Andere Zeiten – andere Ideen

Fünf Jahre lang ist versucht worden, die Wirtschaft nach dem offenen Ausbruch der Finanzkrise im Herbst 2008 mit Methoden in Schwung zu bringen, die auf Vorschläge von John Maynard Keynes zurückgehen. Seine Theorien galten lange nichts, stattdessen hatte sich der Neoliberalismus breit gemacht, dem Milton Friedman den Weg bereitet hatte.

Blicken wir zurück auf die Hauptströmungen der Nationalökonomie der vergangenen hundert Jahre und die Bedingungen ihres Entstehens. Bahnbrechende Ideen entstehen immer dann, wenn sich die Welt im Umbruch befindet. Kein kluger Kopf kann ohne diese Voraussetzung klug sein.

In welchem historischen Kontext standen Keynes und Friedman?

Baron Keynes war u.a. Politiker, Mathematiker, Fonds-Manager, er zählt zu den bedeutendsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts.

Zum Zeitpunkt des Ausbruchs des ersten Weltkriegs begann der vor der Jahrhundertwende angelaufene Kondratieff-Zyklus zu erlahmen. Nach dem durch die Basis-Innovationen Elektrizität und Kraftfahrzeug getriebenen ersten Aufschwung begann der Zyklus in seiner „Sommer“-Phase Überfluss-Mentalität zu zeigen, Unternehmensgewinne und Aktienkurse stagnierten, Preise und Zinsen stiegen. Der internationale Wettbewerb erforderte die Neuaufteilung der Einflusssphären.

Nach dem Ende des Krieges nahm Keynes auf Seiten Englands zeitweilig an den Versailler Verhandlungen teil, bei denen es darum ging, wie Deutschland für seine Niederlage zu zahlen hatte. Keynes vertrat dabei die Ansicht, man sollte den Kriegsverlierer nicht zu stark belasten.

Möglicherweise hat Keynes damals bereits den Eindruck gewonnen, das kapitalistische System sei keineswegs inhärent stabil und falle quasi von selbst immer wieder auf die Füße. Möglicherweise hat er damals auch bereits die Überzeugung entwickelt, die Politik müsse in der Wirtschaft eine aktive Rolle spielen.

In der Zeit nach dem ersten Weltkrieg, insbesondere nach 1920, hatte sich im Kondratieff-„Herbst“, in den „roaring 20’s“, exzessive Überflussmentalität breit gemacht, Unternehmensgewinne, Aktienkurse und Verschuldung waren stark angestiegen. Der Kapitalismus erschien wieder als Hort stets zu sich selbst zurückfindender Stabilität. Dann brach die Weltwirtschaftskrise 1929 aus, die nur wenige Ökonomen hatten kommen sehen. Entsprechend groß war der Schock.

Keynes bahnbrechende Idee war nicht das Sparparadoxon, auch nicht, dass ein Staat in schlechten Zeiten mehr ausgeben oder sogar defizitär agieren sollte. Sein bahnbrechender Ausgangspunkt war der, dass er Wirtschaftskrisen nicht wie z.B. Schumpeter in den Zusammenhang zu einem vorhergehenden Boom stellte, sondern danach fragte, warum eine einmal eingetretene hohe Arbeitslosigkeit und nachlassende wirtschaftliche Leistungsfähigkeit in einer Wettbewerbs-orientierten Marktwirtschaft so lange anhalten konnten. Warum stellte sich nicht quasi automatisch ein neues Gleichgewicht ein, von dem aus es für Unternehmen wieder interessant war, Arbeitsplätze zu schaffen und neu zu investieren? Entsprechendes hatten die Ökonomen vor ihm und auch seine damaligen direkten Widersacher aus der Österreichischen Schulde der Nationlökonomie stets behauptet.

Marx hatte einige Dekaden zuvor herausgearbeitet, dass der Kapitalismus den Keim der Instabilität in sich trägt. Dreh- und Angelpunkt ist dabei sein Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate: Langfristig sinken die Renditen aus unternehmerischen Aktivitäten, die Maßnahmen dagegen verschärfen den Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit, ohne die Tendenz umkehren zu können.

