Banken-Stresstest: Diesmal solider?

Die europäischen Bankenaufseher wollen mit der bislang härtesten Prüfung der Bilanzen der Banken neues Vertrauen in die Stabilität der Kreditinstitute schaffen. Derzeit untersuchen mehr als 6000 Fachleute im Auftrag von EZB und EBA die Bilanzen der 128 wichtigsten Banken in der Europäischen Union. Nach diesem Asset Quality Review (AQR) soll ab August ein Stresstest stattfinden, dessen Einzelheiten die European Banking Authority (EBA) und die EZB jetzt vorgestellt haben.

Der AQR soll Eigenkapitallücken aufdecken – etliche Beobachter vermuten, den Instituten fehlen Eigenmittel in dreistelliger Milliardenhöhe, die Schätzungen gehen von 280 bis zu 770 Mrd. Euro. Der Stresstest soll zeigen, wie anfällig die Banken in möglichen Wirtschaftskrisen sind.

2010 hatte es schon einmal einen Stresstest gegeben, der wegen seiner niedrigen Anforderungen zur Lachnummer verkam. 2011 folgte ein zweiter, nach dem lediglich acht Banken keine harte Kernkapitalquote von mindestens fünf Prozent erreichten. Der französisch-belgischen Großbank Dexia wurde damals bescheinigt, sie benötige keine Stärkung ihrer Kapitalbasis – drei Monate später musste sie gestützt werden.

EBA und EZB unterstellen in dem neuerlichen Stresstest ein Negativszenario, bei dem das EU-BIP in den drei Jahren bis Ende 2016 um insgesamt 7% abnimmt gegenüber der im gleichen Zeitraum erwarteten leichten Konjunkturerholung. Zudem wird ein Einbruch des Aktienmarkts um rund 19% sowie ein Rückgang der Immobilienpreise um 15% unterstellt.

Unter diesen Stressbedingungen darf die harte Eigenkapitalquote (Core Tier 1 Ratio) nicht unter 5,5% sinken, während sie im sogenannten Basisszenario 8% nicht unterschreiten darf. Nach Schätzung der Bankenaufseher erreichten die 70 größten Banken per Ende 2013 im Schnitt eine Eigenkapitalquote von 11,7%, was einen ausreichenden Risikopuffer vermuten lässt. In der Praxis läuft der Stresstest also darauf hinaus, dass Banken mindestens 5,50 Euro Eigenkapital pro 100 Euro an risikogewichteten Aktiva in ihrer Bilanz halten müssen.

Der Verschuldungsgrad (Leverage Ratio) bleibt bei der ganzen Übung unberücksichtigt. Dieser, die Eigenkapitalstärke einer Bank ebenfalls zeigende Indikator, vermeidet (dehnbare) Bewertungsspielräume, die bei der Risikogewichtung möglich sind.

Die Aufseher wollen die Ergebnisse der Bankentests im Oktober veröffentlichen. Danach soll die EZB die EU-weite Bankenaufsicht übernehmen. Die Banken bekommen dann zwischen sechs und neun Monate Zeit, um eventuelle Eigenkapitallücken zu schließen. Dazu will die EZB in begrenztem Umfang auch „weicheres Eigenkapital“ in Form von Wandelanleihen anerkennen.

Mit der neuen Zuständigkeit für die Bankenregulierung und die sogenannte Bankenunion, die keine ist, soll künftig alles gut werden. Das kann man getrost bezweifeln. Bisher haben die Aufsichtsbehörden, die beiderseits des Atlantik tausende von Mitarbeitern beschäftigen, immer und überall versagt. Daran wird sich vermutlich nicht viel ändern. Man hätte schon länger eingreifen können, hat sich aber stets dem Diktat der Banken unterworfen, die damit drohen, ihre Kredittätigkeit einzuschränken, wenn sie mit adäquaten Kapitalanforderungen konfrontiert werden. Und so haben die Kreditinstitute in der EU ihre Bilanzen nicht saniert. Im Gegenteil, die notleidenden Kredite in ihren Bilanzen sind seit 2009 weiter angewachsen. Einige Beobachter sehen eine Verdopplung auf über 800 Mrd. Euro (siehe z.B. hier!).

