Thomas Mayer: Wir brauchen eine Geldreform

Dr. Thomas Mayer hat ein Buch geschieben. In „Die neue Ordnung des Geldes – Warum wir eine Geldreform brauchen“ entwirft er eine neue Finanzordnung. Mayer ist nicht irgendwer, er hat 30 Jahre lang Karriere in der Bankenwelt gemacht. Zuletzt war er Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Im Interview mit der „Wirtschaftswoche“ umreisst Mayer die Grundgedanken seines Buches.

Er sieht in der aktuellen Debatte über die Instabilität des kapitalistischen Wirtschaftssystems die Rolle des Geldsystems ausgeblendet. In unserem Papiergeldsystem vergeben die Banken durch nichts gedeckte Kredite und schöpfen so Geld aus dem Nichts. Diese Kreditvergabe aus dem Nichts ist treibende Kraft des kapitalistischen Wirtschaftsystems, aber auch die Ursache für seine Instabilität. Wenn die Zentralbanken den Zins zur Stimulierung der Konjunktur nach unten manipulieren, neigen die Banken dazu, zu viel Kredit und damit Geld zu schöpfen. Joseph Schumpeter sah in den daraus folgenden Finanzkrisen eine schöpferische Zerstörung und die Grundlage für einen Neustart des Konjunkturzyklus.

Aber die fortwährenden Krisen wecken mit der Zeit ein Bedürfnis der Gesellschaft nach Stabilität. Dann verdrängen Manager, Bürokraten und Intellektuelle den Typ des dynamischen Unternehmers, das freie Spiel der Kräfte wird durch staatliche Eingriffe konterkariert und die Wirtschaft nach Schumpeter letztlich in einen bürokratischen Sozialismus geführt.

Genau das erleben wir heute, sagt Mayer. Die Reaktion auf die Finanzkrise besteht vor allem in Bankenregulierungen, in Steuererhöhungen und in Eingriffen in die freie Preisbildung. Schleichend wird eine sozialistische Wirtschaftsordnung eingeführt. Ludwig von Mises und Friedrich von Hayek haben jedoch gezeigt, dass der Sozialismus den Wohlstand zerstört und am Ende in die „Knechtschaft“ führt. Das Kreditgeldsystem begünstigt diejenigen, die das aus dem Nichts geschöpfte Geld als Erste erhalten (Cantillon-Effekt) und leistet einer ungerechten Verteilung von Einkommen und Vermögen Vorschub. Es begünstigt so die Ideologie des Sozialismus, Bürokraten fühlen sich gefordert, immer stärker in die freie Preisbildung einzugreifen.

Mehr Eigenkapital der Banken allein löst das Problem genauso wenig, wie dickere Mauern um einen Atomreaktor die Gefahr eines GAU verringern. Vorschriften für Banken, Kredite mit mehr Eigenkapital zu unterlegen, bremsen die Kreditvergabe und schaffen Puffer für Kreditausfälle. Aber das grundlegende Problem der Kredite aus dem Nichts bleibt. Mithin bleibt ein solches Geldsystem inhärent instabil und hoch gefährlich.

Mayer fordert in seinem Buch, das derzeitige Kreditgeld durch Aktivgeld zu ersetzen. Das kommt nicht durch ein Schuldverhältnis zustande, sondern beruht auf einem auf der Aktivseite der Bilanz des Geldemittenten verbuchten Aktivum. Gold oder Silber waren Handelswaren und wurden im Laufe der Zeit im freien Markt durch gesellschaftliche Konvention, nicht durch staatliches Dekret, zu allgemein akzeptierten Tauschmitteln. Aktivgeld muss heute nicht notwendigerweise eine solche Handelsware sein, es kann auch virtuellen Charakter haben wie etwa Bitcoin. Entscheidend ist, dass Aktivgeld nicht beliebig vermehrbar ist, es gibt keine Kreditschöpfung aus dem Nichts.

