Reaktionär Trump wird US-Präsident

Die US-Bürger haben gewählt. Nach einer Schlammschlacht, Wahlkampf genannt, gewinnt der Reaktionär Trump gegen Clinton, die Vertreterin der gelackten Berufspolitiker-Garde. Zuletzt sprachen die Prognosen immer noch (oder wieder) Clinton den Sieg zu.

Großes Augenreiben: Wie konnten Vorhersagen so schief liegen (siehe z.B. diese Web-Seite)? Das war auch beim Brexit schon so. Diese Art Prognosen ist immer dann relativ treffsicher, wenn sich das zugrundeliegende Gefüge nur langsam ändert, es sich also nach Systemtheorie um ein „stabiles“ System handelt. Ein solcher “milder Zufall” (Mandelbrot) lässt sich meist mit klassischen Methoden gut “berechnen”. Wenn jedoch die Rückkopplungen innerhalb eines Systems positiv werden, kann es „instabil/chaotisch“ werden, geringe Änderungen der Rahmenbedingungen können dann zu großen Ausschlägen bei den Resultaten führen. Dieser „wilde Zufall“ bedeutet, dass nach Wahrscheinlichkeitsverteilung „eigentlich“ seltene Ereignisse eine deutlich gesteigerte Häufigkeit aufweisen. Klassische Prognoseverfahren versagen dann.

Was ist „instabil“ am System USA? Eine Mehrzahl der Bürger will offenbar erneut „Change“. Mit dem Schlachtruf „Change? Yes, we can!“ war Obama vor acht Jahren angetreten. Seine Wahlversprechen blieben zum großen Teil Versprechen. Stattdessen ging die Schere der Einkommens- und Wohlstandsverteilung noch weiter auf. Wall Street stieg auf aus der Finanzkrise wie der Phönix aus der Asche. Main Street jedoch hatte von all dem wenig bis nichts. Der gesellschaftliche Konsens schwindet, die Gesellschaft insgesamt wackelt, sie wird instabil.

Offenbar vertrauen immer weniger Bürger den etablierten, intellektuell und rhetorisch versierten Politiker-Clans. Frau Clinton gilt als typische Vertreterin dieser Art, Politik zu betreiben. Stattdessen wählte eine Mehrheit einen Flegel, Rüpel, Egomanen – wie auch immer Sie ihn nennen wollen, es trifft alles zu. Trump hat sich als Gegenentwurf zur etablierten Politiker-Kaste stilisiert. Dabei gehört er zu den Reichsten im Lande und jeder vernünftige denkende „einfache Bürger“ müsste angesichts seiner Karriere hinterfragen, ob er die geeignete Figur ist, die Interessen der breiten Bevölkerung zu vertreten. Bei Clinton ergab diese Frage ein „Nein“, bei Trump offenbar ein „Ja“. Warum?

Verhaltensforscher verweisen auf den Umstand, dass Leute in bestimmten Situationen dazu neigen, getrieben durch Motive wie Opposition, Bestrafungswunsch usw. Dinge zu tun, nur um jemand anderem zu schaden und das selbst dann, wenn es zum eigenen Nachteil ist. So weit, so richtig. Warum gerade jetzt?

Anscheinend ist bei einer Mehrzahl von US-Amerikanern der „Leidensdruck“, d.h. die Unzufriedenheit mit ihrer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Situation so groß, dass sie zu diesem Verhaltensmuster gegriffen haben. Womöglich haben sie auch einfach die Nase voll von der etablierten Politik, die (subjektiv oder objektiv) nicht in der Lage ist, die Geschicke des Landes so zu steuern, dass sie sich darin „gesehen“ und „geborgen“ fühlen können.

Und so wurde jemand gewählt, der ihnen „Change“ verspricht.

Es kommt noch ein Punkt hinzu, der den Zeitpunkt, ab wann Leute gemäß dem beschriebenen Verhaltensmuster handeln, nach vorne ziehen kann. Das Internet, insbesondere die „sozialen“ Netze, geben jedem die Möglichkeit, jeden Tag an einer Bewegung teilzunehmen. Jemand setzt etwas in die Welt, tausende springen auf den Zug, fühlen sich von anderen wahrgenommen. Am nächsten Tag wird eine andere Sau durchs Dorf getrieben, dasselbe Spiel. Diese Kampagnenmentalität führt dazu, dass man sein Denken und Handeln von immer kurzfristigeren Motiven leiten lässt; insgesamt wird der Blick für längerfristige Linien und das „Große und Ganze“ getrübt. Alles scheint ja jederzeit auch wieder ausradiert werden zu können, warum also lange über Konsequenzen nachdenken?

