Wachstumsillusionen | Teil 2

Dieser Artikel setzt „Wachstumsillusionen | Teil 1“ vom 8. Januar 2013 fort und lässt „THESE und ANTITHESE zur Beschleunigung“ zu Wort kommen.

Die SYNTHESE sollen im 4. Teil dieses Artikel-Zyklus diejenigen formulieren, die Antworten darauf zu finden versuchen, was ein gutes Leben ist bzw. welche gesellschaftliche Organisationsform das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl verspricht (nach einer Formulierung von Erich Fromm auf Basis der amerikanischen Verfassung oder der gegenwärtigen Verfassung von Butan).

Der 3. Teil wird sich um Wachstum von Geldmengenaggregaten vs. negatives Wachstum von Kaufkraft unserer Fiat-Währungen drehen.

Wachstumsillusionen | Teil 2: Analyse aus Sicht der Unternehmensberater und der Soziologie

In den zurückliegenden Jahren sind viele Bücher zum Thema „Wachstumskritik“ erschienen. Fast alle beschreiben nur Symptome und zeigen mögliche Alternativen auf. Kaum jemand hat die Ursachen der irrationalen Pseudowahrheit „Ohne Wachstum ist alles nichts“ erforscht, mit der uns sowohl Politiker als auch Ökonomen die gesunde Neugier des „Hinterfragens“ austreiben wollen, indem sie dies als „alternativlos“ proklamieren. Dass Wachstum und Beschleunigung sich gegenseitig bedingen, wird auch relativ selten formuliert. Natürlich muss man dann auch die negativen Folgen der Beschleunigung in Kauf nehmen, wenn man unbedingt wachsen will. Hinzu kommt noch der vollumfängliche Wettbewerb auf globaler Ebene, der die Transformation des Menschen zum „homo oeconomicus“ zur Konsequenz hat (Frank Schirrmacher).

Wenn Schirmmacher sich in seinem Buch „Ego: Das Spiel des Lebens“ auf die Ursachenforschung dieser Transformation begibt, ist dieses Thema zumindest unter den Intellektuellen in Deutschland virulent. Zuvor hatte er am 13. November 2011 in der FAS das Buch des Anthropologen David Graeber „Debt: The First 5,000 Years“ in den Himmel gelobt und einige Monate früher bereits den bekannten konservativen Publizisten Charles Moore aus dem „Daily Telegraph“ zitiert: „Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat“ (FAS vom 14. August 2011).

Graebers Buch ist für diese Diskussion so wichtig, weil Schulden der Brandbeschleuniger sind, mit dem das Wachstum beschleunigt wurde – und das ist eine Wachstumszutat, die in Zukunft nicht mehr zur Verfügung steht.

2.1. THESE

Das subjektiv glaubwürdigste und in wörtlicher Rede vorgetragene Glaubensbekenntnis der Wachstumsbeschleuniger stammt von Frau Dr. Antonella Mei-Pochtler, einer der Senior Partner von Boston Consulting Group und eine führende (Top 20) UnternehmensberaterInnen, die z.B. die Bertelsmann AG berät. Sie soll hier die THESE vertreten. Sehen Sie dazu einen Ausschnitt aus dem Interview, das Florian Opitz für den Film „Speed – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ mit ihr geführt hat:

INTERVIEW: Frau Dr. Antonella Mei-Pochtler

2.2. ANTITHESE

Die ANTITHESE kommt von dem Soziologen Hartmut Rosa, der sich mit dem Thema „Beschleunigung – Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne“ im Fach Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena habilitiert hat, nachdem er ein paar Jahr zuvor mit einem politischen Thema an der Humboldt-Universität promoviert hatte.

