Zahmer Stress-Test: 13 Banken patzen

Die EZB veröffentlichte jetzt die Ergebnisse der Bewertung der 130 größten Banken in der Eurozone. Deren Aktiva belaufen sich auf 22 Bill. Euro, entsprechend 82% der gesamten Bankaktiva hier. Auf der Grundlage eines Asset Qualitity Review (AQR) wurde ein Stresstest durchgeführt, der bei 25 teilnehmenden Banken eine Kapitallücke von insgesamt 25 Mrd. Euro festgestellt hat.

In Italien rissen neun Banken die Messlatte, in Zypern und Griechenland traf es je drei Banken, in Belgien und Slowenien jeweils zwei. In Frankreich, Irland, Östereich, Portugal und Spanien und bestand jeweils eine Bank nicht. Auch in Deutschland fiel eine Bank durch, die Münchener Hypothekenbank. Hier waren 24 Banken untersucht worden.

12 Banken mit Problemen im Stresstest haben im Laufe der vergangenen Monate ihre Kapitalpuffer für Krisenzeiten verbessert und stärkten ihr Kapital um insgesamt 15 Mrd. Euro. In Italien sind das fünf Banken, in Zypern und Griechenland je zwei, in Frankreich und Spanien jeweils eine Bank. Die deutsche Bank konnte ihre Schieflage inzwischen ebenfalls korrigieren. Die übrigen Banken müssen innerhalb von zwei Wochen nach Bekanntgabe der Ergebnisse Kapitalpläne vorlegen und haben bis zu neun Monate Zeit, ihre Lücken von insgesamt 10 Mrd. Euro zu schließen.

Seit der ersten Ankündigung des AQR im Juli 2013 haben die größten 30 teilnehmenden Banken Maßnahmen ergriffen, um ihre Bilanzen um insgesamt mehr als 200 Mrd. Euro zu stärken. Darunter ist auch die Aufnahme von Eigenkapital in Höhe von insgesamt 60 Mrd. Euro.

Grundlage des AQR waren die Jahresbilanzen 2013. Es ergab sich die Erfordernis einer Korrektur der Bewertung von Bankaktiva (Buchwert) um 48 Mrd. Euro, davon trugen 37 Mrd. Euro nicht zur Kapitallücke bei. Bei Anwendung einer Standarddefinition für notleidende Engagements (Verbindlichkeiten, die 90 Tage überfällig sind, oder Engagements, die ausfallgefährdet oder bereits ausgefallen sind) zeigte sich zudem, schreibt die EZB, dass die notleidenden Engagements der Banken per 2013 um 136 Mrd. Euro auf insgesamt 879 Mrd. Euro zugenommen haben.

Im Stresstest wurde untersucht, wie sich die Banken zwei unterschiedlichen Szenarien stellen. Im ersten wurde ein eher positiver Wirtschaftsverlauf in den Jahren 2014 bis 2016 angenommen, in dem die Wirtschaft wächst, die Arbeitslosigkeit leicht zurückgeht und die Preise moderat steigen. Im zweiten Szenario wurde ein wirtschaftlicher Schock unterstellt, der die Wirtschaftsleistung um gut 2% zurückgehen, Aktien- und Immobilienmärkte einbrechen und die Zinsen steigen lässt, wodurch die Banken schwerer an frisches Geld kommen. Hierbei unterstellt die EZB kein ausgeprägtes deflationäres Moment, sondern unterstellt Inflationsraten von 1,0% in 2014, 0,6% in 2015 und 0,3% in 2016. Im Basisszenario mussten die Banken eine CET1-Quote von mindestens 8% erfüllen, im adversen Szenario galt eine CET1-Quote von mindestens 5,5% (CET1: Common Equity Tier 1).

Nach dem Negativ-Szenario verringert sich das qualitativ beste und zur Verlustabsorption geeignete harte Kernkapital (CET1) um rund 263 Mrd. Euro. Dies hätte eine Abnahme des Medians der CET1-Quote um 4% von 12,4% auf 8,3% zur Folge. Die von der EZB gewählte Messgröße der finanziellen Solidität einer Bank fällt damit stärker zurück als in vergleichbaren Untersuchungen der Vergangenheit. Das nimmt die EZB zum Anlass, herauszustellen, welch strenger Maßstab in der umfassenden Bewertung angelegt worden sei.

Der AQR-Bewertung lagen die Eigenkapitalverordnung und die Eigenkapitalrichtlinie der Europäischen Union (CRR/CRD IV) zugrunde. Dabei gibt es „gewisse“ nationale Ermessensspielräume, die z.B. bei der Definition von Kapital zu Abweichungen führen können. Die EZB-Bankenaufsicht wird die Frage einer einheitlicheren Definition von Kapital und im Zuge dessen einer einheitlicheren Qualität des Kapitals mit Priorität behandeln, heißt es.