In unserem derzeitigen Passivgeldsystem erteilt der Staat den privaten Geschäftsbanken die Lizenz, Kredit und Buchgeld zu erzeugen, für das nur ein geringer Teil als Reserve bei der Zentralbank zu hinterlegen ist. Daraus entsteht die Tendenz zu exzessiver Kredit- und Geldschöpfung. Überschuldung und Krisen sind die Folge. Deflation ist in diesem System tödlich, daher neigt es zur Inflation. Gebraucht wird eine staatliche Zentralbank als Kreditgeberin der letzten Instanz und ein Staat, um einen Systemkollaps zu verhindern, wenn Kredite ausfallen und den Banken mit dem von ihnen geschaffenen Buchgeld die Vernichtung droht.

Das Gros der Ausleihungen sind Immobilienkredite, in Großbritannien fließt z.B. fast die gesamte Kreditvergabe der Banken in den Häusermarkt. Wohnimmobilien tragen aber wenig zur Vergrößerung der Wachstumsmöglichkeiten der Wirtschaft bei. Unternehmensgründer mit innovativen Ideen kommen wegen fehlender Sicherheiten nur schwer an Kredite, die Kreditschöpfung aus dem Nichts kommt Innovationen kaum zugute. Nicht umsonst hinkt der Europäische Kontinent, wo Bankkredite die wichtigste Finanzierungsquelle für Unternehmen sind, bei den Innovationen weit hinter den USA her. Hier finanzieren sich Unternehmen vorwiegend über den Wagniskapitalmarkt.

Im Aktivgeldsystem gibt die Zentralbank Geld direkt an die Bürger aus. Dieses wird ihnen auf ihren Konten bei den Geschäftsbanken gutgeschrieben. Hier produziert zwar die Zentralbank Geld aus dem Nichts, aber dieses „Nichts“ ist das Vertrauen der Bürger in das Geld. Die Aufgabe der Zentralbank ist es, das Vertrauen der Bürger in das Geld zu erhalten, was der Geldproduktion enge Grenzen setzt. Diese Grenzen können im Wettbewerb mit anderen Geldemittenten gefunden werden. Der Wettbewerb diszipliniert die Geldemittenten, nicht zu viel Geld auszugeben, weil sich deren Geld sonst entwertet und die Bürger es durch ein anderes ersetzen.

Die Geschäftsbanken machen im Aktivgeldsystem wieder das, wofür sie ursprünglich gegründet wurden. Sie bieten ihren Kunden sichere Einlagen an und vermitteln zwischen Sparern und Investoren. Ihre Zahlungsabteilungen haben die Aufgabe, die Einlagen der Sparer sicher zu verwahren und müssen sie deshalb vollständig mit Zentralbankgeld unterlegen. Die Kreditabteilungen nehmen Einlagen von Sparern entgegen, um sie an Investoren zu verleihen. Mit dem Kreditvertrag verzichtet der Kreditgeber, bzw. der Sparer, zeitweise auf die Nutzung von Aktivgeld zum Tausch gegen Güter und tritt dieses an den Kreditnehmer ab. Zum Ausgleich für Nutzungsverzicht und Ausfallrisiko erhalten die Sparer Zinsen.

Um Geld eindeutig zu definieren und Betrug zu verhindern, muss das Geld per Gesetz als Aktivum definiert werden. Der Gebrauch von Geld als Finanzierungsinstrument steht dann unter Strafe, die Kreditabteilung der Bank kann keine Kredite und Geld mehr aus dem Nichts schöpfen. Alle Ausleihungen sind vollständig durch Ersparnisse gedeckt.