Rosa ist meiner Meinung nach der Erste, der die Zusammenhänge von „Beschleunigung – Wachstum – Lebensqualität“ wissenschaftlich untersucht hat, und damit ein neues Forschungsgebiet der Soziologie eröffnet hat. Er legt Wert darauf, dass dies kein Forschungsgegenstand der Wissenschaft vom individuellen Menschen ist, sondern ein gesellschaftliches und damit politisches Thema. Rosa gebraucht sehr gerne das Bild oder die Formulierung: „Wie ist der Mensch in die Welt gestellt?“. Damit versucht er der Wechselwirkung von „Welt“ und „Mensch“ auf den Grund zu gehen. Das entwickelt er in dem aktuellen Buch „Weltbeziehungen im Zeitalter der Beschleunigung“ weiter und stellt dann auch den Zusammenhang von Globalisierung und Beschleunigung ausführlich dar.

Die folgenden Sätze sind gekürzte wörtliche Zitate (Ausschnitte) aus den Gesprächen mit Florian Opitz für den Film „Speed – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“:

„Ich begann zu erforschen, wie sich die Zeitstrukturen in der modernen Gesellschaft ändern. Mich interessiert, wie sich die Art und Weise, wie die Menschen »Welt erleben« und wie sie in die Welt gestellt sind, verändert und warum. Es sind nämlich gar nicht so sehr unsere Wertvorstellungen, die unsere Welt- und Lebenseinstellung prägen, sondern die Zeitverhältnisse. Es wird so etwas wie ein Dauerdruck auf uns moderne Menschen ausgeübt, und dadurch entsteht eine gewisse Atemlosigkeit und Hast bei uns.

Die Zeitnot dieser Gesellschaft ist im gleichen Maße gestiegen wie ihre Fähigkeit, Zeit zu sparen. Die Wissenschaft hat sich dieses Problems bisher nicht angenommen. Also, wo ist die Zeit geblieben?

Das weitverbreitete Gefühl der Zeitnot hängt natürlich schon auch mit Technologien zusammen. Wir können uns heute ganz schnell bewegen, können rasend schnell Güter und Informationen über die Welt bewegen. Das erklärt aber nicht, wieso uns die Zeit ausgeht. Die geht uns deshalb aus, weil wir denken, dass wir in immer kürzeren Zeitabschnitten immer mehr Dinge erledigen müssen und wollen. Viele haben den Eindruck, sie müssten jedes Jahr ein bisschen schneller laufen – und jetzt kommt das für mich Spannendste –, nicht, um irgendwo hinzugelangen, sondern um ihre Position zu halten.

Wir bewegen uns in einer Welt, die sich in allen möglichen Dimensionen ständig ändert und ständig schneller ändert. Man muss auf dem Laufenden bleiben, mit den Veränderungen in der politischen Welt, bei Software und Hardware, bei unseren Freunden und in der Familie et cetera. Und so gibt es immer mehr Lebensbereiche, die uns vorkommen wie Rolltreppen, die nach unten fahren. Wenn wir auf dem Laufenden bleiben wollen, müssen wir diese Treppen immer schneller hochstürmen, um oben zu bleiben. Viele Menschen haben heute das Gefühl, die Kontrolle über die eigene Lebensführung zu verlieren. Die beschleunigte Gesellschaft produziert ununterbrochen schuldige Subjekte.

Diese Zeit nehmen wir uns aber nicht mehr; wir werden, um es mit Goethes Zauberlehrling zu sagen, die Geister nicht mehr los, die wir riefen. Aber es hält keiner aus, unter Dauerstrom zu stehen. Irgendwann gerät jeder in einen Erschöpfungszustand. Die Konzentrationsfähigkeit nimmt ab, die Aufmerksamkeitsspanne wird kürzer. Wir hoppen von einem Ereignis zum nächsten. Wir sind dann kaum noch in der Lage, längere Projekte durchzuziehen, von Kreativität gar nicht zu reden. Beim Individuum führt das zu Burn-out-Zuständen, bei Organisationen zu organisatorischem Kammerflimmern. Wirklichen Tiefgang und Innovationen bekommt man nicht durch totale Flexibilität, Kommunikation und schnelles Reagieren, sondern durch eine gewisse Unempfindlichkeit gegenüber den kommunikativen Reizen der Umwelt.

