teilnehmer im Verlauf des Experiments auch immer sicherer, dass ihre eigene Schätzung stimmt, obwohl dies objektiv nicht der Fall war. Der Vertrauenseffekt, also zu glauben, dass man das richtige denkt oder tut, wenn alle das gleiche tun, kann zu einer schlechten Konsens-Entscheidung führen, so die Forscher.

Dieses Herdentrieb-Verhalten hat schon Keynes analysiert und dafür den Begriff des „Beauty Contest“ geprägt. Bei der Aktienanlage geht es demnach nicht darum, gemäß der eigenen Analyse und Überzeugung zu investieren, sondern um die Frage, wohin wohl das Gros der Anleger tendiert. So folgt man Trends, sei es bei der Geldanlage oder auch bei allen möglichen anderen Moden – und schießt dann regelmäßig über das Ziel hinaus.

Im unserem „postfaktischen“ Zeitalter besteht die Gefahr, dass sich das noch verstärkt. Vom Bezug auf Tatsachen befreit wird ein Unsinn nach dem anderen in die Gesellschaft ausgekippt und je weniger der „gesunde Menschenverstand“ herrscht, je eher und je mehr bleibt davon hängen.

US-Präsident Trump ist für mich die personifizierte Schwarmdummheit. So hat er etwa im November 2012 die globale Erwärmung als Erfindung der Chinesen bezeichnet, damit die US-Produktion nicht mehr konkurrenzfähig ist. Mehrfach hat er auch behauptet, die US-Kohlevorräte reichten tausend Jahre und mit „clean coal“ sei eine saubere Nutzung möglich. Dazu müsste jedoch eine Technologie in einem solch großen Massstab eingesetzt werden, was niemand sonst (außer ihm) für möglich hält. Auch beim Thema Impfung hat Trump eine klare Meinung: Mehrfachimpfungen fördern Autismus. Zur Begründung bezieht er sich dabei auf eine Studie, die spätestens 2010 als Fälschung entlarvt wurde. Es gibt leider genügend Idioten, die diesen Meinungen (und anderen) hinterherlaufen.

Und es kommen weitere Idiotien hinzu. So hat Trump sich und sein Land kürzlich von den international vereinbarten Klimazielen verabschiedet. Zudem: Eines seiner zentralen Vorhaben ist die (erneute) Deregulierung des Finanzsystems. Mit dem Dodd-Frank-Act unter Obama wurde 2011 zwar eine wegen ihrer unglaublichen Komplexität (mindestens) nutzlose Regulierung eingerichtet, aber eine erneute Deregulierung kann nur zu einer neuen Finanzkrise (in welchem Gewand auch immer) führen. Oder glauben Sie, die Finanzinstitutionen würden sich selbst diziplinieren?

Vor ziemlich genau 84 Jahren, am 1. April 1933, verschärfte die kaum an die Macht gekommene Hitler-Regierung mit dem Aufruf zum Boykott jüdischer Geschäfte ihre Gangart. Und vor zehn Jahren begann die Finanzkrise, durchzustarten.

Zwei ganz verschiedene Ereignisse, die man nicht vergleichen kann? Vielleicht doch…

Aktuell scheint die Menschheit (wieder einmal) an der Schwelle zu kollektiver Dummheit zu stehen. Trump ist für mich in diesem Zusammenhang kein Einzelfall oder Zufall, sondern Vorhut einer weltweiten politisch-gesellschaftlichen Strömung. Schwarmdummheit gefährdet die Existenz von Gemeinwesen.

[Unter Verwendung von Material aus „Terra X – Harald Lesch: Donald Trump Wissenschaftlich geprüft„]

Anmerkung:
Das Ergebnis des Experiments des Forscherteams der ETH Zürich unterstreicht auch, wie wichtig Meinungsvielfalt u.a. für eine selbstkritische Haltung gegenüber der eigenen Meinung ist. Es ist aber auch ein Plädoyer für einen persönlichen Freiraum in der Gesellschaft, in dem sich Haltungen unbeeinträchtigt von anderen entwickeln können.

Nachtrag:
Der renommierte deutsche Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser sieht in den Rettern des Finanzsystems von damals, den Zentralbanken, eine neue Gefahr: „Notenbanken könnten die nächste Krise auslösen„.

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