Piketty: Die ungleiche Wohlstandsverteilung

Thomas Piketty war bisher nur Insidern bekannt. Jetzt hat es der 42-jährige Franzose mit seinem Werk „Capital in the Twenty-First Century“ selbst in den USA in kurzer Zeit geschafft, hohe Anerkennung zu erreichen – die Nobelpreisträger Krugman und Stiglitz feiern ihn.

Piketty lehrt an der „Paris School for Economics“, an der auch eine informative Web-Seite zur weltweiten Einkommensverteilung gepflegt wird. Er untersucht die Geschichte von Einkommen und Wohlstand. Dabei setzt er in Anlehnung an Karl Marx „Wohlstand“ mit „Kapital“ gleich. Eine weitere Parallele zu Marx: Piketty versteht die Wirtschaftswissenschaft als Kombination aus den Sparten Soziologie, Geschichte, Anthropologie und Politologie. In gewissem Sinne liefert Piketty die Ergänzung zur historischen Analyse der Staatsverschuldung von Reinhart und Rogoff („This time is different“ – siehe z.B. hier!).

Pikettys Analyse von Wohlstand und Einkommensverteilung kommt zu dem Schluss, dass die Kapitalerträge in der Regel schneller steigen als die entsprechende Volkswirtschaft wächst. Ungleichheit in der Einkommensverteilung ist kein Zufall in der Entwicklung des Kapitalismus. Zumindest die oberen zehn Prozent in der Reichtumsverteilung verdienen durch Kapitalanlage mehr als durch produktive Arbeit. Auch innerhalb dieser oberen Schicht geht die Schere der Wohlstandsverteilung immer weiter auf, weil sich die Kapitalrenditen über die Zeit akkumulieren und der Kapitalstock vererbt wird. Die zahlenmäßige Minderheit der Kapitalbesitzer sammelt so immer mehr Kapital an und steuert die Geschicke der kapitalistischen Gesellschaften in immer stärkerem Maße. „Self-made“-Millionäre sind die Ausnahmen, die die Regel bestätigen, findet Piketty.

Der Ertrag der Lohnarbeit steigt nach Pikettys Untersuchungen bestenfalls so schnell wie die Volkswirtschaft wächst. Seit einigen Dekaden sinkt der Anteil des Produktionsfaktors Arbeit am BIP sogar. Große Kriege, langanhaltende strukturelle Wirtschaftskrisen und ihre Folgen unterbrechen die ungleiche Ertragsentwicklung von Kapital und Arbeit immer wieder, bevor sich der Trend dann weiter fortsetzt.

Es ist unbestritten, dass eine Gesellschaft eine gewisse Ungleichheit braucht, um Anreize für Innovationen zu schaffen und diejenigen zu belohnen, die mit Talent, erworbenem Wissen und der Bereitschaft, unternehmerisches Risiko (und Haftung) zu übernehmen, dafür sorgen, dass Wachstum und Fortschritt angetrieben werden zum Wohle der Gesamtgesellschaft, die ihnen die Möglichkeit zur Umsetzung ihrer Ideen gab. Ist allerdings der Wohlstand zu sehr in Händen einiger weniger konzentriert, besteht die Gefahr, dass immer mehr Mitglieder der Gesellschaft keine Möglichkeit mehr haben, die Früchte ihrer Talente, Fähigkeiten, Neigungen und harter Arbeit zu genießen. Eine solche Ungleichverteilung wirkt dann kontraproduktiv.

Die Wohlstandsquote, also das Verhältnis von privatem Kapital und Wirtschaftsleistung, liegt in Deutschland aktuell bei knapp 450%. Bei einem aktuellen BIP von rund 2,7 Bill. Euro kommt das private Kapital auf rund 12,2 Bill. Euro, gebildet aus Geldvermögen (5,2 Bill. Euro), Immobilienvermögen (6 Bill. Euro) und sonstigen Sach- und Gebrauchsvermögen (rund 1 Bill. Euro). In den USA liegt die Wohlstandsquote aktuell bei etwa 550% (siehe „2013 – das Jahr der großen Umverteilung„).

Pikettys Kritiker halten entgegen, dass langfristig Kapitalanlagen nur im Rahmen der Volkswirtschaft wachsen können. Das steht jedoch seinen Thesen nicht entgegen. Denn über einen durchaus einige Dekaden überstreichenden Zeitraum kann dieser Rahmen durch übermäßige Verschuldung und andere spekulative Übertreibungen gesprengt werden, bevor Krisen und/oder Kriege für einen „Reset“ sorgen. So ist etwa die Wohlstandsquote in Spanien wegen des mit dem Euro einsetzenden Immobilienbooms per 2007 bis auf 800% gestiegen. Die Korrektur dieser Übertreibung dauert immer noch an.

In Griechenland zeigt sich an einem kleinen Beispiel, dass die Umverteilung zugunsten der Kapitalseite weiter in vollem Gange ist: Kürzlich fanden Staatsanleihen reißenden Absatz, deren Rendite von knapp 5% stark kontrastiert zum darniederliegenden BIP-Wachstum.

Die nachfolgenden Charts sind der Abhandlung „Capital is Back: Wealth-Income Ratios in Rich Countries 1700-2010“ von T. Piketty und G. Zucman entnommen.

Anmerkung:
Die Ergebnisse von Piketty finden ihre Entsprechung in der Untersuchung der EZB zur Wohlstandsverteilung in Europa vom April 2013 und im Allianz Wealth Report vom September 2013. Beide weisen im Vergleich zu Deutschland höhere pro-Kopf-Vermögen in Frankreich und Italien (und Spanien) aus.

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