Die Zeit wird auch knapp, weil das Missverhältnis zwischen Mensch und Technologie immer größer wird. Unsere modernen Geräte und Technologien können immer mehr, bieten immer mehr Optionen, die wir aber nicht mehr ausschöpfen. Das weiß jeder, der im Internet surft. Da stehen alle Informationen, die ich haben muss, ich finde sie nur nicht. Im seltensten Fall liest ein Internetbenutzer eine Seite bis zum Ende. Weil man immer das Gefühl hat, woanders findet man möglicherweise etwas Besseres oder mehr. Und das Gleiche gilt für die Geräte, mit denen wir uns umgeben. Also mit der neuen Fotokamera, dem neuen Fernseher, Computer oder Drucker. Diese Dinge werden immer schlauer, können immer mehr, aber wir wechseln sie auch in immer kürzeren Abständen aus, und wir werden mit den Sachen nicht mehr vertraut. Man kann sogar zeigen, dass wir fast mit jeder neuen Technologiegeneration inzwischen weniger können als mit der letzten. Vor zehn Jahren wusste fast jeder, wie man eine Radiosendung aufnimmt. Man hat die Kassette eingelegt und auf den Aufnahme-, den Record-Knopf gedrückt. Das konnte fast jeder.

Die heutigen Technologien können viel bessere und kompliziertere Dinge tun, aber die wenigsten wissen, wie sie eine Radiosendung aufnehmen können. Oder eine Digitalkamera. Die macht tolle Bilder und hat endlos viele Optionen, aber die wenigsten wissen, welche. Weil sie sie viel zu schnell austauschen. Das Gleiche gilt für das Handy, das Navi und so weiter. Die Dinge bleiben uns immer fremd, weil wir wissen, sie sind wahnsinnig komplex, und wir haben gar keine Zeit, sie auszuschöpfen. Der Ausschöpfungsgrad nimmt ab, und dadurch machen wir uns selbst auch ein bisschen unglücklich.

Es gibt drei Bereiche, in denen die Gesellschaft sich wirklich beschleunigt. In der Technologie, im Tempo des sozialen Wandels bzw. im Tempo unseres Lebens.

Bei der Technologie ist es am offenkundigsten. Im Transport, bei Dienstleistungen, in der Kommunikation und in der Produktion haben wir gigantische Beschleunigungsgewinne, die sich um den Faktor von zehn hoch zwei, drei oder vier bewegen. Aber auch unsere Lebensverhältnisse haben sich beschleunigt. Moden kommen und gehen in immer kürzeren Zeitabschnitten. Menschen wechseln in immer kürzeren Zeitabschnitten ihren Arbeitsplatz, ihren Wohnort oder ihren Lebenspartner. Das sind Beschleunigungsprozesse, die ich ›Beschleunigung des sozialen Wandels‹ nenne. Aber daneben hat sich auch das Tempo unseres Lebens gesteigert. Viele Menschen haben das Gefühl, die Absicht und sehr häufig auch den Druck, innerhalb einer bestimmten Zeitspanne am Tag, im Jahr oder im Leben mehr Dinge erledigen zu müssen als zuvor. Man muss mehr in einen Tag pressen oder in ein Leben. Und das tun wir, indem wir schneller handeln, Fastfood und Speeddating und solche Dinge tun oder indem wir versuchen, Pausen wegzulassen.

Dass immer mehr Menschen ihre Zeitnot als individuelles Versagen wahrnehmen, wird durch Zeitratgeber, die es in Hülle und Fülle gibt, verstärkt. Die sagen einfach, dass wir ein falsches Zeitbewusstsein haben. Aber das ist genau der große Irrtum. Die ganze Gesellschaft beschleunigt sich. Alle individuellen Entschleunigungsstrategien können da eigentlich nur scheitern. Kaum jemand sagt, dass das ein strukturelles, gesellschaftliches Problem ist.

Ich glaube, dass es viele Räder gibt, die zusammen wirken und ein ineinandergreifendes System der Beschleunigung erzeugen.