AQR und Stress-Test sind nach Auskunft der EZB Meilenstein für den Einheitlichen Aufsichtsmechanismus (Single Supervisory Mechanism – SSM), der im November seine Arbeit aufnimmt.

Die Kritik an der ganzen Übung der EZB stützt sich mindestens auf folgende drei Punkte:

  • Das zugrunde gelegte risikogewichtete Eigenkapital als Mass für die finanzielle Stabilität erlaubt Bewertungsspielräume. Nicht nur das ZEW hat darauf jüngst noch einmal hingewiesen und hält die das Eigenkapital ins Verhältnis zur gesamten Bilanzsumme setzende Leverage Ratio für einen besseren Indikator der Fragilität von Banken. Nach einer eigenen Untersuchung hat das ZEW festgestellt, dass schon ein Absacken der Börsenkurse um 10% bezogen auf eine risikogewichtete Kapitalquote von 8%, wie sie die EZB zur Messlatte macht, eine Kapitallücke von über 150 Mrd. Euro reißen würde. Legt man die Leverage Ratio zugrunde, so ergibt sich bei einer nach Basel III vorgesehenen Mindestmarke von 3%, dass alleine deutsche Banken eine Kapitallücke von 66 Mrd. Euro aufweisen.
  • Bei der Übung der EZB wird wirklichkeitsfern unterstellt, dass Staatsanleihen risikolos sind. Für diese ist kein Kapitalpuffer vorzuhalten.
  • Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn kritisiert zu recht, dass die EZB kein Szenario der Deflation für Südeuropa durchgespielt hat. Dadurch hat sie nur eine geringe Kapitallücke bei vielen Banken ausgemacht, der Stresstest sei zu „zahm“. An einer Änderung der relativen Preise, die neben Inflation im Norden auch Deflation im Süden beinhaltet, käme man nicht vorbei, wenn man die Wettbewerbsfähigkeit der Südländer ohne einen Anstieg des durchschnittlichen Preisniveaus im Euroraum wiederherstellen möchte. Die EZB habe mit ihren Annahmen implizit ein Inflationsszenarium für den Durchschnitt der Eurozone unterstellt, um nicht allzu viele Banken unter die rote Linie fallen zu lassen, so Sinn.
  • Ein vierter Punkt sei noch hinzugefügt: Die angelegten Kriterien sind so zahm, dass man kaum von echtem Stress sprechen kann. Beim zu verkraftenden Zinsanstieg unterstellte man eine Stress-bedingte Verdoppelung, was angesichts des Niedrigzins-Umfelds eher eine Farce ist. Vor zwei Jahren, als die Eurokrise noch richtig brodelte, waren höhere Werte erreicht worden. Auch eine Stress-bedingte Zunahme der Arbeitslosenquote auf durchschnittlich 13% ist nicht gerade eine Katastrophe. (Die haben wir angesichts des aktuellen Niveaus von 10,5% schon längst (und dauerhaft) erreicht.) Und zur Fiktion der risikolosen Staatsanleihen siehe den zweiten Punkt.

Zum Schluss:
879 Mrd. Euro an notleidenden Engagements der Banken – glauben Sie das? Die Korrektur der Buchwerte der Banken im AQR gibt einen leichten Wink, dass die Bewertung der Assets in den Büchern der Banken wenig mit der Realität zu hat. Weiterhin werden insbesondere in den PIIGS faule Kredite lieber durchgeschleppt als sie abzuschreiben. Hierzu zählen eben auch faule Staatsanleihen von solchen Pleitekandidaten wie Italien – aber nicht nur. Über Griechenland regt sich schon keiner mehr auf, aber in Italien lässt sich die fatale Lage nun am wenigsten verheimlichen. Da kam man nicht umhin, von 15 getesten Banken ursprünglich neun für „marode“ zu erklären. Aber – „alles wird gut“: Fünf haben in diesem Jahr ihre Lage bereits wieder stabilisieren können (jedenfalls aus Sicht der EZB).

Nachtrag:
(27.10.14) Einen guten Überblick über die globale Bankenlandschaft gibt eine Arbeit des Milken-Instituts. Auch wenn dieser Bericht auf Zahlen per 2012 basiert, gibt er eine gute Einordnung der Banken der Eurozone in Bezug z.B. auf die der USA.
(28.10.14) Zum Thema eine treffende Karrikatur von Klaus Stuttmann (mit freundlicher Genehmigung):

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