Das sind die modernen „Brot und Spiele“ wie aus der Endzeit des römischen Imperiums. Daraus resultiert auch eine „Entpolitisierung“, man fühlt sich in der anonymen, „geschützten“ Sphäre des Internets immer weniger verantwortlich für das, was bei solchen Kampagnen so geschieht. Alles scheint ein großes Spiel. Das wird generalisiert, übertragen auf die Haltung der Gesellschaft gegenüber.

Und so fühlte sich womöglich der eine oder andere US-Amerikaner in der geschützten Sphäre der Wahlkabine ermuntert, es jetzt „denen“ mal zu zeigen (vielleicht sogar ohne an die Versprechungen von Trump zu glauben). Und ohne daran zu denken, dass er damit nun (mindestens) vier Jahre wird leben müssen. Eine solche Wahl ist eben nicht so leicht zu löschen wie ein Post im Internet.

Siehe auch „Gedanken zur US-Wahl“ und „Trump – der nächste US-Präsident?„!

Ergänzung:
Schon gibt es erste Stimmen in der Finanzpresse, die eine Verschiebung des für Dezember ziemlich sicher erwarteten Zinsschritt der Fed für wahrscheinlich halten. Und von EZB und BoJ wird klammheimlich erwartet, dass deren Geldflut-Politik noch länger anhält, bzw. ausgeweitet wird. Schließlich müssen die Zentralbanken ja etwas gegen die negativen Konsequenzen unternehmen, die von der negativen Haltung Trumps gegenüber Freihandel und Globalisierung ausgehen. Irre!

Die Huffington Post in einer ersten Analyse: „Das sind die Gründe für Trumps Wahl-Erfolg

Der Professor, der den Wahlsieg von Trump richtig vorhergesagt hat (h/t T.J.): „Professor who predicted 30 years of presidential elections correctly called a Trump win in September

Nachtrag:
(10.11.16) Nach Anzahl der abgegebenen Stimmen hat Clinton rund 210.000 Stimmen (nach endgültigen Zahlen fast drei Millionen) mehr erhalten als Trump (bei insgesamt knapp 120 Millionen für beide abgegebenen Stimmen) – prozentual ein dünner Vorsprung. Aufgrund des Wahlsystems entfallen auf Clinton jedoch nur 232 Wahlmännerstimmen, Trump bekommt 306. 270 Wahlmännerstimmen sind für einem Wahlsieg erforderlich. Auf Trump entfielen gut 18% der Stimmen bezogen auf die Gesamtbevölkerung und gut 27% bezogen auf die zur Wahl zugelassenen US-Bürger. Die Wahlbeteiligung betrug rund 49%.

(10.11.16) Prof. Schnabel schreibt in „Die US-Zentralbank Fed hat Trump den Weg geebnet!“ zutreffend, ein Grund für Trumps Wahl sei die jahrelange ultralockere Geldpolitik der amerikanischen Notenbank. Die Geldpolitik habe einige wenige sehr viel reicher und den Rest der Bevölkerung perspektivlos gemacht. Er scheibt weiter: „Der Anteil der Industrie am Bruttoinlandsprodukt ist seit 1987 von 28% auf heute 18% geschrumpft. (…) Der Anteil des Finanz- und des eng verbundenen Immobiliensektors am Bruttoinlandsprodukt ist von ca. 14% (1987) auf 18% (2015) gewachsen. (…) Die Kapitalzuflüsse aus den USA zwangen die chinesische Zentralbank große Mengen an Dollar zu kaufen, die wieder in den US-Finanzmärkten angelegt wurden. Die großen US-Finanzinstitute verdienten daran prächtig.“

(12.11.16) Colin Twiggs gibt drei Gtünde an, warum Trump gewonnen hat: Globalisierung, Einwanderung, Wall Street. Zum letzten Punkt verweist er auf Bill Clinton, der Ende der 1990er Jahre den Glass-Steagall-Act aufgehoben und damit den Weg frei gemacht hat für die Exzesse der Finanzindustrie, die in der Finanzkrise 2008 gipfelten.

(14.11.16) Joachim Goldberg über verhaltenspsychologische Anker: „Trump und the „New Normal“

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