Zunächst: Wir wollen schnell leben. Ich glaube, dass es eine kulturelle Verheißung von Beschleunigung gibt, bei der Beschleunigung zum Ewigkeitsersatz wird. Die moderne Gesellschaft ist überwiegend eine säkulare Gesellschaft. Das heißt, das Gewicht unserer Lebensführung liegt nicht auf einem imaginären Leben nach dem Tod, sondern auf einem Leben vor dem Tod. Und da sind wir zu der Einsicht gekommen, dass das gute Leben darin liegt, dass es ein reichhaltiges Leben ist. Dass wir möglichst viele und tiefe Erfahrungen und Erlebnisse haben. Und da liegt es nahe zu sagen: Wenn ich doppelt so schnell mache, kann ich zwei Leben in einem unterbringen, ich kann das Erlebnispensum verdoppeln. Die Beschleunigung, die Steigerung der Erlebnisepisoden, ist unsere Antwort auf das Todesproblem geworden. Wir wollen ein ewiges Leben vor dem Tod haben. Irgendwann muss ich sterben. Das weiß jeder von uns. Das mag siebzig, achtzig, neunzig oder vielleicht sogar hundert Jahre dauern, doch bevor es so weit ist, möchten wir noch so viel Welt wie möglich mitnehmen, und das legt Beschleunigung nahe.

Aber ich glaube, dass dieses kulturelle Prinzip nicht der Hauptantriebsfaktor ist. Es ist schon so, dass die ökonomische Logik eines kapitalistischen Systems Zeit verknappt, in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem ist Zeit notwendigerweise knapp, ist Zeit Geld, und Geld ist notwendigerweise knapp. Naturgemäß gibt es also in einer kapitalistischen Gesellschaft keine langfristige oder nachhaltige Entschleunigung. Doch nicht nur Kapitalismus und Wirtschaft treiben uns an, sondern überhaupt die Wettbewerbslogik: Wir verteilen alle Güter, alle Positionen, Privilegien, Freunde in einem Wettbewerbssystem nach der Logik der Konkurrenz. Das ist der Hauptantriebsmotor dieser Gesellschaft, und der macht Menschen selbstverständlich auch irgendwie Angst, weil sie ständig das Gefühl haben, sie könnten morgen schon abgehängt sein.

Die technischen Beschleunigungsgewinne haben uns in der Geschichte der Moderne natürlich riesige Spielräume eröffnet. Sowohl den Individuen als auch in der politischen Gestaltung. Beschleunigung als Grundprinzip, als Hauptprinzip von Modernisierung, ist per se nicht schlimm, das Problem entsteht dort, wo sie nicht abschließbar ist. In der Geschichte der Moderne, mindestens in den letzten zweihundert Jahren, war die Beschleunigung ein fast durchgängiger, relativ stetiger Prozess. Natürlich gab es immer mal Beschleunigungswellen und auch Widerstände gegen Beschleunigung, aber insgesamt ist das Niveau doch permanent angestiegen. Egal welche Widerstände es dazwischen gab.

Momentan befinden wir uns in einer kritischen Umbruchphase. Die Menschen können heute immer weniger die Verheißungsseite der Beschleunigung sehen bzw. was ihnen die Beschleunigung bringen soll. Sie haben das Gefühl, dass es jedes Jahr ein bisschen schneller geht und dass auch sie jedes Jahr schneller werden müssen. Aber im Gegensatz zu früher ist damit keine Bewegungs- oder Entwicklungshoffnung mehr verbunden. Der Lebensstandard steigt nicht mehr spürbar durch den immer höher werdenden Druck. Was wir jetzt beobachten können, ist der Verlust der Fortschrittshoffnung. Dass Menschen nicht mehr glauben, die Dinge werden besser dadurch, dass wir wachsen oder beschleunigen, sondern dass sie das Gefühl haben, der Druck wachse ihnen über den Kopf. Das erzeugt eine Art Kollektivdepression. Wir haben Strukturen geschaffen, die sich beschleunigen müssen; nicht, damit die Dinge besser werden, sondern damit sie überhaupt bestehen können. Und das ist der Punkt, wo Beschleunigung aus meiner Sicht schlimm wird, wo wir nämlich immer schneller rennen müssen, nicht, um irgendwo hinzukommen, sondern nur um irgendwie auf dem Laufenden, im Spiel zu bleiben.

