Von „TBTF“ zu „BTFM“

In den zurückliegenden Monaten wurde in der amerikanischen Presse laut und anhaltend getönt, dass sich die großen Bank-Konzerne reformiert haben. Sie hätten „Testamente“ verfasst, die festlegen, wie sie im Falle eines Bankrotts von der Bildfläche verschwinden ohne den Steuerzahler erneut zu belasten.

“Too big to fail” soll nicht noch einmal zu einer Gefahr für das Finanz- und Wirtschaftssystem werden. Der „Dodd-Frank-Act”, ein unglaublich kompliziertes Gesetzeswerk, wurde nach 2008 in mehrjähriger Arbeit geschaffen, um eine Wiederholung des Geschehens nach der Lehman-Pleite zu verhindern. Er ist so lang und kompliziert, dass er den Spitznamen “Lawyers’ and Consultants’ Full Employment Act of 2010″ trägt (Chartquelle).

Bemerkenswert ist, dass dieselben Banken und Investment-Unternehmen, die 1999 den Glass-Steagall Act durch ihre Lobbyisten zu Fall brachten, aggressiv und erfolgreich für den “Dodd-Frank-Act“ in 2010 kämpften. Der Act stellt sicher, dass die Finanzindustrie so weitermachen kann wie zuvor.

Rufen wir uns nochmals ins Gedächtnis, was 2008 die Finanzwelt ins Chaos gestürzt hat. Es war nicht die Lehman-Pleite selbst, es war die Tatsache, dass einige wenige, riesige Finanzkonzerne gleichzeitig in dieselben, noch dazu extrem riskanten Assets (Sub-Prime Hypotheken) investiert hatten. Ein relativ kleiner Anlass (wie eben die Schieflage von Lehman) führt in einer solchen Situation zu einem Lawinen-Effekt, der aufgrund des geringen Eigenkapitals schnell zu einer tödlichen Bedrohung für diese Finanzkonzerne wurde.

Hat sich an den Ursachen etwas geändert, kann also dieselbe Situation heute und in Zukunft wieder auftreten und dieselben oder noch vernichtendere Konsequenzen nach sich ziehen?

Es befindet sich immer noch viel Müll in den Bilanzen der Finanzkonzerne und sie schaffen jeden Tag Massen an neuen hoch-implosiven Assets. Fast jeden Tag werden sie bei irgendeiner Betrügerei erwischt. Erst vor wenigen Tagen hat sich die Bank of America mit den US-Behörden auf eine Zahlung von 16 Mrd. Dollar geeinigt, weil sie toxische Hypothekenpapiere verkauft hat. Die Banken zahlen das aus der Portokasse.

Für die Bank-Konzerne ist es nötig, darzustellen, dass ihre Bilanzen im Falle einer Schieflage von den Bilanzen anderer isoliert sind. Ansonsten schreibt „Dodd-Frank“ vor, die Banken so zu zerlegen, dass sie keine Gefahr mehr darstellen. Ihr Geschäftsmodell einschließlich ihrer Tricksereien kann aber nur aufrecht erhalten werden, wenn sie so groß bleiben wie sie sind.

Vor einem Jahr schon stellte sich Mary Miller, im Finanzministerium zuständig für den nationalen Finanzsektor, vor die Presse und verkündete laut, es gebe nun keine „too big too fail“-Institutionen mehr: „Keine Finanzinstitution, egal in welcher Größe, wird mehr durch den Steuerzahler herausgehauen. Aktionäre von scheiternden Unternehmen werden ausgelöscht, Kreditoren absorbieren die Verluste. Verantwortliche Manager werden gefeuert und Gehaltszahlungen können zurückgefordert werden.“

Die anderen Kreditoren, von denen sie spricht, sind aber andere Finanz-Unternehmen. Die kommen bei Schieflage einer Bank u.a. wegen ihrer dünnen Kapitaldecke schnell ebenso in Bedrängnis. Diese Kettenraktion bringt alle Bank-Aktionäre und alle Kreditoren in Schwierigkeiten. Dann folgt eine Flucht heraus aus solchen Assets in sichere Häfen, das lässt Asset-Preise generell einbrechen. Und dann müss(t)en Fed und Steuerzahler bereit stehen zum erneuten Heraushauen. Darauf wetten die Märkte jeden Tag, ansonsten gäbe es keinen Dollar Kredit für diese Bankkonzerne.

Thomas M. Hoenig, vormals Chef der Fed von Kansas City und jetzt stellvertretender Vorsitzender der Federal Deposit Insurance Corporation (FDIC), hat vor einigen Monaten bereits vernichtende Kritik an der gegenwärtigen Verfassung des US-amerikanischen und internationalen Bankensystems geübt. Das Kapital der größten Finanzunternehmen mache weltweit durchschnittlich nur 4% ihrer gesamten Assets aus. Da das Aktienkapital der einzige wirkliche Puffer gegen Verluste ist, bedeute das, dass eine Schrumpfung des Wertes ihrer Assets um 4% bereits das gesamte Aktienkapital auslöscht und die Unternehmen an den Rand der Insolvenz bringt.

Nach Meinung der FDIC hat kein Finanzkonzern bis jetzt trotz tausender Seiten Papier einen glaubhaften, klaren, eine neue Finanzkrise vermeidenden Plan in den Bankrott vorgelegt. Alle Pläne verlangten unrealistische Annahmen und liefen auf direkte oder indirekte öffentliche Hilfe hinaus.

Das Fed-Direktorium hat sich der Wertung der FDIC erst vor wenigen Tagen angeschlossen, wenn auch in der Tendenz abgemildert, und fordert, dass die bis 1. Juli 2015 jährlich neu vorzulegenden Testaments-Pläne signifikante Verbesserungen aufweisen. Das betrifft in erster Linie Firmen mit mindestens 50 Mrd. Dollar Bilanzsumme: Bank of America, Bank of New York Mellon, Barclays, Citigroup, Credit Suisse, Deutsche Bank, Goldman Sachs, JPMorgan Chase, Morgan Stanley, State Street Corp. und UBS.

Hoenig kommt zu dem Schluss: „Diese Firmen sind heute alle größer, komplizierter und stärker ineinander verwoben als vor der 2008er Krise. Sie haben ihre Bilanzen nur marginal verbessert (…). Sie bleiben exzessiv gehebelt.“

Für ihn ist es fundamental, dass Märkte in offener, fairer Art und Weise operieren und alle Teilnehmer nach denselben Regeln spielen. Eine Situation, in der Oligopole sich zu Institutionen entwickeln, die zu groß sind, um zu scheitern, und die so bedeutend und komplex sind, dass sie mit ihrem Scheitern die Wirtschaft zerstören, hat nichts mit Marktwirtschaft zu tun. Darüber hinweg zu sehen, bedeutet die Krise einzuladen, so Hoenig.

Von „TBTF“ zu „BTFM“: Von „too big to fail“ zu „bigger to fail more“ – größer um noch stärker zu scheitern.

Ergänzung:
Ein lesenswerter Beitrag zum Thema unter dem Titel „The “Too Big to Fail Banks” are Bigger and more Powerful. The Financial Crisis has not Ended … It’s Only Gotten Worse„!

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