Zum Tod von Frank Schirrmacher

Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der FAZ, ist im Alter von nur 54 Jahren gestorben. Er war seit 1985 beim FAZ-Feuilleton und gestaltete es in zugespitzten Debatten nach und nach um von einer zeitlosen und abstrakten Gelehrten-Spielwiese zu einem Forum für die großen, aktuellen Themen.

Jenseits und hinter der Tagespolitik spürte er die großen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und naturwissenschaftlichen Strömungen auf. Er sah sich dabei in der humanistischen Tradition Euopas verwurzelt – ein Konservativer nicht im Sinne eines reaktionären Bewahrens irgendeines gesellschaftlichen ad-hoc-Zustands, sondern im Sinne eines Bewahrers von Grundwerten.

Mit dem Gespür für die enorme Tragweite ließ er etwa im Juni 2000 auf sechs Seiten das teilentschlüsselte menschliche Genom abdrucken – im Feuilleton, zusammen mit einem Beitrag von Craig Venter, dem Kopf dahinter.

Genauso widmete er wirtschaftlichen Themen im Feuilleton breiten Raum. Er sah als Konsequenz des vollumfänglichen Wettbewerbs auf globaler Ebene die Transformation des Menschen zum “homo oeconomicus”. Er kritisierte den Kasino-Kapitalismus, beleuchtete die Target2-Problematik des EZB-Systems, wollte das Feuilleton dazu einsetzen, dies einer Leserschicht zu vermitteln, die den Wirtschaftsteil überblättert. Er schrieb z.B. in der FAS vom 14.8.2011: „Die CDU hat ihre an die Finanzmärkte ausgeliehenen immateriellen Werte, ihre Vorstellung vom Individuum und vom Glück des Einzelnen, niemals zurückgefordert. Sie hat nicht nur keine Verantwortung für pleitegehende Banken verlangt, sie hat sich noch nicht einmal über die Verhunzung und Zertrümmerung ihrer Ideale beklagt. Entstanden ist so eine Welt des Doppel-Standards, in der aus ökonomischen Problemen unweigerlich moralische Probleme werden. Darin liegt die Explosivität der gegenwärtigen Lage, und das unterscheidet sie von den Krisen der alten Republik.“

Er schrieb auch über Schulden und Verschuldung. In einer Rezension zu „Debt: The First 5,000 Years“ des sich selbst als Anarchist bezeichnenden David Graeber führte er aus: „Längst hat diese Schuld zu einem autoritären Zuwachs des Staates geführt, der jetzt zunehmend unkontrolliert Opfer verordnen kann und vor allem wird. Noch haben die meisten Deutschen offenbar das Gefühl, dass sie die Schulden abbezahlen können. Ändert sich dies, ändert sich alles.“

Schirrmacher hat viele Dinge gründlich bedacht, manche konnte oder wollte er nicht zu Ende denken.

Zuletzt widmete sich Schirrmacher den Gefahren für die demokratischen Freiheiten, die von der zunehmenden Digitalisierung drohen. Von Big Data könnte es nicht weit zu Big Brother sein, warnte er. Erst vor wenigen Tagen vertrat Schirrmacher im Gespräch mit Marc Beise und Peter Sloterdijk den Standpunkt: „Wir können nur sagen, dass wir 200 Jahre nach der Dampfmaschine in eine Welt eintreten, auf die wir nicht gut vorbereitet sind. Eine Welt, die sozusagen das, was sie im Bereich der Dinge machte, jetzt in der Welt des Menschen selbst macht: Die völlige Ausdifferenzierung jedes Details seines Lebens, damit irgendjemand davon einen Vorteil hat. Und hier fällt unweigerlich auf, dass wir eine Asymmetrie der Macht haben, dass die Daten alle in riesigen Internetgiganten in den USA liegen.“

Schirrmacher wird im deutschen Journalismus fehlen.

„Ein freier, glücklicher Denker“ – Nachrufe in der FAZ

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