Es ist doch kein Zufall, dass genau in dem Zeitalter, in dem permanent der Wettbewerb beschworen wird, in dem sich fast alle Parteien einig sind, dass wir mehr Wettbewerb unter Schulen, mehr Wettbewerb unter Universitäten, mehr Wettbewerb unter Strom- und Gasanbietern und Versicherern und so weiter brauchen, dass genau in dem Zeitalter auch die Menschen über Zeitnot im wachsenden Maße klagen. Wer »Mehr Wettbewerb« sagt, meint weniger Zeit. Meint Verschärfung der Beschleunigungslogik.

Was ist da eigentlich passiert? Die Finanzmärkte und ihre Logik haben sich abgelöst von der realen Ökonomie. Denn die lässt sich nicht beliebig beschleunigen. Denn man braucht, um etwas zu produzieren, um wirkliches Wachstum zu erzielen, Zeit. Man kann nicht beliebig schnell produzieren. Man braucht ja allein schon Zeit, um die Fabriken und Industrien zu errichten, in denen produziert werden soll. Und übrigens braucht man auch relativ stabile Verhältnisse. Man muss die Hoffnung haben dürfen, dass das Produkt, das man herstellen will, auch noch nachgefragt wird, wenn die Fabrik Jahre später fertig ist. Realwirtschaftliche Produktion ist also zeitaufwändig.

Wie lässt sich das Beschleunigungsspiel trotzdem in Gang halten? Zum einen werfen wir die Güter fast immer weg, bevor sie eigentlich kaputt sind. Ehe sie physisch zerschlissen sind. Karl Marx hat das mal für die Produktion beschrieben und gesagt: Der moralische Verschleiß ist höher als der physische Verschleiß. Er meint damit, dass Maschinen veralten und ausgetauscht werden, bevor sie physisch nicht mehr nutzbar sind. Nur weil sie zu langsam geworden sind. Und so ist es inzwischen auch bei Konsumgütern. Jeder von uns kennt das bei seinem Computer. Und auch bei der Mode sieht man das ganz deutlich: Jedes Jahr, manchmal jeden Monat und teilweise sogar jede Woche kommen neue Kollektionen auf den Markt, die uns dazu bringen sollen, ständig neue Produkte zu kaufen, obwohl die alten noch voll funktionsfähig sind, wir sie nicht verbraucht haben. Das ist die eine Art, das Beschleunigungsspiel weiter in Gang zu halten. Die andere haben die Finanzmärkte entdeckt. Eben Gewinne machen zu können, ohne real zu produzieren.

Ich denke auch, dass wir uns da eine Art von sich selbst antreibendem System geschaffen haben. Die technischen Innovationen erlauben es uns eben nicht nur, Prozesse zu beschleunigen, sondern sie treiben auch einen sozialen Wandel an. Die Einführung des Internets hat ja nicht nur Dinge schneller gemacht, sondern auch ganz neue Dinge erzeugt: neue Berufssparten, neue Kommunikationsmuster, neue Hobbys oder Freizeitmöglichkeiten, sogar neue soziale Gruppen erzeugt. Hier haben technische Innovationen, die der Beschleunigung dienen, den sozialen Wandel angetrieben, und der soziale Wandel ist es dann, der Menschen das Gefühl gibt, sie müssen sich der Beschleunigung anpassen, um Schritt zu halten. Dass die Zeit also knapp ist.

Wachstumsbeschleunigungsgesetze finde ich daher irgendwie toll, weil sie das Dilemma ganz deutlich auf den Punkt bringen. Politiker können eigentlich gar nicht anders. Sie stecken in dieser Hamsterradlogik. Sie glauben, dass diese Gesellschaft sich nicht anders erhalten lässt als durch Wachstum. Also, ohne diese Wachstumsraten oder meinetwegen die Beschleunigung des Wachstums bricht das Wirtschaftssystem zusammen. Und dazu der daran hängende Sozialstaat. Dass man damit das Problem, an dem wir alle leiden, aber nicht löst, sondern noch größer macht, weil man mit dieser Politik die Räder, die Walzen und Spiralen weiter antreibt, ist dabei offensichtlich. Also eigentlich offenbart die Politik auch in solchen Wortungetümen wie dem Wachstumsbeschleunigungsgesetz nur, dass sie ziemlich ohnmächtig und auch ziemlich ratlos ist angesichts dieser Beschleunigungslogik. Deshalb, glaube ich, ist es ganz wichtig, dass wir das als politisches Problem wahrnehmen. Selbst wenn wir im Moment keine guten Antworten darauf haben. Zu sehen, dass diese Beschleunigungslogik uns letzten Endes alle in eine krisenhafte Situation stürzt, wäre schon mal ein wichtiger Fortschritt.

