Ein modernes Finanzmärchen

Märchen fangen mit „Es war einmal…“ an. Und meistens enthalten sie einen wahren Kern. So ist das auch bei dem folgenden. Hier ist aber nicht nur der Kern wahr.

Also, es war einmal eine alte Dame, nennen wir sie Frau M. Frau M sass also in Ihrem Sessel und freute sich Ihres Lebensabends – sie war immerhin schon 86/87 Jahre alt.

Zur gleichen Zeit warf ihr Bankberater Herr E (denken Sie sich etwas aus von „Edel“ bis „Ekel“) von der Sparkasse N einen Blick auf seinen Kontostand. Er befand, dass zu viele Nullen falsch platziert waren. Also mussten wieder Provisionen rollen.

Und so rief er Frau M an und schilderte die Schiffsfonds der Gesellschaft (naja, Sie wissen schon…) in den rosigsten Farben. Das seien ganz sichere Anlagen, Schiffe würden ja schließlich immer gebraucht, usw. Und untergegangen sei auch schon lange keines mehr.

Gesagt, getan, Frau M, in Anlagegeschäften unerfahren, zeichnete Anteile an irgendwelchen Schiffen zu einem Zeitpunkt, als jeder halbwegs erfahrene Anleger wissen konnte, dass an so etwas bestenfalls diejenigen verdienen, die solche Fonds initiieren.

Ein detailliertes Beratungsprotokoll wurde offenbar nicht angefertigt, eine umfassende Aufklärung dürfte nicht stattgefunden haben. Und so blieb es Frau M verborgen, oder es wurde vor ihr verborgen, dass sie ihre Anlage zum ersten Mal im gesegneten Alter von 102 Jahren hätte regulär kündigen können. Wenn ihr das klar gewesen wäre, hätte sie das Geschäft sicher nicht getätigt.

So alt ist sie nicht geworden. Aber Berater, die Arbeitgeberin des Beraters und der Schiffsfond sahen keinen Anlass, das Geschäft mit solchen Bedingungen nicht zu vermitteln und nicht abzuschließen. Schließlich haben ja alle gut verdient.

Alle? Frau M hat nicht gut verdient, um das einmal vorsichtig auszudrücken. Ausschüttungen gab es bis auf eine im ersten oder zweiten Jahr der Laufzeit der Fonds keine. Mittlerweile ist die Zahl der Schiffe, die in diesem Flottenfonds zusammengefasst sind, bereits geschrumpft, zwei Tanker erwirtschaften etwas Geld. Das überrascht kaum, dienen diese doch in Zeiten niedriger Ölpreise als schwimmende Lager, um etwas Druck vom Preis zu nehmen.

Und die Moral von der Geschicht?

Wenn jemand in den Supermarkt geht, um eine Wurst zu kaufen, und er kommt mit einem Pullover wieder raus – das ist die eine Sache. Wenn jemand in klar erkennbar hohem Alter in ein Geschäft geht und einen Rollstuhl kaufen möchte, aber dann ein teures Rennrad aufgedrückt bekommt samt fünfzehnjährigem Wartungsvertrag – dann ist das etwas anderes. Für mich ist das sittenwidrig. Wie im vorliegenden Fall.

Kennen Sie auch solche Fälle?

Nachbemerkung: „Ross und Reiter“ sind mir bekannt. Ich nenne sie zurzeit deshalb nicht, weil es mir nicht nur um den Einzelfall geht.

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