Keynes sieht ebenfalls inhärente Instabilität des Kapitalismus und Fall der unternehmerischen Renditen, in seinen Augen sind beide aber lediglich Episoden. Eine solche war die Zeit nach 1929: In Depressionen könnten selbst Zinssätze nahe Null Unternehmer nicht bewegen, Kredite aufzunehmen und Arbeitsplätze zu schaffen, weil in Zeiten fallender Preise keine Hoffnung auf eine Erholung der Nachfrage besteht. Der einzige Weg aus diesem Dilemma ist nach Keynes, den Staat als letztinstanzlichen Nachfrager einzusetzen, so wie die Notenbank der letztinstanzliche Kreditgeber ist.

Keynes Zeitgenosse Irving Fisher formulierte mit seinem Deflationsmechanismus ähnliche Ideen und kam ebenfalls zu dem Schluss, dass nur entschlossenes Handeln von Politik und Notenbanken die 1929 ausgebrochene Krise beenden kann. Keynes blieb es allerdings vorbehalten, in seiner „General Theory“ ein geschlossenes neues Gedankengebäude zu errichten.

Nach den Wirren des zweiten Weltkriegs machte sich allmählich politische Stabilität breit, die freiheitlichen Werte des Westens wurden gegen den Ostblock kollektiv hoch gehalten. Der um 1950 gestartete neue Kondratieff-Zyklus befand sich in seiner Frühphase. Die Basisinnovation Elektronik sorgte für Aufbruchstimmung, es wurde stark investiert, Unternehmensgewinne und Aktienkurse stiegen.

Auch jetzt: Neue Zeit – neue Ideen. Milton Friedman vertraute als klassischer Liberaler erneut darauf, dass das kapitalistische Wirtschaftssystem inhärent stabil ist. In seinem Bestseller „Kapitalismus und Freiheit“ (1962) forderte er die Minimierung der Rolle des Staates, um politische und gesellschaftliche Freiheit zu fördern, die er als Nährboden wirtschaftlicher Prosperität sah. Er stellte die Vorteile eines freien Marktes heraus, Eingriffe des Staates wirken eher destabilisierend, befand er. Begünstigt wurden diese Ideen dadurch, dass in den späten 1960er und in den 1970er Jahren eine an Keynes orientierte Wirtschaftspolitik regelmäßig zu Inflation und Arbeitslosigkeit, also zu Stagflation, führte.

Damit wurde Friedman zum großen Widersacher der Theorien von Keynes. Seine Ideen bereiteten der Entwicklung des Finanzkapitalismus den Boden. Nach und nach fielen Beschränkungen, das Bretton Woods System kontrollierter Währungsrelationen, bei dessen Konstruktion Keynes mitgewirkt hatte, endete 1971, Kapitalverkehrskontrollen wurden abgebaut, die Globalisierung nahm ihren Lauf.

Der Neoliberalismus trieb Fiedmans Ansatz auf die Spitze, forderte die umfassende Deregulierung – und bekam sie. Gleichzeitig stieg die Verschuldung der Staaten mit Aufkommen neoliberaler Ideen immer stärker an. Ein hervorragendes Geschäft für die Finanzindustrie und Garant für die Willfährigkeit der Staaten ihren Kreditgebern gegenüber. Friedman hatte den Staaten ja eine minimale Rolle zugedacht… – aber so?

Wie sehr hat die Finanzindustrie seit Friedman profitiert? Der Anteil der Nach-Steuer-Profite des US-Finanz-Sektors am BIP erhöhte sich seit 1969 um gut 240%, die Nicht-Finanz-Unternehmen bringen es gerade mal auf eine Steigerung von 36%. Die Banken als Ganzes sind mittlerweile „too big to fail“.

Sehen wir heute bahnbrechende neue Ideen auf dem Gebiet der Wirtschaftstheorie? Ich sehe keine. Heißt das im Umkehrschluss, dass wir keine anderen, keine neuen Zeiten haben?

Die vier jüngsten Kondratieff-Zyklen im Überblick.

Anmerkung:
Von Sylvia Nasar stammt das Buch „Markt und Moral – die großen Ökonomen und ihre Ideen“ (C. Bertelsmann). Die Passagen über die Weltwirtschaftskrise 1929 und die Zeit danach, insbesondere auch über die Politik der Fed in dieser Episode sind aufschlussreich.

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