Man kann Bewegung und Beschleunigung nur vor einem stabilen Hintergrund wahrnehmen. Wenn sich aber alles gleichzeitig bewegt und beschleunigt, womöglich noch unkontrolliert, dann kann man keine Bewegung mehr erkennen. Dann habe ich hohe Veränderungsraten ohne jede Entwicklung, ohne Richtung. Dann haben wir rasenden Stillstand. Und ich glaube, dass die Gesellschaft langfristig in einem Zustand des rasenden Stillstands landen wird.

Ich glaube, dass die Beschleunigungslogik in der Kultur dieses Gesellschaftssystems und in ihren Strukturen und Institutionen so tief verankert ist, dass es nicht leicht zu sehen ist, wie wir uns davon jemals verabschieden könnten. Und die Erbarmungslosigkeit dieses Spiels, die Tatsache, dass es keine natürliche Grenze hat, keine Sättigung mehr erreicht, die macht mir ein bisschen Angst und Sorge. Ich denke, das ist so ähnlich wie mit einem Krebsgeschwür – der Krebs hört auch nicht auf zu wuchern, bevor er nicht seinen Wirt erledigt hat.

Die Frage sollte daher nicht sein: Wie viel Geschwindigkeit können wir aushalten?, die Frage muss lauten: »Wie viel Geschwindigkeit ist gut für ein gutes Leben? Was steigert die Qualität des Lebens?«

Ich glaube, Glück erfahren wir nicht in Zuständen, in denen wir völlig fremdbestimmt sind, weil wir atemlos durchs Hamsterrad rennen, zum Beispiel im Job. Aber wir erfahren Glück auch nicht, wenn wir gar nichts tun, in der Wellness-Oase, wo wir uns nur verwöhnen lassen. Sondern wir erfahren Glück in dem, was der ungarisch-amerikanische Psychologe Mihály Csikszentmihályi »Flow« nennt. Das heißt in Zuständen eines selbstbestimmten Tuns und Handelns, das mit einem gewissen Spaß, einem gewissen Reiz verbunden ist, aber auch eine gewisse Bedeutung für uns hat – und wo wir, jedenfalls vorübergehend, das Gefühl haben, dass wir ganz bei uns selbst sind. Wenn wir dieses Gefühl haben, dann haben wir nicht mehr das Gefühl eines Verzichts. Also, diese Idee des Verzichtens um des Verzichten willens, glaube ich, führt noch nicht zum Ziel. (…)

Viele Menschen denken, dass alles ruhig so bleiben könnte, wie es ist, wenn wir nur mehr Zeit hätten, wenn es nicht so hektisch wäre. Aber ich glaube, das geht nicht! Temposteigerung ist nicht etwas, was immer noch dazukommt zu dem bestehenden System, sondern sie ist ein integraler Teil des bestehenden Systems, insbesondere des ökonomischen. Wir können die Welt demnach nicht so lassen, wie sie ist, nur anhalten im Tempo. Entweder wir lassen die ökonomischen Strukturen, die politischen Strukturen, die gesellschaftliche und kulturelle Verfassung so, wie sie sind. Dann müssen wir immer schneller werden, bis wir gegen eine Wand fahren. Oder wir suchen uns ein ganz neues System.