Die Aktivgeldordnung bietet sich besonders für die Eurozone an. Das Kreditgeld Euro benötigt letzte Instanzen, eine Zentralbank, die EZB, als letzter Kreditgeber und einen Zentralstaat zur Verhinderung eines Kollaps des Finanzsystems. Dieser Zentralstaat existiert nicht, weil die Bürger Europas ihre nationale Souveränität nicht aufgeben wollen. Daher haben sich die Regierungen über Verträge eine Art Schattenstaat zurechtgezimmert. Dem fehlt aber die demokratische Legitimation, sich durchzusetzen. Daher wurde die EZB zum Spielball der unterschiedlichen nationalen Interessen und wird von den Staaten ausgebeutet. Weil ein Zentralstaat in Europa am Widerstand der Bürger scheitert, muss man ein Geldsystem wie das Aktivgeld wählen, das ohne den Staat funktioniert, so die Schlussfolgerung von Mayer.

Zudem sollte eine Wahlmöglichkeit zwischen unterschiedlichen Währungen bestehen. Das heißt nicht, dass der Euro verschwindet, aber er muss sich im Wettbewerb mit anderen Währungen behaupten, die von nationalen Zentralbanken oder anderen Emittenten als Aktivgeld ausgegeben werden. Dieser Wettbewerb setzt der EZB Grenzen. Mayer ist überzeugt: Soll der Euro überleben, muss er als Aktivgeld neu aufgestellt werden. Denn als Passivgeld ist er zum Scheitern verurteilt.

Ob sich in einem freien Währungswettbewerb Edelmetalle statt eines immateriellen Aktivgeldes durchsetzen, bleibt abzuwarten. Für sie spricht, dass sie als Geld eine lange Tradition haben und als Handelsware einen physischen Wert besitzen. Der reale Verwendungszweck insbesondere von Gold ist aber begrenzt, man kann daraus nicht allzu viel herstellen. Gold stand früher für materialisiertes Vertrauen in die Kaufkraft des Geldes. Wenn elektronisches Geld genügend Vertrauen bei den Bürgern besitzt, könnte es sich im Zeitalter der Digitalisierung auch durchsetzen.

Politiker, Zentralbanker und Mainstream-Ökonomen sind derzeit nicht bereit, über eine Änderung des Geldsystems nachzudenken. Sie verabreichen den Menschen Beruhigungspillen, alternative Denkansätze werden abgetan oder diffamiert. Die Menschen spüren jedoch, dass etwas mit unserem Geldsystem nicht in Ordnung ist. Die Debatte lässt sich nicht mehr aufhalten. In der Schweiz gibt es demnächst sogar ein Referendum über eine Reform des Geldwesens. Die Finanzkrise ist eine große Chance, unser Geldsystem durch ein besseres zu ersetzen. Wird diese Chance nicht genutzt, taumeln wir von der Finanz- in die Geldkrise und zerstören die Grundlagen unseres Wohlstandes, so Mayer.

Zur Person:
Dr. Thomas Mayer hat 30 Jahre lang in der Bankenwelt Karriere gemacht. Vor seiner Zeit bei der Deutschen Bank, zwischen Anfang 2010 und Mai 2012 als Chef-Volkswirt, war er Europa-Chefvolkswirt bei Goldman Sachs, davor arbeitete für den IWF. Jetzt ist er Gründungsdirektor des „Flossbach von Storch Research Institute“, einer Denkfabrik des gleichnamigen Kölner Vermögensverwalters. Er verfasst außerdem die lesenswerte Kolumne „Mayers Weltwirtschaft“, die sonntäglich in der FAS erscheint.

Die Finanzkrise gab ihm die entscheidenden Denkanstösse: „Je mehr ich mich damit beschäftigte, desto klarer wurde mir, dass das ein Problem im System ist.“ Und: „Die Märkte sind nicht effizient. Die Modelle aus den Lehrbüchern versagen.“ (h/t T.J.) In der Eurokrise forderte er einen Schuldenschnitt für Griechenland und schlug später vor, das Land sollte mit dem „Geuro“ eine Parallelwährung zum Euro einführen. Beliebt hat er sich damit in der Chefetage Deutschen Bank nicht gemacht. Zur aktuellen Situation sagt er: „Wir haben die erste Runde der Krise bekämpft, aber wir kommen nicht mehr raus aus der Politik des billigen Geldes.“

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