Ain’t We Got Fun

Erst kürzlich hat Oxfam wieder die Aufmerksamkeit auf die immer ungleicher werdende Vermögensverteilung auf der Welt gerichtet. Aber das Thema ist alles andere, nur nicht neu.

Vermögen ist akkumuliertes, nicht konsumiertes Einkommen. Nehmen wir die Einkommenverteilung am Beispiel der USA. Kapitalgewinne eingerechnet haben die obersten 1% der Einkommensrangliste mit nahezu 25% heute in etwa einen so hohen Anteil am Gesamteinkommen wie vor 1929. Der Anstieg seinerzeit war rasant – 1920 lag der Anteil noch bei 15%.

Der 1920 zum ersten Mal aufgeführte Song „Ain’t We Got Fun?“ wurde mit seiner kecken Antwort auf Armut und dem trotzigen Versprechen von Spass zum Symbol der “Roaring Twenties” genannten 1920er Jahre. Vielfach wurde auf das Thema „the rich get richer and the poor get poorer“ (die Reichen werden reich und die Armen ärmer) in Romanen Bezug genommen, so etwa bei Orwell in „1984“ oder bei F. Scott Fitzgerald in „The Great Gatsby”. Richtig bekannt wurde das Lied durch die Schallplatten-Aufnahme von Van & Schenck aus dem Jahr 1921.

Die kulturelle Ebene einer Gesellschaft ist immer auch Produkt und Spiegel der jeweiligen Zeit. 1920, der erste Weltkrieg lag zurück – es machte sich erneut Aufbruchstimmung breit, die sein Ausbruch jäh erstickt hatte. Die Wirtschaft begann zu prosperieren, wichtige Technologien wie das Kraftfahrzeug setzten sich durch. In einer Reihe von Jahren wurde eine Kreditblase aufgeblasen, die die Wirtschaft zunächst weiter anheizte bis sie zusammen mit dem Pseudo-Optimismus der Ära 1929 zerplatzte und zur Weltwirtschaftskrise führte. Damit war „Schluss mit lustig“. Zehn Jahre später herrschte erneut ein Krieg auf der Welt. In Deutschland ergriff Hitler 1933 die Macht, gestützt durch mächtige Hintermänner aus Wirtschaft und Finanzen.

In anschaulicher, sarkastischer Art und Weise malt der Song ein Bild der Situation der „Armen“ dieser Zeit – immer wieder kontrapunktisch unterbrochen von „Ain’t we got fun?” – „macht mächtig Spass, oder?“.

„The rich get rich and the poor get children”
– „die Reichen werden reich und die Armen bekommen Kinder“
„The rich get rich and the poor get laid off”
– „die Reichen werden reich und die Armen werden entlassen“

Das Lied schließt mit den Zeilen:
Straßenbahnsitze sind furchtbar eng.
Macht Spass, oder?
Niemand kann unseren “Pierce Arrow“ (damalige Luxuskarosse) verkratzen,
wir haben keinen.
Sie haben meinen Lohn gekürzt,
aber meine Lohnsteuer wird so viel niedriger.
Wenn ich entlassen werde, werde ich abgefunden.
Macht mächtig Spass, oder?

Was die Kreditblase angeht – unsere modernen Zeiten brauchen sich wahrhaftig nicht zu schämen vor den 1920er Jahren. Sie hat mit rund 100 Bill. Dollar weltweit historischen Rekordstand, ist rund 20% größer als 2008 und etwa 30% größer als das Welt-BIP des vergangenen Jahres.

Bald wieder Zeit für solche Lieder?

[Herzlichen Dank an T.J. für die Anregung und Übersetzungs-Tipps!]

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