Es ist mir völlig schleierhaft, warum wir denken, es könnte nicht anders sein. Es gab in der Geschichte der Welt, in der Geschichte der Menschheit unendlich viele Variationen an kulturellen Möglichkeiten, an Ideen, Gesellschaft zu gestalten. Und immer war die Wirtschaft ein Faktor unter vielen eines gesellschaftlichen Arrangements. Daneben spielten religiöse Ideen eine Rolle, politische Ideen, ständische Prinzipien und Tradition. Und darin war die Wirtschaft eingebettet. Und dass wir sagen, unser modernes, westliches kapitalistisches System oder von mir aus auch liberal-kapitalistisch ist so vollkommen, dass wir uns keine Alternative mehr vorstellen können, ist etwas ganz Rätselhaftes.

Ich glaube, dass uns wahrscheinlich nichts einfallen wird, solange wir uns in diesem Hamsterrad befinden, weil wir völlig damit beschäftigt sind, unsere gesamten Energien dafür gebunden sind, die Wachstumsbeschleunigung voranzutreiben, also das Rad am Laufen zu halten. Deswegen müssen wir die Alternative im Moment vielleicht gar nicht mal kennen. Vielleicht sollten wir das System erst einmal anhalten, damit wir überhaupt über Alternativen nachdenken können.

Und es ist ja auch nicht so, dass es keine Alternativideen gäbe. Es gibt durchaus alternative Wirtschaftsmodelle.

Unser Problem liegt darin, dass wir die richtigen und wichtigen Fragen gar nicht mehr stellen. Und wenn eine Gesellschaft, wenn Menschen keine wirklichen Fragen mehr haben, die sie antreiben und bewegen und befeuern, dann sind sie in der Krise.
Und ich glaube, das ist die Krise der modernen Gesellschaft. Ich glaube, Menschen brauchen, um ein gutes Leben zu führen, Fragen, an denen sie sich abringen können. Fragen wie »Gibt es Gott wirklich?« oder »Was will Gott von uns?«. Wenn man religiös ist. Aber man muss nicht religiös sein. Man kann sich auch fragen, ob der Sozialismus das beste System ist? Ob es okay ist, seinem Staat zu dienen? Oder so etwas.

Wirklich bewegende Fragen. Wir haben diese Fragen im Moment verloren, und ich habe die Hoffnung, den Wunsch, dass wir sie wiederfinden. Und dass wir kollektiv darüber nachdenken, was ein gutes Leben ist. Wann unser Leben gelingt, wann wir individuell und in Gemeinschaft das Gefühl haben, dass das Leben wirklich gelingt.

Wir haben es aufgegeben, kollektiv, gemeinschaftlich, auch politisch darüber nachzudenken, was denn eigentlich die Gesellschaft gut machen und funktionieren lassen würde. Und weil wir aufgehört haben, darüber nachzudenken, haben wir jetzt diesen sich verselbständigenden Beschleunigungs- und Wachstumsmechanismen erlaubt, so die Herrschaft über uns auszuüben, dass wir jetzt auch individuell nicht mehr aus dem Hamsterrad herausfinden.“

Rosa definiert drei Typen der Beschleunigung:
1. technische Beschleunigung
2. Beschleunigung des sozialen Wandels
3. Beschleunigung des Lebenstempos

Er diagnostiziert eine fast stillschweigende Akzeptanz des Phänomens und der Folgen, als wenn die „Beschleunigung“ vom Himmel gefallen wäre.

Deshalb: Nicht Geld, nicht Macht sondern Wachstum=Beschleunigung ist das Mantra der Gegenwart und alle fühlen sich in dem Zirkel gefangen.

Wer das hinterfragt stellt die SYSTEMFRAGE und wird anschließend als Querulant und Störenfried in die systemkritische Ecke ausgegrenzt.

Rosa plädiert für das Ausprobieren des Modells eines garantierten Grundeinkommens um überhaupt einmal Alternativen anzugehen.

Die einfache Formel lautet: Mehr Wachstum ⇒ mehr Beschleunigung ⇒ mehr Wettbewerb ⇒ mehr Konkurrenzdenken ⇒ mehr Stress ⇒ weniger Lebensqualität (Well-Being)

Das könnte Sie auch interessieren:

GD Star Rating
loading...