Marco Onado, Professor an der Universität Mailand und früher Mitglied der Kommission zur Regulierung der italienischen Finanzmärkte, hat ausgerechnet, dass es etwa 18 Jahre dauern würde, bis ausgewählte große Banken der Eurozone ihr gegenwärtiges Kapital verdoppelt haben. Er kommt zu dem Schluss, dass die europäischen Banken noch weit von einem neuen Gleichgewicht entfernt sind. Sie hätten bis jetzt lediglich einige kleinere Anpassungen vorgenommen und setzten fundamentalen Umbrüchen der regulatorischen Rahmenbedingungen harten Widerstand entgegen.

Ein Komplex wird bei AQR und Bankenstresstest sorgsam ausgeklammert. Insbesonders südeuropäische Banken haben bedeutende Bestände an Staatsanleihen ihrer eigenen Regierungen in den Bilanzen. Diese gelten weiterhin (auch im Rahmen von AQR und Stresstest) wider alles bessere Wissen als risikolos und müssen daher nicht mit Eigenkapital hinterlegt werden.

Die unselige Verbindung maroder Banken und maroder Staaten hat die EZB selbst gefördert. Im Rahmen von zwei LTRO-Geschäften bekamen die Banken der Eurozone Liquidität von rund einer Billion Euro mit einer Frist von drei Jahren. Diese „Dicke Berta“ genannten Tender bedeuteten billiges Geld, denn sie kosten weniger als ein Prozent Zinsen. Vor allem südeuropäische Geldhäuser griffen damals zu und nutzten auch die mehrfach abgesenkten Anforderungen an zu hinterlegende Sicherheiten.

Gleichzeitig schrumpfte die Kreditvergabe an heimische Unternehmen und Konsumenten, zum einen, weil sich die Qualität dieser Kredite verschlechterte. Zum anderen ist es viel risikoloser und profitabler, mit dem billigen EZB-Geld heimische Staatsanleihen zu kaufen. Es braucht kein teures Eigenkapital vorgehalten zu werden und die Staatsanleihen werfen hohe Zinsen ab.

Italiens Banken haben ihren Bestand an heimischen Staatstiteln in den beiden zurückliegenden Jahren um 160 Mrd. Euro aufgestockt. Ende 2013 machten italienische Staatsanleihen bereits 10% der Bilanzsumme italienischer Banken aus. Auch die spanischen Banken haben in erheblichem Umfang heimische Staatsanleihen gekauft. Ihr Bestand stieg in den beiden Jahren bis Mitte 2013 um 147 Mrd. Euro (17,2% der Bilanzsumme). Portugals Banken wiesen zum selben Zeitpunkt 57 Mrd. Euro an vorwiegend heimischen Staatsanleihen in ihren Bilanzen aus (11,8%) (Quelle).

Diese Schieflage in den Bankenbilanzen wird die EZB großzügig übersehen. Sie hat die Anreize hierzu selbst gesetzt. Die Verbindung zwischen Finanzsektor und Staaten bleibt eines der hauptsächlichen Risiken für das Bankensystem (siehe auch hier!). Über die Bankenunion droht eine gemeinsame Haftung, wenn ein Land seine Schulden nicht mehr bedienen kann. Gleichzeitig verhindert der starke Kauf von Staatsanleihen maroder Staaten durch die Banken, dass die Staaten ihre Haushaltslage stringenter sanieren. Und die EZB wird an ihrer laxen Geldpolitik festhalten, bzw. diese möglicherweise alsbald sogar noch deutlich ausweiten. Damit sind AQR und Stresstest zu einem guten Teil eine Farce.

Eine Übersicht über die internationale Bankenlandschaft und wie im Vergleich dazu das EU-Bankensystem aussieht, findet sich hier: „EU mit höchstem Bankenrisiko„.

Es gibt ernst zu nehmende Stimmen, die eine Eigenkapitalquote der Banken von 25% fordern, wie etwa der letztjährige Wirtschaftsnobelpreisträger Eugene Fama. Auch Niklaus Blattner, von 2003 bis 2007 Vizepräsident der Schweizerischen Nationalbank, spricht sich für eine Quote von 20% aus und ist explizit gegen immer kompliziertere Regelwerke. Ebenso William White, ehemaliger Chefökonom der BIZ: Er sagt, auch die Kapitalanforderungen nach Basel III reichen keineswegs aus, Lehman Brothers habe kurz vor dem Kollaps eine risikogewichtete Eigenkapitalquote von 11% gehabt.

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