EU-BIP steigt um 2,4% – im September

Im September 2014 steigt das EU-BIP um 2,4%. Um das vorherzusagen, benötigt man keine Glaskugel: EuroStat stellt dann auf einen neuen Standard der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung namens „European System of Accounts 2010“ um. Der neue Standard ersetzt den alten “ESA 1995”, die Umstellung ist Teil einer weltweiten Vereinheitlichung auf das “System of National Accounts 2008“ der UN.

Die Änderung wird alle zurückliegenden und natürlich auch alle künftigen Daten betreffen. Sie führt im gewichteten Mittel in der EU zu einer Steigerung des BIP um besagte 2,4%, davon sind 1,9%, also etwa 80%, auf die Kapitalisierung von Ausgaben für Forschung und Entwicklung zurückzuführen.

Die USA haben schon im August vergangenen Jahres umgestellt – mit „wohltuenden“ Folgen: Das BIP stieg um 3,5%, die Kapitalisierung von Ausgaben für Forschung und Entwicklung machte dabei 2,5% aus.

Die Wachstumsraten in der EU werden durch die Änderung insgesamt kaum betroffen. Für Lettland, Litauen, Ungarn, Polen und Rumänien allerdings steigt der jährliche Zuwachs um Werte bis zu einem Prozent. Aber insbesondere die Länder mit hoher Verschuldung können sich trotzdem freuen – ihre BIP-Schuldenquote sinkt.

Neben der Kapitalisierung von Ausgaben für Forschung und Entwicklung werden auch Militärausgaben aktiviert (ist ja auch eine Investition…). Auch die Behandlung von Pensionen, Versicherungen und vorübergehenden Warenexporten zur Weiterverarbeitung ändert sich.

Zur Begründung wird angegeben, das System der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung müsse mit der Zeit gehen und u.a. der Globalisierung Rechnung tragen. Außerdem habe in der zurückliegenden Dekade die Rolle von Informations- und Kommunikations-Technologien in Produktionsprozessen zugenommen, die Bedeutung immaterieller Vermögensgegenstände sei gewachsen, auch die Expansion von Finanzdienstleistung sei zu berücksichtigen. Ebenso erforderten die Globalisierung der nationalen Wirtschaftssysteme und die Reformen der sozialen Sicherungssysteme Änderungen in der statistischen Erhebung.

Am Beispiel der im August 2013 in den USA erfolgten Umstellung lassen sich die wohltuenden Auswirkungen der neuen Methodik schön zeigen. Im zweiten Quartal 2013 kam das US-BIP mit der neuen Methodik auf fast 560 Mrd. Dollar höher als mit der alten. Im Jahresvergleich ist die US-Wirtschaft um 2,8% gewachsen – und nicht um 2,2%, wie zuvor prognostiziert.

Die Änderung bei der Behandlung der Ausgaben für Forschung und Entwicklung ließ das BIP um fast 400 Mrd. Dollar steigen. Selbst erstellte Software und Ausgaben für die Produktion von Kunst sind jetzt Investitionen, das fügte dem BIP 74 Mrd. Dollar hinzu. Die Produktionskosten eines Films z.B. erhöhen das BIP jetzt, unabhängig davon, ob er ein Kassenschlager wird oder nicht. Die USA sind Weltmeister bei der Produktion von Software, Filmen und Fernsehserien, die neue Methodik verbessert ihre Position im internationalen Vergleich.

Nach dem neuen System werden nun Pensionspläne „periodengerecht“ verbucht, Ansprüche auf Altersrente gehen schon dann in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung ein, wenn der Arbeitgeber sie zusagt und nicht erst, wenn er Beiträge einzahlt. Das hat für die Statistik der USA weitreichende Folgen, die notorisch niedrige Sparquote der privaten Haushalte steigt, das Defizit in den Haushalten von Städten und Bundesstaaten allerdings auch. Wird die Methode richtig angewandt, müsste sie anders als bisher deutlicher machen, wo Regierungen ungedeckte Zusagen an ihre Beschäftigten machen.

Mit der neuen Methodik verschieben sich die internationalen volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen von einer Markt- hin zu einer Potenzialorientierung. Ein Land kann sich jetzt leichter reich rechnen.

An einem Punkt ist die neue Methodik konsequenter als die alte. Die Ausgaben für dingliche Investitionen und die für Forschung und Entwicklung werden jetzt gleich behandelt. Ob die Ausgaben dann produktiv sind oder nicht, spielt erst im Nachhinein, oft Jahre später, eine Rolle.

Ich muss unwillkürlich an die Einführung der hedonischen Preisbildung während, bzw. teilweise schon vor der Clinton-Ära denken. Damals wurde z.B. der Wert eines neu angeschafften PCs nicht mehr mit seinem Einkaufspreis angesetzt, sondern seine gestiegene Leistungsfähigkeit berücksichtigt. Auch das hat damals dem BIP einige Prozente Zuwachs beschert (siehe hierzu z.B. hier!).

Ingesamt führt die neue Methodik zu höheren BIP-Niveaus, die jährlichen Zuwachsraten dürften außer bei Ländern mit schnellen strukturellen Veränderungen nur wenig beeinflusst werden.

Nicht vergessen: Die BIP-Schuldenquoten dürften in der Regel sinken. Wie schön! Alles wird besser – zur Not dank Statistik.

Nachtrag:
(13.3.14) Das ifo Institut hat ausgerechnet, dass die deutsche Wirtschaftsleistung aus demselben Grunde wie oben dargestellt im September schlagartig um 3% höher ausfallen wird als bisher berechnet. Das Wirtschaftswachstum dürfte sich dadurch aber nicht wesentlich ändern. Als Nebeneffekt sinken alle als Anteil am Bruttoinlandsprodukt gerechneten Quoten leicht. Die deutsche Schuldenstandsquote kommt dann beispielsweise per 2011 auf 77,7% statt 80,0%.

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